Coronadebatte über Schulschließungen Kinderärzte sprechen von »wirklich letzter Option«

Auf, zu, auf – und wieder zu? In der Diskussion um harte Lockdown-Regeln rücken auch die Schulen in den Fokus. Lehrer- und Kinderärzteverbände vertreten klare Positionen.
Regulären Unterricht haben derzeit die wenigsten Kinder (Symbolbild)

Regulären Unterricht haben derzeit die wenigsten Kinder (Symbolbild)

Foto: Marcel Kusch / dpa

Deutschlands Schulen sind noch gar nicht richtig offen, da steht in der Diskussion um strengere Coronaregeln  erneut die Frage nach einer kompletten Schließung im Raum. Der Präsenzunterricht hänge »in den nächsten Wochen am seidenen Faden«, so fasste Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) die Situation kürzlich zusammen. Wie die Sache ausgeht, ist noch unklar. Die Debatte nimmt gerade wieder Fahrt auf.

Kinder- und Jugendärzte plädieren eindringlich dafür, Schulen und Kindergärten so lange wie möglich offenzuhalten. »Schulschließungen sollten wirklich die letzte Option sein«, sagte die Vizepräsidentin der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), Ingeborg Krägeloh-Mann. Zuvor sollten alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, um Kontakte in der gesamten Bevölkerung zu verringern.

Im Gegensatz zu Erwachsenen oder Jugendlichen müssten kleinere Kinder anders bewertet werden, weil diese wahrscheinlich noch weniger am Infektionsgeschehen beteiligt seien »und mehr auf Präsenzunterricht angewiesen sind«, sagte die Tübinger Medizinprofessorin. Generell müsse bei Schulschließungen der Nutzen mit den möglichen Schäden abgewogen werden.

Studien hätten gezeigt, dass der Anteil an Kindern etwa mit depressiven Verstimmungen oder psychosomatischen Störungen im Lockdown zugenommen habe. Zuvor hatten sich mehrere führende Politiker mehr oder weniger direkt für erneute Schulschließungen ausgesprochen.

Lehrerverband: Kommunen sollen selbst entscheiden

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident und CDU-Chef Armin Laschet hatte am Ostermontag vorgeschlagen, im Kampf gegen die dritte Coronawelle einen »Brücken-Lockdown« zu beschließen. Nötig sei es, in einer nochmaligen »Kraftanstrengung« die Sieben-Tage-Inzidenz unter 100 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner zu drücken. »Da geht es um zwei, drei Wochen«, sagte Laschet. Was das konkret für Kitas und Schulen bedeuten sollte, blieb jedoch unklar.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte, Impfen und Testen allein könnten die dritte Welle nicht brechen. Es müssten auch Kontakte und damit Infektionen reduziert werden, vor allem im privaten Bereich, im Arbeitsleben sowie in Schulen und Kitas. Spahn drängte dabei auf ein bundesweit einheitliches Vorgehen von Bund und allen Ländern.

Der Deutsche Lehrerverband dagegen fordert, Kommunen, Gesundheitsämter und Schulträger vor Ort sollten über die Frage von Schulschließungen entscheiden. Für einen Präsenzunterricht müssten aber strenge Vorgaben gelten, sagte Verbandschef Heinz-Peter Meidinger den »Stuttgarter Nachrichten«.

»Wir müssen flexibel vorgehen und können nur dort, wo zusätzliche Maßnahmen des Gesundheitsschutzes möglich sind – etwa Lehrerimpfungen oder verpflichtende Schnelltests – die Schulen auch bei etwas höheren Inzidenzen offenhalten.« Bei sehr hohen Inzidenzen sei dies sicher nicht möglich.

Nach Einschätzung Meidingers droht zwar bei strengen Vorgaben ein Flickenteppich von offenen und geschlossenen Schulen von Landkreis zu Landkreis. »Aber der beruht auf Vorgaben, die sich streng nach wissenschaftlichen Kriterien und vereinbarten Standards orientieren: Inzidenzzahlen, Impfquoten und der Anzahl obligatorischer Schnelltests.« Das führe zwar zu Ungerechtigkeiten, »aber die Bildungsgerechtigkeit wird wegen Corona ohnehin auf eine harte Probe gestellt«.

Die nächste Bund-Länder-Runde mit Kanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten ist für kommenden Montag, den 12. April, geplant. Kitas und Schulen könnten dann bei Beratungen über einen harten Lockdown auf der Agenda stehen. Die Kultusminister der Länder beraten an diesem Donnerstag über das weitere Vorgehen an den Schulen.

