Schutz vor Coronavirus Was für Schulschließungen spricht - und was dagegen

Lässt sich das Virus eindämmen, wenn Schulen und Kitas bundesweit geschlossen werden? Fachleute sind sich in der Frage nicht einig. Doch die meisten sagen: Schulschließungen lohnen sich bisher nicht.
Foto: Felix Kästle/ dpa

In Deutschland gilt derzeit meist: Sobald es eine bestätigte Erkrankung mit Covid-19 in einer Schule oder Kita gibt, wird diese vorübergehend geschlossen. So hat es etwa das bayerische Gesundheitsministerium verfügt. Auch wer aus einem Risikogebiet - zum Beispiel Norditalien - zurückkehrt, soll nach dem Willen der Behörden in München zunächst 14 Tage keine Schule oder Kindertagesstätte besuchen.

Der Deutsche Lehrerverband schätzt, dass derzeit bundesweit rund hundert Schulen und Kitas von tage- oder wochenweisen Schließungen betroffen sind. "Das ist aber eine Schätzung, die jederzeit von der Wirklichkeit überholt werden kann", sagt Präsident Heinz-Peter Meidinger.

Doch sollte man Schulschließungen auch vorbeugend anordnen? Dazu gehen die Ansichten auseinander.

Kinder bei Ausbreitung wohl nicht bedeutend

Mit Blick auf Maßnahmen wie Quarantäne, Absage von Großveranstaltungen und Schulschließungen sei generell wichtig zu verstehen, dass diese nicht auf den Schutz von Einzelpersonen abzielten - etwa, weil das Virus so außerordentlich gefährlich wäre. "Sondern sie sind wirklich gedacht, um die Ausbreitung zu verlangsamen", sagt die Virologin Ulrike Protzer von der Technischen Universität (TUM) und vom Helmholtz Zentrum München.

"Auch wenn man sagt, man schließt eine Schule, dann ist das nicht, weil man Angst hat, dass die Kinder krank werden", sagt sie. "Es geht darum, die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen."

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Erste Analysen zeigen jedoch: Anders als bei der Grippe sind Kinder bei Covid-19 wahrscheinlich keine bedeutsamen Treiber für die Ausbreitung des Virus in der Gemeinschaft. Eine Studie zeigt, dass Kinder sich offenbar genauso häufig mit Sars-CoV-2 infizieren, aber nur sehr selten deutliche Symptome entwickeln.

Warum Kinder eine Sars-CoV-2-Infektion offenbar besser abzuwehren vermögen, ist bisher unklar. Anzunehmen sei jedoch, dass Kinder sich vor allem bei Erwachsenen anstecken - Erwachsene aber umgekehrt kaum bei Kindern. Abschließend könne das aber aktuell nicht seriös beantwortet werden, sagt der Sprecher des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), Peter Walger.

"Es lohnt nicht, Schulen zu schließen"

Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) teilte deshalb mit: Eine Schließung habe durchaus Potenzial zur Eindämmung der Epidemie. Auch der Virologe Alexander Kekulé hat sich bereits vor knapp einer Woche dafür ausgesprochen, Schulen und Kitas bundesweit zwei Wochen zu schließen. Würden neben "Coronaferien" alle Großveranstaltungen abgesagt und innerdeutsche Reisen vermieden, ließe sich die Ausbreitung des Virus in Deutschland noch einigermaßen begrenzen und kontrollieren.

Krankenhaushygiene-Sprecher Walger hält Schulschließungen hingegen nicht für sinnvoll. Allein die Probleme, die sich aus der damit nötigen Kinderbetreuung ergäben, stünden nicht im Verhältnis zum Nutzen, sagte der auf Infektiologie spezialisierte Facharzt. Er verweist darauf, dass Eltern dann ebenfalls zu Hause bleiben müssten - mit Folgen für deren Arbeitsstellen und das öffentliche Leben. "Es lohnt nicht, Schulen zu schließen."

Diese Einschätzung überwiegt auch in der Politik: "Ich würde eine bundesweite Schließung auch für falsch halten", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Zuständig ist er allerdings ohnehin nicht: "Die Schließung von Schulen können laut Infektionsschutzgesetz nur die lokalen Behörden anordnen", sagte er.

Da Bildung in Deutschland Sache der Bundesländer ist, ist Stefanie Hubigs Einschätzung besonders relevant: Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK) und Bildungsministerin in Rheinland-Pfalz hatte bereits vergangene Woche gesagt, dass sie eine bundesweite Schließung der Schulen wegen des Coronavirus nach aktuellem Stand nicht für nötig hält.

Konsequenzen für Abschlussprüfungen und Schullaufbahnen befürchtet

Der Deutsche Lehrerverband sei ebenfalls gegen generelle, flächendeckende Schulschließungen - "sogenannte Coronaferien" - wie in Italien, sagt Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger. So etwas könne nur effektiv sein, wenn es begleitet werde von der Schließung aller Firmen, Arbeitsstellen und Restaurants, von Ausgangssperren und der Stilllegung des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs.

Und selbst dann bliebe Meidinger zufolge die Frage: "Was ist nach zwei Wochen Coronaferien, wenn die Neuinfektionen nicht zurückgehen? Verlängert man dann nochmals und nochmals mit enormen Konsequenzen für Abschlussprüfungen und Schullaufbahnen?" Daher sei seine Position: "Zum jetzigen Zeitpunkt und als isolierte Maßnahme hält der Verband von generellen Schulschließungen wenig."

sun/dpa, Thomas Körbel, Sabine Dobel
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