Protokolle zum Schul-Shutdown »Ich habe richtig Angst vor dem Januar«

Die meisten Schulen waren zuletzt geschlossen, die Kinder sollten zu Hause lernen. So könnte es Anfang 2021 weitergehen – was gemischte Gefühle auslöst. Zwei Mütter, zwei Lehrerinnen und eine Schülerin berichten.
Aufgezeichnet von Silke Fokken
Familie im Homeschooling (Symbolbild): Manche fürchten, dass es im Januar so weitergeht – andere ziehen das Lernen zu Hause dem Unterricht in den Schulen vor

Familie im Homeschooling (Symbolbild): Manche fürchten, dass es im Januar so weitergeht – andere ziehen das Lernen zu Hause dem Unterricht in den Schulen vor

Foto: vgajic / Getty Images

Der neue Stichtag für alle, bei denen sich das Leben stark um Kitas und Schulen dreht, ist der 10. Januar. Bis dahin sollen die Einrichtungen bundesweit geschlossen bleiben. Wie es danach weitergeht, liegt noch im Nebel. Manche Stimme aus der Politik verheißt allerdings schon jetzt: Aus Präsenzunterricht  mit vollen Klassenzimmern und dem üblichen Stundenplan wird eher nichts. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder etwa meinte, er könne sich nicht vorstellen, »dass danach alles normal weitergeht«. Das Virus kenne keine Daten.

Länder wie Niedersachsen haben bereits festgelegt, dass es zumindest für einige Jahrgänge wohl auf das Wechselmodell hinauslaufen wird. Schleswig-Holstein entwarf verschiedene Modelle abhängig vom Infektionsgeschehen. Demnach könnte es bei hohen Infektionszahlen ab dem 11. Januar auch mit Distanzunterricht  weitergehen. Dies gilt nicht nur im Norden.

Nach den Erfahrungen der vergangenen Tage blicken einige Menschen mit sehr gemischten Gefühlen auf dieses Szenario. Was manche herbeisehnen, erfüllt andere mit großen Sorgen.

Zwei Mütter, zwei Lehrerinnen und eine Schülerin haben dem SPIEGEL von ihren sehr persönlichen Erfahrungen im zweiten Schul-Shutdown am Telefon erzählt – und von ihren teils gravierenden Sorgen mit Blick auf das Ende der Weihnachtsferien.

»Ich habe richtig Angst vor dem Januar« 

Beatrix Hellwig, 40, vier Kinder, 5, 6, 8 und 10 Jahre alt, aus Frankfurt am Main 

»Es war wieder fast alles wie im Frühjahr. Seit Montag saß ich mit meinen drei Kindern, die in die 1., 2. und die 4. Klasse gehen, am Esstisch und habe mit ihnen rund zwei Stunden pro Tag Hausaufgaben gemacht. Die beiden Jüngeren brauchten eine hundertprozentige Begleitung. Der Erstklässlerin musste ich die Aufgaben vorlesen, damit sie sie überhaupt machen konnte. Mein viertes Kind, fünf Jahre alt, konnte ich eine Weile mit Ausmalblättern beschäftigen, aber es ist schwierig, wenn der Kleinste so gar keine Aufmerksamkeit bekommt. Es flossen immer mal wieder Tränen, die Kinder und ich waren angespannt.  

Gleichzeitig musste ich eigentlich im Homeoffice als Referentin einer Stiftung arbeiten. Aus der Not habe ich das morgens von 5 bis 7 Uhr und danach irgendwie zwischendurch erledigt. Das ist total anstrengend, auch körperlich. Dass Politiker davon ausgehen, ich könne gleichzeitig zu Hause arbeiten und meine Kinder beschulen, ist komplett lebensfremd. Wenn ich mit den Kindern lerne, kann ich eigentlich nicht mal in den Keller gehen, um die Waschmaschine anzustellen, weil sie sich sofort streiten oder übers Sofa hüpfen. Die Kinder brauchen die Schule, um richtig zu lernen.  

Die beiden Jüngeren hatten in der letzten Woche immerhin eine Videokonferenz und darüber Kontakt zu Mitschülern und Lehrern. Der Älteste sollte sich jeden Tag um neun Uhr in eine Videokonferenz einloggen, aber als die Schulen am Mittwoch bundesweit schlossen und in den Distanzunterricht wechselten, ging um neun Uhr gar nichts mehr. Er kam nicht rein. Später klappte es wieder, aber nur mit Ton – ohne Bild. Für jüngere Kinder ist es schwierig, sich darauf zu konzentrieren.  

