Lockerungen trotz steigender Inzidenzen Die Schulen öffnen – obwohl manche Rektoren und Eltern gar nicht wollen

Schnelltests und das Impfen von Lehrkräften gelten als wichtige Bausteine für die Öffnung von Deutschlands Schulen. Aber was, wenn beides noch nicht klappt? Manche üben sich im Boykott.
Schüler im Wechselunterricht (Symbolbild)

Schüler im Wechselunterricht (Symbolbild)

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Bernd Wüstneck/ DPA

Die Post war zwar schon da, aber das dringend erwartete Paket noch nicht dabei. Die vom Ministerium versprochenen Selbsttests für seine Schülerinnen und Schüler sind am Dienstag nicht bei Thilo Mücher angekommen. »Ich hoffe, dass sie in diesen Tagen geliefert werden«, sagt der Leiter des Bergischen Berufskollegs in Nordrhein-Westfalen. Dass er noch darauf warten muss, ist einer der Gründe, warum Mücher seine Schule in dieser Woche noch nicht so weit geöffnet hat, wie er das laut Ansage seiner obersten Dienstherrin, Kultusministerin Yvonne Gebauer (FDP), eigentlich hätte tun sollen.

Am Montag sollten in Nordrhein-Westfalen neben Grundschülern und Abschlussklassen auch alle Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 zumindest im Schichtsystem in halber Klassenstärke wieder in die Schulen kommen. Für die Berufsschulen ordnete das Ministerium an, »dass Unterricht auch wieder in Präsenz aufgenommen wird«, ebenfalls im Wechselmodell, für alle Bildungsgänge und Klassen. Das Schulministerium argumentierte, es wolle mehr schulische Normalität ermöglichen, mehr Stabilität und Regelmäßigkeit im Tagesablauf von Kindern. Gebauer lobt dabei beständig einen »Dreiklang aus Schützen, Impfen und Testen«.  

Mehrere Bundesländer setzen bei ihren Schulöffnungen auf ähnliche Konzepte. Die verantwortlichen Politiker wollen die durch Schließungen entstehenden massiven Schäden bei Kindern und Jugendlichen minimieren. Eine bundesweite Strategie fehlt aber bis jetzt. Und der viel beschworene Dreiklang kann vielerorts noch gar nicht umgesetzt werden, weil schlicht noch keine Tests da sind. Viele Schulleiter sind darüber empört, Einzelne setzen sich zumindest teilweise über Regeln hinweg. Wie Thilo Mücher.

»Lieber vorsichtig wieder öffnen«

Laut Gebauers Vorgaben hätte der Schulleiter seit dem 15. März eigentlich alle seine 2.650 Schülerinnen und Schüler zumindest tage- oder wochenweise wieder an die zwei Standorte seiner Schule in Wermelskirchen und Wipperfürth zurückholen sollen. Der eine Standort gehört jedoch zum Oberbergischen Kreis  mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von zuletzt mehr als 100 Fällen auf 100.000 Einwohner, der andere liegt im Rheinisch-Bergischen Kreis mit einer Inzidenz von mehr als 70. »Ich möchte die Schule deshalb lieber vorsichtig wieder öffnen und dies mit einer Teststrategie verknüpfen«, sagt Mücher.

Erst vor wenigen Wochen habe es an seiner Schule kurz nacheinander zwei Coronafälle gegeben, unter anderem bei einer Prüfung. Rund 50 Schüler und drei Lehrer hätten daraufhin in Quarantäne gemusst, sagt der Schulleiter. Derzeit werde im Bergischen Berufskolleg die Hälfte der Klassen, nämlich die Abschlussklassen, im Wechselunterricht beschult. Sie sollen laut den politischen Vorgaben vorrangig in Präsenz unterrichtet werden, und daran halte er sich, sagt Mücher. Er habe dieses Vorgehen mit dem Schulträger und der Schulaufsicht abgestimmt, denn in der Schule könne er derzeit die notwendigen Schutzvorkehrungen für mehr Schülerinnen und Schüler in Präsenz nicht anbieten. »Wir bräuchten dann doppelt so viele Räume und doppelt so viele Lehrkräfte«.

