Coronakrise Wie die "neue Normalität" an den Schulen unter Druck gerät

Wie sollen die Schulen auf die steigenden Infektionszahlen reagieren? Schichtbetrieb, lokale Stufenpläne, Präsenzunterricht - alles hat Vor- und Nachteile. Der Frust bei Eltern- und Lehrerverbänden steigt.
Maskenpflicht im Unterricht: Einige Lehrer und Elternverbände fordern mehr Infektionsschutz (Symbolbild)

Maskenpflicht im Unterricht: Einige Lehrer und Elternverbände fordern mehr Infektionsschutz (Symbolbild)

Foto:

Arne Dedert / dpa

Der normale Stundenplan gilt nicht mehr: Die ersten Schulen in Deutschland erteilen angesichts steigender Corona-Zahlen wieder Unterricht im Schichtsystem. Wenn in den Klassenräumen der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, müssen Klassen geteilt werden und im Wechsel Präsenz- und Fernunterricht erhalten. Stichwort "hybrides Lernen". So lautet die Vorgabe des Landratsamts Fürstenfeldbruck  in Bayern - zum Ärger vieler Eltern.

Die Initiative "Familie in der Krise" spricht von einem "massiven Eingriff in die Rechte der Kinder auf soziale Teilhabe und Bildung" . Es sei "unverhältnismäßig", wenn Schulen und Kitas pauschal und ohne konkrete Hinweise auf die Verbreitung von Covid-19 innerhalb der Einrichtungen für mindestens einen Teil der Kinder geschlossen würden. Das Landratsamt dagegen argumentiert mit gestiegenen Fallzahlen in der Region.

Man habe den Schwellenwert von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen überschritten, heißt es von der Behörde. Deshalb tritt nun in Fürstenfeldbruck und einigen anderen Landkreisen Stufe drei des bayerischen Corona-Plans in Kraft. Dazu gehört auch, dass Kitakinder in reduzierter Gruppenstärke betreut werden.

Im Landkreis Rottall-Inn wurde gar ein Lockdown verhängt, ab Dienstag werden Kitas und Schulen geschlossen. Im Landkreis Berchtesgaden sind sie bereits seit einigen Tagen zu. Spielt sich hier lokal ein Szenario ab, das bald ganz Deutschland treffen könnte?

Beispiel Berlin: Warnstufe Rot

Unisono haben die Kultusminister bisher beschworen, Schulen und Kitas sollten so lange wie möglich offen bleiben. Der Präsenzunterricht habe "oberste Priorität". Flächendeckende Schulschließungen wie im Frühjahr wollen die Bildungspolitiker unbedingt vermeiden, wenn irgend möglich auch eine Rückkehr zum "hybriden Lernen", zum Wechselmodell.

Kinder und Jugendliche seien Studien zufolge nicht die Treiber der Pandemie, hätten aber ein Recht auf Bildung - und dies lasse sich am besten in der Schule umsetzen, so die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Stefanie Hubig.

Am Freitag und an diesem Montag berieten die Minister erneut über Corona-Maßnahmen an Schulen. Das Ergebnis soll spätestens am Dienstag bekannt gegeben werden. Dass die Politiker ihre Haltung grundsätzlich ändern, ist unwahrscheinlich. Fest steht aber: Das Thema polarisiert, auch innerhalb der Eltern- und Lehrerschaft. Der Druck, den Unterricht bei voller Stundentafel im normalen Klassenverband aufzugeben, wird größer - der Druck, die Schulen offen zu halten, aber auch.

Berlin will den Mittelweg gehen: In der Hauptstadt gilt ab Donnerstag ein Stufenplan , der bei einem "hohen Infektionsgeschehen" im lokalen Umfeld von Schulen eine Rückkehr zum "hybriden Lernen" vorsieht. Wann genau die entsprechende Warnstufe Rot an einer Schule eintritt, soll "differenziert" betrachtet werden und wird bisher nicht an Fallzahlen festgemacht - auch bundesweit gibt es eine solche einheitliche Linie bisher nicht.

Lehrernote fürs Krisenmanagement: mangelhaft

Genau darüber ärgern sich Kritiker vom Bundeselternrat, dem Verband Bildung und Erziehung (VBE) sowie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW): "Das Ganze läuft nach dem Motto Richtgeschwindigkeit auf Autobahnen. Viele können gut damit umgehen, wenige sind übervorsichtig und manche kacheln mit 250 km/h in den Stau." Man erwarte, dass der Rat der Wissenschaft ernst genommen werde, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung.

Hintergrund sind Empfehlungen des Robert Koch-Instituts  (RKI) vom 12. Oktober. Dabei geht es um konkrete Empfehlungen für Schulen, die mit Schwellenwerten zum Infektionsgeschehen verknüpft sind. Bei mehr als 35 Corona-Fällen binnen sieben Tagen auf 100.000 Einwohner innerhalb einer kreisfreien Stadt oder innerhalb eines Landkreises soll demnach gelten:

  • Schulaktivitäten mit potenziell erhöhter Infektionsgefährdung (Chor, Bläserorchester, Kontaktsportarten) müssen weitgehend unterbleiben.