Ich finde ja gut, dass es diese digitalen Kontakte nun überhaupt gibt. Aber dass die Politik an Schulen in den vergangenen neun Monaten nicht mehr geschafft hat, ist ziemlich ernüchternd. In einem Brief von der Behörde hieß es, es bestehe weiter Schulpflicht. Gleichzeitig hieß es, ich dürfe meine Kinder nur in absoluten Notfällen in die Kita und Schule bringen. Ich habe das als riesigen emotionalen Druck empfunden. Ich habe sie anfangs nur am Nachmittag in den Hort gebracht, aber da waren am Mittwoch keine anderen Kinder. Nur meine. Ich musste mich rechtfertigen und habe sie nicht mehr geschickt.  

Aber bedeutet das nun, ich muss zu Hause sicherstellen, dass meine Kinder die Schulpflicht erfüllen? Der Staat kann diese Aufgabe doch nicht auf die Eltern abwälzen.

Mein Mann hilft mit, aber weil er Vollzeit arbeitet und ich Teilzeit, bleibt – wie wohl bei vielen Frauen – das meiste an mir hängen. Ich fühle mich von der Politik im Stich gelassen, zumal wenn nun manches Versprechen nicht für Eltern im Homeoffice gelten sollte. Ich habe richtig Angst vor dem Januar. Wenn Kitas und Schulen länger geschlossen bleiben sollten, weiß ich nicht, ob ich die Betreuung neben der Arbeit weiter leisten kann, ob ich das alles schaffe oder eine Hilfe anstellen muss. Ich fühle mich allein. Den Gedanken an den Januar versuche ich zu verdrängen.«  

»Ich befürchte, dass die Politik das Primat des Präsenzunterrichts wieder hochhält«

Lüften und Maske tragen (Symbolbild)

Lüften und Maske tragen (Symbolbild)

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Lehrerin und Mutter aus Baden-Württemberg, möchte anonym bleiben:

»Ich blicke mit Bauchschmerzen in den Januar, weil ich befürchte, dass die Politik dann das Primat des Präsenzunterrichts wieder hochhält. Als ob das Recht auf Bildung nur in einem vollen Klassenraum gewährt werden könnte, in dem Kinder stundenlang Masken tragen und frieren, weil dauernd das Fenster aufgerissen werden muss – mangels alternativer Konzepte für den Gesundheitsschutz. So können Schüler doch nicht lernen.

Ich unterrichte Englisch, aber wenn wir alle Masken tragen, kann ich die Schüler akustisch kaum verstehen und sie mich nicht. Ich brülle dann durch meine FFP2-Maske. Wir lachen, dabei finde ich die Sache eigentlich nicht witzig. Damit die Schüler Muttersprachler hören, wollte ich neulich einen BBC-Beitrag aus dem Internet starten. Blöd nur, dass wir an der Schule kein stabiles Netz haben.

Ich bin zuletzt oft mit großer Sorge in die Schule  gegangen, weil ich Angst habe, mich dort anzustecken und das Virus in meine Familie zu tragen. Meine Kinder, 10 und 14 Jahre alt, sind gesundheitlich gefährdet. Die Jüngere wird deshalb seit Wochen von meiner Mutter, die über 70 ist, zu Hause betreut. Das geht, weil in Baden-Württemberg schon vor längerer Zeit die Präsenzpflicht aufgehoben wurde – nur für mich als Lehrerin natürlich nicht.

So habe ich Kinder im Klassenraum und auch zu Hause beschult. Ich möchte das gut machen, ich verschicke keine Arbeitsblätter per E-Mail. Aber das ist eine einzige Hetze. Man wird nie allen gerecht. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte. Dabei haben wir an unserer Schule ein sehr gutes Konzept für Distanzunterricht, das zumindest für ältere Schüler trägt.

Wir haben kurz vor dem ersten Shutdown im März zwei Tage und Nächte durchgearbeitet und mithilfe des Administrators für jede Klasse einen digitalen Raum eingerichtet, datenschutzkonform. Was mich nur furchtbar frustriert hat: Dieses Modell durften wir nach den Sommerferien nicht für alle nutzen, weil unbedingt Präsenzunterricht erteilt werden musste. Ich habe das dann trotzdem für Schüler gemacht, die zu Hause waren.

