"Das ist doch Irrsinn" Die Angst der Eltern, dass die Schule wieder öffnet

An diesem Mittwoch will die Politik beraten, ob die Schulen schrittweise wieder geöffnet werden. Viele Eltern wünschen genau das - bei anderen sorgt der Gedanke für schlaflose Nächte.
Noch sind die Schulen dicht, aber wie lange noch? Viele Eltern fürchten den Zeitpunkt der Wiedereröffnung

Noch sind die Schulen dicht, aber wie lange noch? Viele Eltern fürchten den Zeitpunkt der Wiedereröffnung

Foto: Bodo Schackow/ picture alliance/ dpa

Sie neige eigentlich nicht dazu, hysterisch zu werden, sagt Felicitas Conrad. Aber in diesen Tagen liege sie manchmal nachts wach und denke: 'Hoffentlich überleben wir das alles, finanziell und auch sonst'. Mit 'wir' ist Conrads Familie gemeint, der Mann, der als Selbstständiger arbeitet, die Eltern und Schwiegereltern und Conrads Tochter Felia, 10, asthmakrank.

Um ihre Tochter macht sich die 52-jährige Freiberuflerin die größten Sorgen. "Ich habe Angst, dass sie sich mit dem Coronavirus infiziert", erzählt die Mutter am Telefon. Asthmakranke gehören ebenso wie Menschen mit anderen Vorerkrankungen und Ältere zur Risikogruppe, zu den Menschen, die besonders gefährdet sind, ernster an Covid 19 zu erkranken.

Ihre Ärztin habe gesagt, ihre Tochter sei nicht besonders gefährdet, aber genau wisse man es nicht, sagt Conrad. "Was soll ich mit so einer Aussage anfangen?" Die Mutter ist verunsichert, zumal Felia seit einigen Stunden Fieber hat und hustet. Schon davor sei das Asthma schlimmer gewesen als sonst. Ein rasselndes Geräusch beim Atmen.

Damit sie besser Luft bekommt, wurde Felia ein Asthmaspray verschrieben. "Atemnot ist ein bedrohliches Gefühl", sagt ihre Mutter. Dass ein Arzt ihr bei einem Asthmaanfall ihrer Tochter mal sagte, das sei aber knapp gewesen, klingt ihr bis heute im Ohr.

Leopoldina-Vorschlag löst Sorgen aus

In diese Situation platzte nun die Nachricht am Osterwochenende: Forscher der Akademie der Wissenschaften Leopoldina legten einen konkreten Fahrplan vor, wie Deutschlands Schulen, seit Mitte März geschlossen, schrittweise wieder öffnen könnten. So "schnell wie irgend möglich" solle der Betrieb aufgenommen werden, und zwar an allen Schulformen, allerdings erst mal nur von bestimmten Jahrgängen.

Das Papier gilt als wichtige Grundlage, wenn sich Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder an diesem Mittwoch treffen und entscheiden wollen, ob und wann der Lockdown gelockert werden könnte.

Conrad macht sich große Sorgen, dass die Politiker die Schulen tatsächlich schon demnächst wieder öffnen könnten. Sie hält das für zu gefährlich, sie glaubt nicht daran, dass die nötigen Hygiene- und Abstandsregeln dann wirklich eingehalten werden. Lehrerverbände sehen das ähnlich.

Mutter fürchtet um ihr Leben

Heike Bogin, 42, macht sich vor allem Sorgen, dass ihre beiden Kinder, 5 und 10 Jahre alt, Viren in die Familie hineintragen könnten, selbst wenn sie selbst nicht erkranken. Die Mutter fürchtet für diesen Fall um ihr eigenes Leben. Sie leide an einer chronischen Erkrankung und gehöre durch die jahrelange Einnahme von Immunsuppressiva zu einer Risikogruppe, erzählt Bogin am Telefon. "Ich habe Angst. Wenn ich an Covid-19 erkranke, könnte das lebensbedrohlich sein."

Sie halte sich seit dem Shutdown deshalb strikt an alle Regeln. "Ich verbiete meiner Familie jegliche sozialen Kontakte und gehe nicht einmal einkaufen", sagt sie. Ihr Mann gehe einkaufen, mit Mundschutz. Klar, als Bauingenieurin seit Wochen im Homeoffice wünsche sie sich einerseits auch, dass ihre Kinder wieder in die Kita und zum Unterricht gingen. Andererseits wäre die "Öffnung der Schulen (als Virenherd Nr. 1) für mich zum jetzigen Zeitpunkt eine Katastrophe."

Wer denke, dass an den Schulen die geltenden Hygienestandards eingehalten werden könnten, lebe in einer Blase. "Stattdessen spielt man mit dem Leben Tausender Mütter und Väter. Das ist doch absurd."

