Bildung im Notbetrieb Was die Coronakrise an deutschen Unis auslöst

In diesen Tagen sollte an den Hochschulen das neue Semester beginnen. Aber wegen der Coronakrise ist regulärer Betrieb unmöglich. Die Lehre wird ins Digitale verlegt - und das ist nicht das einzige Problem.
Leerer Hörsaal der TU Dresden: Die Lehre soll erst mal im "Social Distancing"-Modus laufen - virtuell

Leerer Hörsaal der TU Dresden: Die Lehre soll erst mal im "Social Distancing"-Modus laufen - virtuell

Foto: Sebastian Kahnert/ dpa

Der Campus leer, die Bibliothek geschlossen, die Vorlesung abgesagt: Die meisten deutschen Unis laufen in Coronazeiten im Notbetrieb. So wie die Technische Universität (TU) Dresden. Kim-Astrid Magister ist hier Sprecherin und arbeitet im Krisenstab. Im Homeoffice.

Täglich berate man per Videoschalte, wie es weitergehen kann, erzählt Magister am Telefon. Aber letztlich gebe es auf diese Frage noch keine endgültige Antwort. Wie auch?

"Es hängt alles davon ab, wie sich die Pandemie weiterentwickelt und wann Kontaktverbote aufgehoben werden", sagt Magister. Bis dahin heißt es: Improvisieren. Am 6. April soll an der TU der digitale Lehrbetrieb starten. "Wir haben alle Lehrenden aufgefordert, Angebote zum E-Learning zu entwickeln."

So sollen mindestens bis Anfang Mai zum Beispiel Vorlesungen aufgezeichnet, Seminare per Videokonferenz abgehalten und Aufgaben interaktiv erledigt werden. "Es wird keine Lehrveranstaltung ausfallen", heißt es aus einzelnen Fachbereichen. 

Studieren im "Social Distancing-Modus"

Viele andere Unis gehen ähnlich vor. In diesen Tagen sollte das neue Semester beginnen, aber fast überall wurde der reguläre Start verschoben. Der Präsenzbetrieb findet erst mal stark eingeschränkt oder gar nicht statt. Die meisten Unis testen stattdessen, ob und wie weit sich universitäre Lehre und Prüfungen ins Digitale verlegen lassen.

Es ist ein Experiment, das in einer Zeit voller Ungewissheit Chancen birgt und ein Stück Normalität rettet - an den Unis aber auch Skepsis und neue Fragen hervorruft:

  • Wo stößt diese digitale Lehre an ihre Grenzen?

  • Kann und sollte dieses Semester am Ende lieber einfach ausfallen, zumal viele Studierende ganz andere Sorgen plagen als die Teilnahme am nächsten Onlineseminar?

"Die angekündigte Onlinelehre verunsichert", sagt Fabian Köhler vom Studierendenrat (Stura) der TU Dresden, weil es einen Flickenteppich an Regelungen an den verschiedenen Fakultäten gebe. "Zum anderen stellen wir uns die Frage, was passiert, wenn E-Learning nicht zu Hause durchgeführt werden kann, weil Drucker und Internet nicht gegeben sind - oder weil schlicht die Ruhe zum Lernen fehlt."

Klausuren im Homeoffice

Wie der Umstieg aufs Digitale klappt, hängt auch davon ab, wie gut Unis oder einzelne Dozenten technisch und finanziell ausgestattet sind. Die vergleichsweise kleine, private Bucerius Law School in Hamburg zum Beispiel hat kurz nach der Schließung Mitte März die komplette Klausurenphase mithilfe eines erprobten, digitalen Tools durchgezogen, wie Jonathan Schramm, Referent der Geschäftsführung, berichtet.

"Die Studierenden konnten sich zu einem festgelegten Zeitpunkt zu Hause einloggen, die Aufgaben herunterladen, bearbeiten und ihre Lösungen dann wieder hochladen", erzählt Schramm. Allerdings: Am ersten Prüfungstag habe es prompt Täuschungsversuche gegeben, die Lösungen kursierten im Netz, die Arbeiten konnten nicht gewertet werden.

Jurastudent an der Bucerius Law School: Lernen über digitale Tools (Symboldbild)

Jurastudent an der Bucerius Law School: Lernen über digitale Tools (Symboldbild)

Foto: A3576 Maurizio Gambarini/ dpa

"Wir haben danach versucht, online eine Prüfungsatmosphäre zu schaffen", sagt Schramm. Die Studierenden hätten zugestimmt, sich per Webcam in einer Videoschalte beaufsichtigen zu lassen. Zwei wissenschaftliche Mitarbeiter hätten "digital Aufsicht" geführt.

