Debatte über Präsenzunterricht Fachleute fordern dringend Konzepte für Schulen in Omikron-Welle

Wenn die Ministerpräsidenten erst am 7. Januar über den Schulunterricht in den kommenden Wochen sprechen, sei das zu spät, sagen Fachleute. Sie fordern eine Sondersitzung der Kultusminister – so schnell wie möglich.
Schülerinnen und Schüler in Freiburg (Archivbild)

Schülerinnen und Schüler in Freiburg (Archivbild)

Foto: Patrick Seeger/ picture alliance / dpa

Präsenz oder Distanz? In gut einer Woche, am 7. Januar, wollen die Regierungschefs von Bund und Ländern wieder über die Coronalage beraten. Beim letzten Treffen kurz vor Heiligabend spielten die Schulen keine Rolle – ob sie beim nächsten Mal auf der Tagesordnung stehen, ist noch unklar.

Und auch die Bildungsministerinnen und -minister haben bisher – zumindest öffentlich – noch kein Sondertreffen zu Omikron vereinbart. Lediglich das Präsidium der Kultusministerkonferenz (KMK), in dem nur sechs von 16 Bundesländern vertreten sind, will am Donnerstag in einer Videoschalte über das Thema beraten. Beschlüsse sind nicht vorgesehen.

Ein Fehler, finden Bildungsfachleute. Sie fordern die KMK auf, jetzt dringend in einer Sondersitzung Konzepte für die Schulen zu erarbeiten. Bisher hatte Thüringen als einziges Bundesland Regelungen für die Omikron-Welle vorgelegt – dabei allerdings mit einem Hin und Her von Ankündigungen für Verwirrung bei Familien und Schulen gesorgt. Aktueller Stand: Ob die Schülerinnen und Schüler im Distanz-, Wechsel- oder Präsenzmodus unterrichtet werden, soll jeweils die Schulleitung entscheiden.

Bildungsminister will neues Infektionsschutzgesetz

Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) verlangte in diesem Zusammenhang eine kurzfristige Sitzung der Ressortchefs der Länder. Auch der OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher beklagte, dass Deutschland keine taugliche Strategie entwickelt hat. Der Verband Bildung und Erziehung schloss sich der Forderung nach schnellen KMK-Beschlüssen ebenfalls an.

Holter hatte am Mittwoch gesagt, er erwarte, dass die KMK noch vor der nächsten Schaltkonferenz der Regierungschefs von Bund und Ländern am 7. Januar neue Empfehlungen formuliere. Er sprach sich für eine Änderung des Bundesinfektionsschutzgesetzes aus, um an Schulen auch flächendeckend Distanzunterricht zu ermöglichen. »Die Lage hat sich einfach verändert. Und deswegen brauchen wir in der KMK auch eine neue Lagebewertung«, sagte Holter.

Bundesregierung und Bundesbildungsministerium hatten dagegen noch zu Wochenbeginn ihr Ziel bekräftigt, Schulen und Kitas offen zu halten. Der für Kinder und Jugendliche so wichtige Präsenzunterricht solle weiter stattfinden. Argumentiert wurde dabei vor allem mit den psychischen und sozialen Herausforderungen und Folgen möglicher Schließungen.

»Es rächt sich das Fehlen einer mittelfristigen Strategie, es geht ja immer nur um Überbrückungslösungen.«

Andreas Schleicher, OECD-Bildungsdirektor

Auch die SPD-Vorsitzende Saskia Esken sprach sich gegen die Schließung von Schulen aus. »Es hat die allerhöchste Priorität, diese Orte der Bildung und der persönlichen Entwicklung der Kinder und Jugendlichen offenzuhalten«, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Sonst fehle auch der Austausch untereinander. Als Mittel, um das zu sichern, nannte sie Tests sowie Impfungen von Schülern, Erzieherinnen und Lehrkräften.

Der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, sagte dagegen dem Berliner »Tagesspiegel«, das Prinzip »Augen zu und durch« habe in der Pandemie schon mehrfach nicht funktioniert: »Das endet mit dem größtmöglichen Schaden, nämlich dem Schließen aller Schulen.«

Defizite bei Grundschulkindern

Beckmann plädierte dafür, am Präsenzunterricht nicht um jeden Preis festzuhalten – auch wenn flächendeckende Schließungen keineswegs das Ziel seien. Aber die Inzidenzraten bei 5- bis 14-Jährigen seien schon jetzt teilweise doppelt und dreifach so hoch wie der Durchschnitt. Auch drohende Ausfälle bei den Lehrkräften müssten eine Rolle spielen.

OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher sagte der Zeitung: »Es rächt sich das Fehlen einer mittelfristigen Strategie, es geht ja immer nur um Überbrückungslösungen.« Zu einer solchen Strategie gehöre, die mittelfristigen Folgen sowohl des Schließens wie des Offenhaltens der Schulen für Schüler, Lehrkräfte und die Gesellschaft insgesamt abzuwägen. Entscheidend sei, dass Schulen lernten, mit dem Virus zu leben: »Dazu sind Investitionen in Infrastruktur genauso wichtig wie mehr Handlungsspielräume und Verantwortung vor Ort.«

Berlins neue Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse (SPD) beklagte unterdessen gravierende Folgen der Coronapandemie für die Schulkinder. Die Lernstandserhebungen nach den Sommerferien hätten große Defizite aufgezeigt, sagte sie der »Berliner Morgenpost«. Nach Angaben der Senatsverwaltung hat rund jeder vierte bis fünfte Schüler in der Hauptstadt Lernlücken aus der Pandemie.

Busse, die zuvor eine Grundschule leitete, berichtete: »An meiner Schule hatten wir zum Beispiel in der ersten Klasse zehn Kinder mit einem Sprachstand von null.« Wegen der Schließung der Kitas im Lockdown habe für diese Kinder zuvor keine Sprachförderung stattgefunden. So massiv habe sie Sprachprobleme bisher nicht erlebt, sagte Busse: Normalerweise gebe es pro Klasse höchstens ein Kind, mit dem praktisch keine Kommunikation möglich sei.

him/dpa