Eltern starten Petitionen: Lasst die Schulen dicht

So sieht es auch Felicitas Conrad mit der asthmakranken Tochter. Die Idee, ihr Kind schon bald wieder in die Schule schicken zu müssen, hält sie für "Irrsinn" – und ist aktiv geworden: In der Nacht zu Dienstag hat sie eine Petition gestartet, die sich an Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann richtet: "Corona: Schulen weiter geschlossen halten!"

Conrad ist nicht die Einzige, die diese Idee hatte. In den vergangenen Tagen sind einige solcher Petitionen gestartet worden, unter anderem eine, die sich an Kanzlerin Merkel richtet: "Die Schulen müssen bis nach den Sommerferien geschlossen bleiben." Nicole Hoffmann, ebenfalls Mutter, hat diese Petition gestartet.

Hoffmann leidet nach eigenen Angaben auch unter einer Vorerkrankung und macht sich große Sorgen, dass sie bei einer vorschnellen Öffnung der Schulen die Pandemie nicht überleben könnte, ihr Kind dann allein bleibt und sich mit Schuldgefühlen plagt.

"Wer denkt an die Alleinerziehenden?", schreibt Hoffmann, "wenn ich mich infiziere und nicht das 'Glück' habe, einen milden Verlauf aufzuzeigen - wenn ich an der Infektion versterben sollte - dann hat mein Kind keine Mutter mehr! Wie viele Kinder haben Elternteile zu Hause mit einer Krebserkrankung? Sollte der kranke Elternteil versterben, das Kind wird sich Vorwürfe machen 'schuld' zu sein, wenn es das Virus aus der Schule mitbrachte." (Lesen Sie hier den Bericht eines Vaters, der die aktuelle Schulpflicht für lebensgefährlich hält)

Nicht mal hundert Unterschriften

Besonders viel Zustimmung erreichen diese Petitionen allerdings nicht. Keine hatte bis zum Dienstagabend die Marke von hundert Unterschriften ansatzweise erreicht. Das mag daran liegen, dass sich die Unterschriften auf mehrere, ähnliche Petitionen verteilen.

Es könnte aber auch sein, dass sich eine Mehrheit der Familien wünscht, dass die Schulen bald wieder öffnen. Weil sie das Homeschooling anstrengend finden. Weil ihnen sonst dringend die Betreuung für ihre Kinder fehlt. Weil sie selbst eben nicht zu einer Risikogruppe gehören. Oder weil sie einfach darauf vertrauen, dass der Schulbetrieb wirklich erst dann wieder losgeht, wenn dies mit dem Infektionsschutz vereinbar ist.

Ob Sorgen von Eltern angesichts einer möglichen Wiedereröffnung der Schulen wirklich berechtigt sind, ist als Laie kaum einzuschätzen. Bisher sind weder Gefahren, die mit dem Coronavirus einhergehen, noch sinnvolle Gegenmaßnahmen vollständig ausgelotet. In einer Studie bezweifeln Forscher, dass Schulschließungen das Mittel der Wahl sind. Andere dagegen halten Schulen geradezu für einen Umschlagplatz von Viren und die Stilllegung des Betriebs für äußerst sinnvoll.

All das sorgt für Verunsicherung und Ängste, auch bei Müttern und Vätern, insbesondere bei Risikogruppen. Umso mehr habe der Leopoldina-Vorschlag Eltern in eine "Mordsunruhe" versetzt, sagt Stephan Wassmuth, Vorsitzender des Bundeselternrates. "Ärgerlich", findet er das.

Viele Eltern hätten sich bei ihm mit Fragen zum Schutz der Risikogruppen gemeldet. Er könne die Probleme verstehen, auch wenn es oft um Einzelschicksale gehe, sagt Wassmuth. "Auch die müssen wir im Blick haben. Das Bildungssystem ist träge, aber hier muss es sich flexibel zeigen."

"Prüfungen lassen sich nachholen - Menschenleben nicht!"

Karin Broszat, Landesvorsitzende des Realschullehrerverbands Baden-Württemberg (RLV)

Lehrerverbände sehen das ganz ähnlich, zumal auch in ihren Reihen etliche Kollegen zur Risikogruppe zählen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) geht davon aus, dass rund ein Drittel der Lehrkräfte aufgrund von Vorerkrankungen, Schwangerschaft oder ihres Alters vorsorglich lieber nicht vor Ort unterrichten sollte.