Datenschutzrechtlich ist das umstritten, zudem sei klar, dass Täuschungen trotzdem nicht ausgeschlossen sind, so Schramm. "Aber die Alternative wäre, dass die Prüfungen auf unbestimmte Zeit verschoben werden, das wollten wir den Studierenden nicht zumuten."

"Chance, mal auszuloten, was geht"

"In dieser Krise liegt für die Hochschulen auch eine Chance, weil sie ausloten, was digital geht, und vieles jetzt schon erfolgreich umsetzen", sagt Peter-André Alt, Vorsitzender der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Aber nicht alle seien gleich gut darauf vorbereitet, und es gebe Grenzen.

Das gelte besonders für Fächer, zu denen etwa Arbeiten im Labor oder "am Bett von Patienten" gehörten. Alt sagt: "Keine Hochschule kann den üblichen Betrieb zu hundert Prozent digital auffangen."

Peter-André Alt, Vorsitzender der Hochschulrektorenkonferenz: "Auch eine Chance"

Peter-André Alt, Vorsitzender der Hochschulrektorenkonferenz: "Auch eine Chance"

Foto:

THILO RÜCKEIS TSP/ picture-alliance

Nur: Ab wann der Präsenzbetrieb wieder starten kann, ist derzeit eben unklar. So herrsche eine riesige Unsicherheit, sagt Fabian Köhler vom Dresdner StuRa. "Die Studierenden leiden unter der Unmöglichkeit der Planung." Niemand wisse etwa, wann verschobene Prüfungen oder abgesagte Praktika nachgeholt werden könnten.

Streit um "Null-" oder "NichtSemester"

Die drei Professorinnen Paula-Irene Villa Braslavsky, Andrea Geier und Ruth Mayer forderten wegen all dieser Widrigkeiten in einem offenen Brief  ein "NichtSemester, FlexiSemester, Optionalsemester oder Kreativsemester". "Egal wie wir es nennen, das kommende Semester verlangt von uns mehr als E-Learning-Kompetenzen", mahnen die Wissenschaftlerinnen. Sie wenden sich gegen eine "Durchhalte-Rhetorik".

"Wir sollten nicht von den Stärksten ausgehen, die über die beste Technik und die besten Ressourcen verfügen", sagte Mayer dem SPIEGEL. "Wir müssen sicherstellen, dass die Belasteten, die sich etwa um Kinder oder schwächere Angehörige kümmern müssen, keine Nachteile erfahren."

Wenn nicht garantiert sei, dass alle die gleichen Lehr- und Lernmöglichkeiten bekommen, "sollten wir zurückschrauben". Lehre solle durchaus stattfinden, das Semester aber eben nicht formal zählen.

Fast 10.000 Menschen unterzeichneten bis Mittwoch den Brief. Viele stellten klar, das Semester solle keineswegs verschenkt werden, es müsse durchaus möglich sein, Leistungen zu erbringen, nur eben ohne Druck.

"Niemand darf dafür bestraft werden, dass sie oder er infolge der Coronakrise die erwarteten Leistungen nicht erbringen kann"

Andreas Keller, GEW

Andreas Keller, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), forderte in diesem Sinne von Bund, Ländern und Hochschulen, dass das Semester beim Bafög, bei Stipendien oder befristeten Arbeitsverträgen nicht angerechnet werden solle: "Niemand darf dafür bestraft werden, dass sie oder er infolge der Coronakrise die erwarteten Leistungen nicht erbringen kann."

Der Vorstoß für ein "NichtSemester" rief aber auch herbe Kritik hervor. So fühlte sich etwa der Bayreuther Professor Herbert Woratschek  "beschämt". "Packen wir es an, anstatt zu jammern!", schrieb er in einer Stellungnahme. Viele Berufsgruppen treffe die Coronakrise deutlich schlimmer als Studierende und Uni-Mitarbeiter.

"Viele Studierende leiden unter Existenzängsten"

Tatsächlich sind jedoch auch Studierende in Existenznöte geraten. "Für viele bricht die Studienfinanzierung ein, vor allem durch wegfallende Nebenjobs", sagt Fabian Köhler vom Dresdner Stura, der ein Beratungstelefon betreibt.

