Gegen Coronafrust Soziologe fordert nächtliche Freiräume für Jugendliche

Einfallslose Städte, frustrierte Jugendliche: Der Berliner Wissenschaftler Klaus Hurrelmann plädiert für ein Anti-Aggressions-Programm – sonst drohten Gewalt und Randale.
»Sehr, sehr einfallslos, was viele Städte und Kommunen da bisher auf die Reihe bekommen haben«: Jugendliche in Berlin (Archivbild)

»Sehr, sehr einfallslos, was viele Städte und Kommunen da bisher auf die Reihe bekommen haben«: Jugendliche in Berlin (Archivbild)

Foto: Florian Gaertner/ picture alliance / dpa

Mehr Freiräume für junge Leute fordert der Berliner Jugendforscher Klaus Hurrelmann: Im zweiten Pandemiesommer müsse es auch nachts Möglichkeiten geben, sich in der Öffentlichkeit zu treffen. »Das ist sehr, sehr einfallslos, was viele Städte und Kommunen da bisher auf die Reihe bekommen haben«, sagte Hurrelmann der Nachrichtenagentur dpa.

Noch deutlich mehr als andere Altersgruppen seien Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 12 und 22 Jahren am Ende ihrer Geduld. »Das ist eine Lebensphase, in der man rausmuss, in der man sich erproben muss, Räume erobern«, sagte Hurrelmann. Viele Jugendliche wollten endlich wieder ein freies Leben führen und sich so benehmen und bewegen können, wie es für ihr Alter angemessen sei.

Hurrelmann regte an, Plätze für Aktivitäten freizugeben und vorher die Anwohner zu informieren. »Da lässt sich ja dann sagen: Nehmt Rücksicht auf die Jugend, sie hat auch Rücksicht auf euch genommen. Und darum geben wir hier jetzt mal für ein paar Tage eine Sondergenehmigung.«

Provokativer Protest

Viele junge Leute fühlten sich immer noch eingesperrt und hätten das Gefühl, gar nicht richtig leben zu können. Bei bis zu einem guten Drittel könnten deshalb Frust und Ohnmachtsgefühle auch in Randale und Aggressionen umschlagen. Diese Gruppe sei seit dem vergangenen Sommer nach aktuellen Studien größer geworden, sagte Hurrelmann. Es sei vielfach ein dumpfer, provokativer Protest, vorwiegend von jungen Männern mit wenig Perspektiven mit Blick auf Schule und Berufsausbildung. Da baue sich Schritt für Schritt ein Unbehagen auf – und irgendwann könne sich das auch in Krawallen entladen.

»Die Disziplin der jungen Leute ist nach wie vor hoch, aber nicht mehr so hoch wie noch vor sechs Monaten«, sagte Hurrelmann. »Das bröckelt.« Rund zwei Drittel hielten sich weiter an die Regeln und nähmen Rücksicht auf die Älteren. Doch der Anteil der jungen Leute, der Schwierigkeiten mit den Coronaregeln habe, steige.

Als Freifahrtschein will Hurrelmann seine Ratschläge allerdings nicht verstanden wissen. »Die Polizei sollte nachts Parks räumen, wenn ein ganz eindeutiger Verstoß gegen Regeln vorliegt. Das muss sein. Das brauchen junge Leute auch als Signal«, sagte er.

him/dpa
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