In neun der 16 Bundesländer gehen am Sonntag die Osterferien zu Ende. In einigen Ländern ist bereits wieder Unterricht, Hamburg hatte keine Osterferien, und in Hessen sowie Schleswig-Holstein dauern die Ferien noch bis Ende kommender Woche. Viele Bundesländer haben für ihre Schulen bereits Pläne gemacht, in anderen wie etwa Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen wird noch beraten, wie es nach den Ferien weitergehen soll.

In Rheinland-Pfalz zum Beispiel gilt für alle Jahrgänge das Wechselmodell, Kinder und Jugendliche wechseln sich dabei mit dem Schulbesuch tage- oder wochenweise ab. Brandenburg hingegen schickt Schüler ab Klasse 5 – mit Ausnahme der Abschlussklassen – erst einmal wieder in den »Distanzunterricht«. So wie hier sind in mehreren Bundesländern die mittleren Jahrgänge der Klassenstufen 7 und 8 zu Hause, und zwar vielerorts inzwischen seit rund vier Monaten. In Baden-Württemberg müssen auch die Grundschüler wieder ins »Homeschooling«.

Rolle von Kindern im Pandemiegeschehen ist umstritten

In der Frage der Schulschließungen geht es immer wieder auch um die umstrittene Rolle von Kindern und Jugendlichen im Pandemiegeschehen. Laut Robert Koch-Institut (RKI) stiegen die Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren »sehr rasant«, wie RKI-Chef Lothar Wieler Mitte März mitteilte. Er sprach von einem möglichen Zusammenhang mit der ansteckenderen britischen Variante B.1.1.7.

Kleine Kinder haben bei Coronainfektionen häufig keine Symptome und wurden oft nicht getestet, deshalb vermuteten Experten seit Pandemiebeginn eine recht hohe Dunkelziffer in dieser Gruppe. DGKJ-Präsidentin Krägeloh-Mann geht davon aus, dass die aktuell stärker ansteigenden Zahlen bei den erfassten Coronafällen bei Kindern nun auf vermehrte Tests zurückzuführen sind. So würden im Vergleich zu früher mehr Fälle aus der Dunkelziffer erfasst.

Nach Erkenntnissen von DGKJ und dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) tragen Minderjährige derzeit nicht mehr dazu bei als andere Altersgruppen. Dem Eindruck einer »künstlichen Erhöhung von Fallzahlen« widerspricht jedoch das RKI, der Anstieg hänge nicht mit vermehrten Tests zusammen.

Laut dem Berliner Virologen Christian Drosten solle man sich von der »blöden Idee« verabschieden, irgendeine Gruppe sei »Treiber der Pandemie«, wie er Mitte Februar in einem NDR-Podcast erklärte. Er sagt aber auch: »Wenn man die Schulen offenlässt, während man andere Teile – gerade das Freizeitleben bei Erwachsenen – schließt, dann hat man nach einiger Zeit deutlich mehr Infektionshäufigkeit bei den Schulkindern.«

Studien zeigen, dass sich das Coronavirus im Rachen von Kindern genauso stark vermehren kann wie bei Erwachsenen, auch die ansteckendere Mutante B.1.1.7. In Anbetracht der dritten Corona-Welle plädiert Epidemiologe Timo Ulrichs der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin für eine zumindest weitreichende Schließung von Kitas und Schulen als Baustein einer großen Strategie, um Kontakte zu vermeiden. »Eigentlich wäre eine Verlängerung der Osterferien sinnvoll im Rahmen eines Gesamt-Lockdowns.« Ulrichs setzt dabei auf regionale Konzepte: »Wo es die Gegebenheiten erlauben, da sollte man den Unterricht möglicherweise sofort nach den Osterferien wieder öffnen.«

»Schulschließungen sollten wirklich das allerletzte Mittel sein«, sagt Johannes Hübner, stellvertretender Direktor der Kinderklinik und Kinderpoliklinik der Universität München. In vielen Bereichen seien Einschränkungen mit Geld wiedergutzumachen. Doch bei Kindern und Jugendlichen gebe es »so viele Kollateralschäden«, wenn sie ständig daheim seien. Dazu zählt er etwa Fälle von häuslicher Gewalt, Bewegungsmangel durch ausfallenden Sport- und Schwimmunterricht und eine fehlende Interaktion mit den Freunden. Ganz zu schweigen vom verpassten Schulstoff.

fok/dpa