Als die Schulen nach einer langen politischen Aufschieberei und Hängepartie nun schließen mussten, kam das für uns im Kollegium dann doch überraschend. Mein Unterricht lief ab da komplett über dieses Modell. Ich saß zu Hause, die Schüler auch, und so haben wir uns täglich zu festen Zeiten, im Rahmen der Schulstunden, in Videokonferenzen gesehen. Wenn die Schüler etwas Geheimes machen wollten, haben sie mich ab und zu ausgeschaltet. Das hat sehr gut geklappt. Eine Kollegin hat sogar ›aus der Kiste‹ heraus unterrichtet, als sie auf das Ergebnis ihres Coronatests gewartet hat.«

»Das Projekt ›Digitales Lernen‹ ist leider komplett gescheitert«

Mutter mit Kind (Symbolbild)

Mutter mit Kind (Symbolbild)

Foto: MARIA ALEJANDRA CARDONA/ REUTERS

Mutter aus Hessen, 45, möchte anonym bleiben:  

»Meine Tochter, zweite Klasse, hat ein paar Arbeitsblätter bekommen, die sie bearbeiten soll. Richtig Schule ist das nicht, eher Beschäftigung. Mein Sohn geht in die sechste Klasse am Gymnasium. Die Schule wollte in den vergangenen Tagen testen, wie der Unterricht auf Distanz aussehen kann, weil sie nicht davon ausgeht, dass im Januar wieder der normale Betrieb anläuft. Aber das Projekt ›Digitales Lernen‹ ist leider komplett gescheitert.   

Mein Sohn sollte zum Beispiel am Englisch-Meeting teilnehmen, ist aber nach zwei Minuten rausgeflogen, wohl weil sich zu viele gleichzeitig angemeldet haben. Die Lehrerin hat für den nächsten Tag zu einer Zoom-Konferenz eingeladen, aber es ist fraglich, ob das datenschutzkonform ist. Mich ärgert wirklich, dass die Schulen nicht besser vorbereitet sind und das Krisenmanagement so miserabel  ist.

Ich arbeite bei einer großen Behörde, bei der es im Frühjahr auch Schwierigkeiten mit Videokonferenzen und digitalem Arbeiten gab, aber bei uns ist kräftig investiert und das Problem gelöst worden. Warum ist das bei den Schulen verschlafen worden? Und warum haben die nun geschlossen, etliche Behörden aber nicht? Im Klassenraum ist es doch nicht gefährlicher als im Bürgerbüro!  

Dazu kommt, dass es mit Digitalisierung nicht getan ist. Eine Zweitklässlerin kann nicht allein zu Hause an Videomeetings teilnehmen und auch der Zwölfjährige ist kein IT-Crack. Der ist aufgeregt und braucht Hilfe, wenn er aus dem System fliegt. So bleibt wieder alles an uns Eltern hängen. Mein Mann und ich arbeiten Vollzeit und wechseln uns nun ab. Er geht vormittags ins Büro, ich nachmittags.   

Bei drei Tagen vor den Weihnachtsferien will ich noch nicht meckern. Aber wenn das im Januar so weitergeht, bin ich sauer. Denn dann wird es schwierig – für uns Eltern und für die Kinder. Sie vermissen sehr ihre Freunde. Mein Sohn hängt ständig am Handy und hält so den Kontakt. Immerhin hat er das Bücherlesen für sich entdeckt.« 

»Viele Kinder brauchen das Gefühl, dass jemand für sie da ist, neben ihnen sitzt, sich um sie kümmert«

Schülerinnen und Schüler in Unterhaching (Archiv)

Schülerinnen und Schüler in Unterhaching (Archiv)

Foto:

Sven Hoppe/ DPA

Ruth Brenner, 61, Förderschullehrerin an einer Grund- und Mittelschule in Bayern, Personalrätin und aktiv bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): 

»In Bayern ging es zuletzt ein bissl Durcheinander, ob wir nun Distanzunterricht, also digitales Lernen etwa per Videoschalte, oder Distanzlernen, also schulisch angeleitetes Lernen etwa über Arbeitsblätter zu Hause, anbieten sollen. Da kamen aus der Politik widersprüchliche Ansagen – vielleicht auch weil an einigen Schulen digitales Lernen mangels technischer Voraussetzungen nicht möglich ist.

Wir haben an unserer Schule zwar neue Laptops, die wir nun im zweiten Shutdown an bedürftige Schüler verteilt haben. Aber diese reichen nicht an allen Schulen für alle Schülerinnen aus. Viele Schüler haben ein privates Gerät zu Hause, einige müssen sich das jedoch mit zwei oder drei Geschwistern teilen. Wieder andere haben zu Hause kein stabiles Internet. Deshalb können wir als Lehrkräfte nicht alle Schüler digital zu Hause erreichen. Denen musste auch jetzt vor den Weihnachtsferien hinterhertelefoniert werden.