  • Es soll eine Maskenpflicht auch im Unterricht der weiterführenden Schulen gelten.

  • Eine Verkleinerung der Klassen sowie Schulschließungen mit Distanzunterricht sollen zumindest "optional" geprüft werden.

Bei mehr als 50 Fällen binnen sieben Tagen auf 100.000 Einwohner empfiehlt das RKI:

  • Schüler aller Jahrgänge sollen Masken im Unterricht tragen.

  • Klassen sollen (durch Teilung oder Wechselunterricht) verkleinert werden, sodass ein Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten werden kann.

  • Schulschließungen sollen geprüft werden.

Nur einzelne Bundesländer haben diesen Rahmen bislang so oder ähnlich umgesetzt. Mehrere Städte liegen zwar über dem Schwellenwert von 50, sind aber dennoch nicht zum Unterricht im Schichtbetrieb zurückgekehrt. Kritiker wie Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, halten das für "fahrlässig" und fordern mehr Infektionsschutz.

Unterricht im Schichtsystem: "Katastrophal"

Meidinger, selbst Leiter eines Gymnasiums in Bayern, gehört zu einer starken Fraktion von mehreren Eltern- und Lehrerverbänden, die ein "Weiter-so" für "unverantwortlich" halten, wie es die Schulleitervereinigung Nordrhein-Westfalen beschreibt. Vorgaben zu festen Kohorten, Maskenpflicht, regelmäßiges Lüften - das reiche nicht. Auch dass einzelne Bundesländer wie NRW Förderprogramme für mobile Luftfilter aufgelegt haben, versöhnt diese Kritikerfraktion nicht.

Verbandschef Meidinger gab den Kultusministern am Montag eine Note für ihr Krisenmanagement: "Fünf", mangelhaft. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte er, die Minister erinnerten ihn "an einen Schüler, der zu spät angefangen hat zu lernen, sich dann panisch endlich hinsetzt - und, aus der Überforderung heraus, dann sagt: Augen zu und durch." Meidinger und seine Mitstreiter fordern, wenn sich der Mindestabstand im Unterricht nicht einhalten lasse, müsse eben wieder in Kleingruppen unterrichtet werden. Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach spricht sich für Unterricht im Schichtsystem aus.

OECD-Umfrage zu Schulöffnungen

Deutschland hat sich nach dem Lockdown im Frühjahr zu einer Wiedereröffnung der Schulen nach den Sommerferien für weitgehende Normalität entschieden: Unterricht bei voller Stundentafel, im normalen Klassenverband. Zwecks Infektionsschutz gibt es feste Gruppen, die sich nicht mischen sollen.

Zusätzlich wurden Hygiene- und abstandsregeln festgelegt. Im Schulgebäude gilt in vielen Bundesländern Maskenpflicht, teilweise auch im Unterricht. Wie gingen andere Länder in der Frage der Schulöffnungen vor? Eine Umfrage unter 36 OECD-Ländern zeigt, in welche Richtung die Gedanken damals gingen.

Fast 70 Prozent der 36 befragten Länder wollten mit großer oder ziemlicher Wahrscheinlichkeit eine Maskenpflicht einführen. Rund 70 Prozent wollten auf Unterricht im Schichtsystem setzen, mehr als die Hälfte auf hybrides Lernen. Nur etwas mehr als 20 Prozent wollten zum weitgehend normalen Unterricht bei voller Stundentafel zurückkehren.

Viele Eltern fürchten allerdings, der Unterricht in Kleingruppen könne zu ähnlichen Szenarien führen wie vor den Sommerferien. "Kinder gehen nur tage- oder wochenweise in die Schule, weil das Personal und die Räume sonst gar nicht reichen", warnt Carola Schneider von der Initiative "Kinder brauchen Kinder". "Das ist vor allem für die Kinder, denen zu Hause elterliche Hilfe fehlt, katastrophal", sagte sie dem SPIEGEL.

Schneiders Initiative hat Zehntausende Unterstützer im Netz, ähnlich wie die Initiative "Familien in der Krise". "Wir sind keine Corona-Leugner", betont Sprecherin Nora von Obstfelder. "Aber die Hygienemaßnahmen an den Schulen sind oft sogar strenger als in vielen anderen Bereichen." Obstfelder hält erneuten Unterricht im Schichtsystem für eine unzumutbare Belastung für erwerbstätige Eltern, die zum Ende des Jahres weder Urlaubstage noch Überstunden übrig haben - und vor allem unfair gegenüber den Kleinsten: "Die Maßnahmen nehmen diejenigen am meisten in die Pflicht, die am wenigsten für das Infektionsgeschehen verantwortlich sind: unsere Kinder", mahnt sie.

Prominente Fürsprecher hat auch diese Fraktion. Schulen müssten so lange wie möglich offen bleiben, fordert OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher. Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten hatten diese Position zuletzt ebenfalls vertreten. Am Mittwoch beraten sie über weitere Corona-Maßnahmen.

Mit Material von dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.