Alternativ müssten Lehrerinnen und Lehrer gleichzeitig Distanz- und Präsenzunterricht anbieten: »eine Zerreißprobe, nicht leistbar«, findet Mücher. »Wir werden nun überlegen, wie wir die Selbsttests logistisch gut organisieren und dann alle Schüler ab kommender Woche weiter nach und nach in die Schule holen.«

Dortmund scheitert mit Antrag auf Schulschließungen

Mit seiner eher vorsichtigen Haltung steht Mücher nicht allein. Die Stadt Dortmund wollte am Dienstag angesichts steigender Corona-Infektionszahlen und dem AstraZeneca-Impfstopp sogar alle ihre Schulen ab Mittwoch schließen. »Wir sind der festen Überzeugung, dass es in diesem Moment überhaupt keinen Sinn ergibt, die Schulen zu öffnen. Deswegen haben wir den dringenden Appell an die Schulministerin, die Schulöffnung und das Hochfahren des Präsenzunterrichts sofort zu beenden«, sagte Oberbürgermeister Thomas Westphal  (SPD) nach einer Sitzung des Verwaltungsvorstandes der Stadt.

Aus Sicht des Gremiums ist das Öffnungskonzept der Schulen geknüpft an Impfungen und Tests. Seit Bekanntgabe des vorläufigen Impfstopps von AstraZeneca fehle die Grundlage für diesen Gesamtplan von »Impfen, Testen, Öffnen«. Man habe die Lehrer mit AstraZeneca impfen wollen, das sei jetzt unmöglich. »Deshalb lieber jetzt zu machen«, sagte der Oberbürgermeister, dann blieben mit den Osterferien fast vier Wochen, um Schutzmaßnahmen an den veränderten Bedingungen auszurichten. Die Stadt habe dem NRW-Gesundheitsministerium angekündigt, dass sie beabsichtige, die Schulen ab Mittwoch zu schließen.

Die Abfuhr kam nur wenige Stunden später. Die Stadt dürfe ihre Schulen nicht schließen, hieß es von Landesgesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU). Bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 71,2 Neuinfektionen unter 100.000 Einwohnern binnen einer Woche kämen Schulschließungen nicht infrage. Laumann kritisierte, dass der Stadt offenbar keine anderen Maßnahmen einfielen. Die Sieben-Tage-Inzidenz steigt landesweit und lag laut Robert Koch-Institut am Dienstag in Nordrhein-Westfalen bei 82,9.

Der Kreis Düren hatte vor einer Woche beantragt, die weiterführenden Schulen entgegen Gebauers Ansage wegen hoher Inzidenz-Zahlen bis zu den Osterferien geschlossen zu halten. Hier lag der Wert Ende vergangener Woche bei 138,3, in der Stadt Düren bei 240. Doch auch in diesem Fall hieß es schließlich aus Düsseldorf: Die Schülerinnen und Schüler müssen zurück in die Klassenzimmer.

Aus dem Schulministerium heißt es, die Bezirksregierung Köln verschaffe sich derzeit einen Überblick, welche Schulen sich weiteren Öffnungsschritten verweigerten. Über weitere Maßnahmen werde zu entscheiden sein, wenn der Sachverhalt klar ermittelt sei. Grundsätzlich sei nicht ausgeschlossen, dass im Einzelfall Schutzmaßnahmen getroffen werden, die über die Coronabetreuungsverordnung für den Schulbereich hinausgehen. »In keinem Fall steht eine solche abweichende Regelung aber im Belieben einer einzelnen Schule«, betont die Behörde.

»Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Es ist widersinnig, bei diesen Zahlen im großen Stil Schülerinnen und Schüler in die Schulen zu holen.«

Gudrun Wolters-Vogeler, Vorsitzende des Allgemeinen Schulleitungsverbandes Deutschland

Angesichts von bundesweit steigenden Fallzahlen plädiert der Allgemeine Schulleitungsverband Deutschland dafür, dass ältere Schülerinnen und Schüler vorerst weiter im Distanzunterricht lernen. »Unter medizinischen Gesichtspunkten kann man eine Öffnung jetzt nicht verantworten«, sagte die Vorsitzende Gudrun Wolters-Vogeler den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Man wisse, dass die Not der Schüler groß sei. »Aber die Not der Kolleginnen und Kollegen ist auch groß, solange sie nicht geimpft sind und nicht regelmäßig getestet wird.« Schon jetzt sehe man, wie die Zahl der Infektionen und der Quarantänefälle hochgehe.

»Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge«, sagte Wolters-Vogeler. »Es ist widersinnig, bei diesen Zahlen im großen Stil Schülerinnen und Schüler in die Schulen zu holen.« Die Grundschüler und ältere Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf sollten aber so früh wie möglich wieder in die Schulen gehen.