Von Jugendämtern ist zudem zu hören, dass es aufgrund der Coronakrise und gerade auch an Weihnachten in Familien zu angespannten Situationen bis hin zur Gewalt kommen kann. So etwas habe ich von ›meinen Schülern‹ zwar noch nicht gehört, aber solche Dinge gehen einem durch den Kopf, und man macht sich Sorgen. Ich hoffe sehr, dass wir ab dem 11. Januar zumindest im Wechselmodell unterrichten können.

Für manche Schüler wäre es sinnvoll, zumindest einmal am Tag für zwei Stunden in der Schule zu sein. Viele Kinder brauchen den Zuspruch, das Gefühl, dass jemand für sie da ist, neben ihnen sitzt, sich um sie kümmert und ihre Probleme kennt. Vor allem, wenn die Eltern nicht beim Lernen helfen können. Man muss auch bedenken, dass nicht alle Familien gut Deutsch sprechen. Viele Kinder haben die Rückschläge von den Schulschließungen im Frühjahr nur bedingt aufgeholt. Man kann sich vorstellen, wie schwierig es ist, wenn Erstklässler im Leselernprozess immer wieder unterbrochen werden.

Wir hatten zwar ›Brückenangebote‹, also Zusatzförderstunden, aber da sind viele Kinder wegen Quarantäne prompt wieder herauskatapultiert worden. Wenn die Schulen im neuen Jahr weiter geschlossen bleiben, muss es für diese besonders gefährdeten Kinder unbedingt Notgruppen geben – unabhängig vom Beruf der Eltern. Außerdem brauchen wir endlich brauchbare Konzepte für den Gesundheitsschutz an Schulen, beispielsweise ausreichend kostenlos zur Verfügung gestellte FFP2-Masken für Schüler und Lehrer. Es ist doch hanebüchen, dass an den Schulen über Wochen Vollbetrieb war – und wir noch nicht einmal entsprechende Masken bekommen haben!«

»Große Sorgen um bevorstehende Prüfungen«

Joanna Kesicka

Joanna Kesicka

Foto: privat

Jonna Kesicka, 19, Schülerin aus Görlitz und Vorsitzende des Landeschülerrats Sachsen:  

»In Sachsen sind die Schulen seit Montag zu. Viele Lehrer hatten dieses Szenario die ganze Zeit im Hinterkopf und haben uns mit Aufgaben zum Wiederholen und Festigen von Stoff versorgt. Leider ist das aber nicht die Norm. Nun lerne ich an einem Tag Mathematik, am nächsten Deutsch und so fort. Die Aufgaben muss ich jeweils bis zu einer bestimmten Frist erledigen und an den Lehrer schicken. Das ist ähnlich wie im Frühjahr. Zusätzlich sollte es nun eigentlich Videokonferenzen über die Lernplattform LernSax geben, aber das hat überhaupt nicht funktioniert.   

Es gab unter anderem wegen eines Hackerangriffs Probleme. Die Seite war nicht erreichbar oder nur nach langer Wartezeit. So hatte ich, ähnlich wie viele andere Schüler, keine einzige Videoschalte. Um mich mit Mitschülern auszutauschen, kommuniziere ich viel per Nachrichten mit ihnen. Mit Lehrern halte ich per E-Mail Kontakt.  

Im Vergleich zu vielen anderen Schülern bin ich noch gut dran: Ich habe einen eigenen Laptop – und einigermaßen stabiles Internet. Genau das haben viele Schüler in ländlichen Regionen nicht. Die können sich allenfalls übers Handy Hotspots einrichten, und das wird unter Umständen teuer. Ich weiß von Schülern, die sich nicht einmal ein Arbeitsblatt als PDF herunterladen konnten. So kann niemand vernünftig lernen.  

In Sachsen wären die Ferien eigentlich am 4. Januar zu Ende gewesen, nun geht der Unterricht vor Ort frühestens am 10. Januar wieder los, möglicherweise sogar noch später. Das heißt also: noch länger Distanz- oder Wechselunterricht. Viele Schüler machen sich dieses Jahr deshalb große Sorgen um ihre bevorstehenden Abschlussprüfungen. Bei mir geht es ums Abitur.

Nach den wochenlangen Schulschließungen im Frühjahr, dem Unterricht im Corona-Modus und nun dem erneuten Shutdown gehen wir, fürchte ich, mit einem Nachteil in die Prüfungen. Wir bräuchten deswegen dringend einen Nachteilsausgleich und Sicherheit, wie es weitergeht und worauf wir uns einstellen müssen. Wegen des Abiturs sind wir ohnehin aufgeregt, die Schulschließungen sorgen nun für noch mehr Druck.«  

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