Erster Tag im Schul-Shutdown Lernplattform geht in die Knie

Die meisten Schulen sind zu, Kinder sollen »auf Distanz« lernen. In Bayern und Sachsen rumpelte prompt die Technik. Soll das nach dem 10. Januar so weitergehen?
Lernen im Coronamodus: zu Hause, am besten digital (Symbolbild)

Lernen im Coronamodus: zu Hause, am besten digital (Symbolbild)

Foto:

OLI SCARFF/ AFP

Ausnahmezustand an Deutschlands Schulen: Seit diesem Mittwoch sollen sie bundesweit geschlossen bleiben, Schülerinnen und Schüler wenn irgend möglich früher in die Weihnachtsferien gehen – oder am besten digital von zu Hause lernen. Stichwort Distanzunterricht. Dabei hakt es allerdings mancherorts an der Technik. Vor allem an den weiterführenden Schulen setzen viele Lehrkräfte auf Lernplattformen, von denen einige zu Beginn des Shutdowns in die Knie gingen.

In Bayern fiel die störanfällige Lernplattform Mebis am Mittwochmorgen aus. Die Ursache sei noch unbekannt, sagte ein Sprecher des Kultusministeriums. Nach dem Einloggen wurden Wartezeiten von bis zu 15 Minuten angezeigt, doch der Nutzer gelangte auch danach nicht auf die gewünschte Webseite. »Aktuell melden sich sehr viele Nutzerinnen und Nutzer gleichzeitig an der Lernplattform an. Dadurch kommt es leider zu langen Wartezeiten«, hieß es auf der Webseite. Bei Mebis hatte es in der Vergangenheit immer wieder Probleme gegeben.

Sachsen hatte Kitas und Schulen schon am Montag dichtgemacht. Hier gab es wegen eines Hackerangriffs am ersten Tag des Shutdowns ebenfalls Probleme beim Distanzunterricht , von dem die Lernplattform LernSax betroffen war. Die Seite sei zeitweise nicht erreichbar gewesen, teilte das Kultusministerium mit, oder die Seiten hätten sich am Montag nur sehr zögerlich aufgebaut. Erst am Nachmittag habe LernSax wieder problemlos funktioniert, am Dienstag habe es allerdings erneut Probleme gegeben.

»Ebenso verärgert wie zahllose Schüler und Eltern«

»Wir sind mindestens ebenso verärgert über die Probleme mit LernSax wie die zahllosen Schüler und Eltern«, teilte Kultusminister Christian Piwarz (CDU) mit und bat um Entschuldigung. Künftig solle gegen solche Hackerangriffe ein »zusätzliches Schutzsystem aufgebaut« werden.

Im Saarland fiel die Lernplattform »Online Schule Saarland« für Tausende Schüler und Lehrer zeitweise aus. Sie sei wegen der vielen Zugriffe wahrscheinlich überlastet gewesen, sagte ein Sprecher des Bildungsministeriums. Es werde daran gearbeitet, dass sich dieses Problem nicht wiederhole. Bei der Plattform sind rund 70.000 Schüler und 8.700 Lehrer angemeldet.

In Berlin gab es am Morgen Probleme mit der digitalen Plattform Lernraum. Etliche Schüler wie Lehrer, die das System für das schulische Lernen von zu Hause aus nutzen wollen, konnten sich dort am Mittwoch nicht anmelden, wie Nutzer unter anderem in sozialen Netzwerken berichteten. Bei anderen funktionierte das nur mit Verzögerung.

Wie weiter nach dem 10. Januar?

Wie lange der Distanzunterricht und entsprechender Ärger mit der Technik noch anhält, ist unklar. Die meisten Kultusminister haben erst einmal nur Pläne bis zum 10. Januar. Bis zu diesem Tag sollen die Schulen in Deutschland nach dem Willen von Kanzlerin Angela Merkel  und den Ministerpräsidenten geschlossen bleiben. Die Zeit überschneidet sich mit den Weihnachtsferien. Nur, wie es dann weitergeht, dahinter steht in vielen Bundesländern noch ein Fragezeichen. Niedersachsen hat weitergedacht und sich auf einen konkreten Plan festgelegt:

Nach den Weihnachtsferien soll der Schulbetrieb am 11. Januar unter Einschränkungen wieder starten, kündigte Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) an. Die Jahrgänge 5 bis 12 sollen demnach in geteilten Klassen unterrichtet werden. Die Rede ist von Szenario B, das letztlich auf das Wechselmodell vom Frühjahr hinauslaufen dürfte: Unterricht im Schichtsystem, tage- oder wochenweise. Kinder lernen abwechselnd in der Schule und zu Hause, am besten digital. Stichwort: »Hybridunterricht«.