Vom Realschullehrerverband Baden-Württemberg heißt es außerdem: "Faktisch leben viele Lehrkräfte mit Personen aus Risikogruppen in einem Haushalt. Auf sie alle ist besondere Rücksicht zu nehmen." Eine vorschnelle Schulöffnung berge das beträchtliche Risiko eines neuen Aufflammens der Infektionen und somit weitere Gefährdung von Menschenleben. Der Schutz der Gesundheit aller müsse stets vorrangig sein: "Prüfungen lassen sich nachholen!"

Vorschlag: Schulpflicht aufheben

Felicitas Conrad, die Mutter des asthmakranken Kindes, sprechen solche Sätze aus der Seele. "Ob meine Tochter nun ein paar Monate länger zu Hause lernt oder nicht, wird für ihre Schullaufbahn nicht den großen Unterschied machen." Sie wolle ihr Kind lieber noch weiter im Homeschooling unterstützen.

Zugegeben, sagt Conrad, sie selbst lebe mit ihrer Familie in einer ziemlich heilen Welt. Großes Haus, großer Garten, nur ein Einzelkind, das betreut werden muss und noch dazu recht selbstständig lernt. "Ich sehe sehr wohl, dass es viele Familien und Kinder viel schwerer haben", sagt die Mutter, "und für die wäre wichtig, dass der Unterricht schnellstmöglich wieder losgeht. Aber ich möchte dafür kein Leben riskieren und möchte nicht, dass sich das Virus über diesen Weg, die Schule, dann wieder schneller verbreiten würde."

Ihr Vorschlag: Wenn die Schulen wieder öffnen, nicht jetzt sofort, aber vielleicht in einigen Monaten, sollten die Kinder freiwillig dorthin gehen können. Die Eltern sollten entscheiden. In eine ähnliche Richtung geht eine weitere Petition, die an den Deutschen Bundestag gerichtet wurde: "Die Schulpflicht bis zum Ende der Corona-Pandemie aussetzen." Darin heißt es: "Wenn die Schulpflicht bis zur Einführung und flächendeckenden Nutzung eines Corona-Heil- oder Impfstoffes ausgesetzt wird, gibt dies den entsprechenden Familien die notwendigen Möglichkeiten, sich zu schützen."

"Selbstverständlich die Risikogruppen im Blick"

Von einer möglichen Aussetzung der Schulpflicht ist in der Politik bisher nicht die Rede. Mehrere Kultusministerien kommunizieren jedoch einhellig, sie hätten "selbstverständlich die Risikogruppen im Blick". Man werde zu deren besonderem Schutz spezielle Vorgaben festlegen, teilt etwa Nordrhein-Westfalen mit. Aus Sachsen-Anhalt heißt es, man nehme die Sorgen ernst. Der Infektionsschutz stehe über allem.

Auch das Kultusministerium Baden-Württemberg schreibt dem SPIEGEL: "Der Schutz der Gesundheit hat natürlich absoluten Vorrang. Das gelte auch bei den Öffnungsszenarien, deshalb nehme man die Risikogruppen besonders in den Blick", so Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU).

Deshalb sollten "Lehrerinnen und Lehrer, die durch ihr Alter zur Risikogruppe zählen, Vorerkrankungen haben oder schwanger sind, beispielsweise nicht eingesetzt werden". Gleiches gelte laut Eisenmann für Schülerinnen und Schüler, die Vorerkrankungen haben: "Hier müssen Ausnahmen gelten. Zudem brauchen wir Lösungen für diejenigen Schülerinnen und Schüler, deren Eltern oder Geschwister Teil dieser Gruppe sind."

"Welches Szenario genau bei der Wiedereröffnung der Schulen und Kindergärten zum Tragen kommen wird, lässt sich derzeit noch nicht sagen."

Kultusministerium Thüringen

Verständnis gibt es also, konkrete Vorschläge zum Schutz gefährdeter Kinder und Eltern werden jedoch noch nicht kommuniziert. "Welches Szenario genau bei der Wiedereröffnung der Schulen und Kindergärten zum Tragen kommen wird, lässt sich derzeit noch nicht sagen", teilt das Kultusministerium Thüringen mit. Das hänge von den Entscheidungen der nächsten Tage zur weiteren Pandemiebekämpfung ab".

Die Schulministerien verweisen auf den Zeitplan: Zuerst entscheiden Merkel und die Ministerpräsidenten, dann die Kultusminister.

Ilka Hoffmann von der GEW, zuständig für den Bereich Schule, hat dabei nur eine Sorge: Dass die Schüler, die zu einer Risikogruppe gehören, im Zweifel erneut benachteiligt werden. Dass sie vorsorglich zu Hause bleiben müssen oder dürfen, und es dann von ihren Eltern abhängt, ob sie dort gut gefördert werden oder nicht.

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