Da viele in prekären Verhältnissen lebten, fehlten ihnen die Rücklagen, um einen wochen- oder monatelangen Einkommensverlust auszugleichen. Nicht alle könnten einfach in andere Jobs wechseln. "Viele wissen gerade nicht, ob und wie sie ab April ihre Miete bezahlen sollen", sagt Köhler. "Sie haben große Existenzängste." (Lesen Sie mehr dazu auf Bento.) 

"Es ist für uns nicht einsichtig, dass man Studierende so im Regen stehen lässt"

Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerkes

Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, kritisiert, die Bundesregierung habe zwar Hilfen für besonders von der Coronakrise betroffene Menschen veranlasst, aber viele Studierende, die ihr Studium wesentlich durch Erwerbstätigkeit finanzieren müssen, fielen durch jedes Raster. 

"Sie haben bei Jobverlust weder Anspruch auf Bafög, Kurzarbeitergeld noch Arbeitslosengeld II." Er ärgere sich, dass Bildungsministerin Anja Karliczek hier bisher nicht aktiv geworden sei. "Es ist für uns nicht einsichtig, dass man diese Studierenden so im Regen stehen lässt."  

"Tropfen auf den heißen Stein"

Einzelne Studentenwerke haben angekündigt, auf lokaler Ebene zu helfen; etwa, indem sie Mietzahlungen in Wohnheimen erst einmal stunden. Das Studierendenwerk Berlin hat einen Nothilfefonds aufgelegt, aus dem Studentinnen und Studenten eine Einmalzahlung von 500 Euro erhalten können.

In Hamburg wurde per Mail verkündet, dass verspätet gezahlte Semestergebühren erst einmal keine Konsequenzen haben werden. "Diese Hilfen sind alle sinnvoll", sagt Meyer auf der Heyde, "aber sie sind leider nur ein Tropfen auf den heißen Stein, da vom Volumen her viel zu marginal."

Das Bundesbildungsministerium hatte mitgeteilt, Bafög-Empfänger sollten wegen der Coronakrise keine Nachteile haben. Auf die erschwerten Bedingungen wird allerdings wenig Rücksicht genommen. "Die Zeit, in der die Uni/Hochschule wegen der Pandemie geschlossen bleibt, wird als vorlesungsfreie Zeit betrachtet, und Bafög wird bis auf Weiteres weiterbezahlt. Aber wenn es Onlinekurse gibt, sind diese Pflicht", heißt es auf der Website. 

Studierende, die kein oder nur geringes Bafög erhalten und die von ihren Eltern unterstützt werden, deren Einkommen derzeit aber womöglich auch wegbricht, können einen Aktualisierungsantrag zum Bafög stellen. Für diejenigen, die nur jobben, ist bisher keine Unterstützung vereinbart.

3000 Euro Soforthilfe gefordert

Um auf die Not dieser Menschen aufmerksam zu machen, haben Studierendenvertretungen aus ganz Deutschland eine Onlinepetition gestartet, mit der sie finanzielle Soforthilfe vom Bund fordern: 3000 Euro für Studierende, die akut in Bedrängnis stecken. Knapp 40.000 Menschen hatten die Forderung bis Mittwoch unterzeichnet.

Meyer auf der Heyde forderte, den Studierenden solle mit bisher nicht ausgeschöpften Mitteln aus dem Bafög-Etat geholfen werden. 900 Millionen Euro seien im vergangenen Jahr nicht abgerufen worden. Die Bundesregierung solle damit einen Notfonds anlegen. 

HRK-Präsident Alt spricht sich zudem dafür aus, Studierenden bei der Regelstudienzeit und beim Bafög ein Semester zu "schenken", also nicht anzurechnen.

Den Rhythmus an die Krise anpassen

Um eine gewisse Planungssicherheit zu schaffen, will Alt außerdem den akademischen Rhythmus ändern: Die Vorlesungszeit des Sommersemesters soll jetzt regulär starten, aber bundesweit ausgeweitet werden können.

Die vorlesungsfreie Zeit danach würde dann verkürzt, die Vorlesungszeit des Wintersemesters startete gegebenenfalls später. Zum Sommersemester 2021 könnten alle Hochschulen wieder in den normalen Modus zurückkehren. Am Donnerstag wollen Vertreter der Länder über den Vorschlag beraten.

Positiver Nebeneffekt, wenn sich die Idee durchsetzt: Die Unis könnten auch die Bewerbungsfristen für das Wintersemester nach hinten verschieben - und das käme vielen Abiturienten entgegen, die wegen der Coronakrise ihre Prüfungen verspätet ablegen müssen.

Mitarbeit: Miriam Olbrisch, Armin Himmelrath
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