Die Bundesländer gehen bei ihren Schulöffnungen derzeit ganz unterschiedlich  vor. Während etwa NRW alle Jahrgänge seit Montag wieder im Wechselmodell beschulen will, verzichtet Berlin vorerst auf weitere Lockerungen. So sollen etwa die Schüler der Klassenstufen 7 bis 9, anders als geplant, vor den Osterferien keinen Präsenzunterricht haben. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) erklärte die Kehrtwende mit hohen Coronazahlen – und fehlenden Testmöglichkeiten. Weitere Schüler sollten erst wieder an die Schulen zurückkehren, wenn es ausreichend Coronatests für alle gibt: »Dass wir nach Ostern wir eine ganz andere Situation haben, davon gehen wir alle aus.«

Auch beim Testen verfolgen die Länder in der Coronakrise keine einheitliche Strategie. Sachsen bietet Schülerinnen und Schülern bestimmter Klassenstufen schon seit Anfang des Jahres regelmäßig Coronatests an. Ab Mittwoch sollen nun laut Kultusministerium an allen weiterführenden Schulen des Landes flächendeckend Selbsttests zur Verfügung stehen. »Damit wird eine wöchentliche Testung der Schülerinnen und Schüler ab Klasse fünf verpflichtend«, kündigte Kultusminister Christian Piwarz (CDU) an. Es sei nicht leicht gewesen, in der kurzen Zeit die Tests zu beschaffen. Eigentlich sollten sie schon ab Anfang der Woche zur Verfügung stehen. Schleswig-Holstein will Schülern ab kommender Woche einen freiwilligen Schnelltest anbieten. In den kommenden Tagen sollen im Norden mehr als 500.000 solcher Testkits ausgeliefert werden.

In Baden-Württemberg können sich bisher nur die Lehrkräfte und weiteres Schulpersonal zweimal pro Woche testen lassen. Nordrhein-Westfalen will weiterführenden Schulen ab dieser Woche kurzfristig rund 1,8 Millionen Selbsttests zur Verfügung stellen. Laut Schulministerium seien bisher 300.000 verschickt worden, weitere würden folgen. So sollen alle Schülerinnen und Schüler bis zu den Osterferien, die in NRW Ende März beginnen, eine Testmöglichkeit erhalten, also einmal innerhalb von zwei Wochen.

Die Tests sollen an einem von der Schule festgelegten Tag in den Räumen der Schule möglichst zu Beginn des Unterrichtes erfolgen, beaufsichtigt von Lehrern – und bei geöffneten Fenstern. Kinder sollen sich zudem gründlich die Hände waschen. Fällt ein Test positiv aus, soll das betreffende Kind von den Eltern abgeholt werden oder nach Hause gehen, möglichst nicht mit Bus oder Bahn. Das Ministerium betont zudem , die Tests sollten absolut freiwillig erfolgen. Es sei »darauf zu achten, dass Schülerinnen und Schüler, die sich nicht testen lassen, nicht bedrängt werden. Kein Schüler und keine Schülerin darf ausgegrenzt werden, wenn er oder sie sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht an der Testung beteiligt«.

Scharfe Kritik kommt von Elternseite. Die Landeselternschaft der Gymnasien in NRW bezweifelt, dass freiwillige Tests den gewünschten Effekt für den Gesundheitsschutz haben. Zudem sei die seltene Frequenz der Tests fragwürdig. Vorstandsmitglied Franz-Josef Kahlen kritisierte: »Welchen Wert hat es, wenn man einmal in zwei Wochen testet und wenn dieser eine Test eine Aussagekraft für einige Stunden hat? Werden wir mit Placebos veralbert?« Auch das Setting der geplanten Tests wird moniert: »Wann war Ministerin Gebauer zuletzt beim Arzt und wurde dort quasi im Wartezimmer untersucht, und alle anderen guckten zu? Wer nach dem Test rausgehen muss, ist also sofort geoutet«, schreiben die Eltern in einer Mitteilung. Es sei fraglich, wie dies pädagogisch aufgefangen werden solle. »Unsere Kinder müssen wieder in die Schule, aber nicht um jeden Preis.«

Wegen des AstraZeneca-Impfstopps und der Boykottankündigung aus Dortmund kommt der Düsseldorfer Landtag am Freitag zu einer Sondersitzung zusammen, die SPD und Grüne beantragt haben: »Der Landesregierung entgleitet das Coronamanagement«. Der bildungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion Thomas Sattelberger mahnt, Deutschland müsse insgesamt dringend bei der Impf- und Teststrategie nachbessern, um erneute flächendeckende Schulschließungen zu verhindern. Der Staat müsse mehr zu bieten haben als Stop-and-Go.

Mit Material von dpa
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