Für angehende Abiturienten der 13. Klasse bleibt es in Niedersachsen beim Präsenzunterricht, sie müssen im Klassenzimmer aber eine Maske tragen. Grundschüler sollen den Angaben zufolge ebenfalls im Präsenzunterricht lernen. Auch für sie gilt eine Maskenpflicht. Kommt es zu einem Coronafall müssen auch die betroffenen Grundschulen für 14 Tage auf Wechselunterricht umschalten.

Die Regeln sollen bis zum Halbjahresende am 31. Januar gelten. »Wir erhöhen damit präventiv die Schutzvorkehrungen im Schulbereich und ziehen drei Wochen Sicherheitspuffer ein«, sagte Minister Tonne. »Wir geben damit zudem Verlässlichkeit und Planbarkeit bis zum Ende des Schulhalbjahres.«

Für das zweite Halbjahr soll dann – abhängig von den Corona-Fallzahlen – wieder nach dem bisherigen Plan A mit vollen Klassen oder in kleinen Gruppen unterrichtet werden. Möglicherweise würden Inzidenzwerte, ab denen unterschiedliche Szenarien greifen, noch verändert, heißt es von der Schulbehörde. Auch das reine Distanzlernen soll demnach an einen Inzidenzwert gekoppelt werden.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) lobte die Pläne, Verlässlichkeit sei bitter nötig. »Unterschiedliche Aussagen aus Berlin und Hannover sowie die Flut an Informationsschreiben und Weisungen haben die Schulbeschäftigten und Eltern entnervt und über Gebühr belastet«, sagte GEW-Landeschefin Laura Pooth. »Das muss 2021 dringend abgestellt werden.«

Auch der Allgemeine Schulleitungsverband Deutschland beklagte zu Beginn der Woche bereits, seit Monaten lebten die Schulleiterinnen und Schulleiter »mit einer Verordnungsstrategie, die mit kürzestem Vorlauf von den Schulen bitte perfekte Umsetzungen verlangt«. Nun sei Verlässlichkeit im Hinblick auf Gesunderhaltung und Planungssicherheit für alle Akteure in Bildungseinrichtungen unabdingbar: »An die Stelle politischer und bürokratischer Restriktion müssen nachvollziehbare und umsetzbare Konzepte treten.«

»Wird man sehen«

Was konkrete Planungen betrifft, halten sich viele Politiker aber noch bedeckt. »Wo wir sind am 11. Januar, wird man sehen«, sagte etwa Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann laut einem Bericht von »Newsforteachers« und versicherte: »Keine Maßnahmen erfolgen unabhängig von den Infektionszahlen.« Kultusministerin Susanne Eisenmann dagegen hatte zuvor Richtung Unterricht vor Ort gedrängt: »Wir hoffen, durch diesen harten Lockdown die Zahlen natürlich bis zum 10. Januar deutlich nach unten drücken zu können. Unabhängig von den Inzidenzzahlen muss Schule dann wieder angeboten werden können.«

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) dagegen stimmte Lehrer, Schüler und Eltern auf einen längeren Ausnahmezustand auch nach den Weihnachtsferien ein. Gleichzeitig mahnte er: »Bis zum Januar muss genau geklärt sein, dass es im Wechsel- und Distanzunterricht keine Missverständnisse und keine Probleme gibt«, sagte Söder. »In drei Tagen was zu organisieren ist nicht einfach, aber bis 10. Januar muss das alles stehen.«

Am 5. Januar wollen die Ministerpräsidenten über das weitere Vorgehen entscheiden. Welche Pläne die Kultusminister bis dahin auf den Tisch legen, bleibt abzuwarten. Die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina hatte den Politikern noch vor den Beratungen von Merkel und den Ministerpräsidenten eine Art Hausaufgabe gegeben:

  • »Für den Wiederbeginn des Unterrichts ab dem 10. Januar 2021 (...) sollten ländereinheitliche Regeln für den Wechselunterricht ab der Sekundarstufe erarbeitet werden, die ab einer bestimmten Inzidenz greifen.

  • Erforderlich ist zudem eine langfristige politische Einigung auf ein klares, mehrstufiges und bundesweit einheitliches System von Regeln, die ab einer bestimmten Anzahl von Fällen pro 100.000 Einwohner greifen«, heißt es in der Stellungnahme.  Durch ein »einheitliches und nachvollziehbares Vorgehen würden die Maßnahmen für Bürger transparent, verständlich und planbar.«

Länder wie Schweden haben sich wegen Corona bereits auf weitgehende Neuregelungen für Schulen im neuen Jahr festgelegt. Schwedische Schüler müssen im kommenden Frühjahr zumeist nicht zu nationalen Prüfungen antreten. Diese werden zwischen dem 1. Januar und 30. Juni mit wenigen Ausnahmen abgesagt, teilte Bildungsministerin Anna Ekström am Dienstag mit. Ekström will den Schulen damit mehr Zeit zum Unterrichten geben und die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte verringern. Damit die Schulen ausreichend Zeit zur Planung hätten, werde dieser Beschluss bereits jetzt gefasst.

fok/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.