Studie zu Cybermobbing Beschimpft, bedroht und genötigt – 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche

Die Fälle von Cybermobbing nehmen zu. Die Corona-Pandemie verschärft die Lage laut einer Studie. Eltern und Lehrkräfte betroffener Kinder fühlen sich demnach oft hilflos.
Teenager am Smartphone (Symbolbild): »Keine Möglichkeit, der Angst zu entkommen«

Teenager am Smartphone (Symbolbild): »Keine Möglichkeit, der Angst zu entkommen«

Foto: martin-dm / Getty Images

Céline Pfister war 13 Jahre alt, als sie sich das Leben nahm. Sie wurde vor ihrem Tod monatelang beschimpft, bedroht und genötigt. Ein 14-Jähriger hatte sie aufgefordert, ihm intime Fotos zu schicken. Diese veröffentlichte er im Internet. Und die Mobbingattacken gingen weiter. Nicht nur in der Schule. Sondern überall. Immer. Online.

Célines Fall erregte vor drei Jahren in der Schweiz großes Aufsehen, noch immer kämpfen ihre Eltern dafür, dass Cybermobbing härter bestraft wird .

Wie weit Cybermobbing in Deutschland verbreitet ist und inwieweit sich die Corona-Pandemie darauf auswirkt, hat das Bündnis gegen Cybermobbing erforscht. Für die Studie »Cyberlife III – Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern« wurden Schüler, Eltern und Lehrkräfte befragt. Die Ergebnisse der Onlineumfrage geben Einblicke zur Entwicklung des Phänomens, das bereits 2013 und 2017 untersucht wurde.

Cyberlife: Studie über Cybermobbing bei Schülerinnen und Schüler

Die Studie mit dem Titel »Cyberlife – Spannungsfeld zwischen Faszination und Gefahr: Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern« hat das Bündnis gegen Cybermobbing in Kooperation mit der Techniker Krankenkasse realisiert. Das Bündnis hat die Studie bereits in den Jahren 2013 und 2017 erstellt. Die hier vorliegenden Ergebnisse entstammen dem dritten Durchgang der Studie und beziehen sich auf das Jahr 2020.

Die Ergebnisse im Einzelnen:

  • Anstieg von Cybermobbing

Laut der Studie ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die von Cybermobbing betroffen sind, in den vergangenen drei Jahren um mehr als ein Drittel gestiegen. Waren im Jahr 2017 noch 12,7 Prozent der Schülerinnen und Schüler betroffen, sind es inzwischen 17,3 Prozent, wie aus Aussagen der befragten Kinder und Jugendlichen hervorgeht. Auch Grundschüler seien zunehmend der Gefahr ausgesetzt.

Zu Cybermobbing zählen Beschimpfungen, Beleidigungen, das Verbreiten von Gerüchten und Verleumdungen im Netz. Deutlich häufiger als noch vor drei Jahren wird davon berichtet, dass Schülerinnen und Schüler ausgegrenzt, ihre digitalen Kontaktanfragen abgelehnt oder peinliche Fotos verbreitet werden.

Auch wegen der Corona-Pandemie leben Kinder und Jugendliche ihre Freundschaften mehr und mehr im Internet aus. Sie verbringen im Durchschnitt 2,3 Stunden am Tag online, wobei Teenager mit dem Eintritt in die Pubertät deutlich länger (rund drei Stunden) online sind. Vor allem nutzen die Schüler Instant-Messaging sowie Portale wie TikTok und YouTube. Diejenigen, die mit ihrem Leben weniger zufrieden sind, nutzten digitale Netzwerke häufiger, um soziale Kontakte zu knüpfen, so die Studienautoren. Die Studie weist auch darauf hin, dass mehr und mehr Schülerinnen und Schüler eigene Smartphones, Tablets oder Computer besitzen, teilweise schon im Alter von sechs oder sieben Jahren.

  • Folgen

Cybermobbing kann bei den Betroffenen deutliche Spuren hinterlassen. Mit Abstand am häufigsten haben Lehrkräfte bei Schülern beobachtet, dass sie niedergeschlagen oder bedrückt wirkten. Die Hälfte der Pädagogen berichtet von einem Leistungsabfall in der Schule, gefolgt von häufigem Fehlen vom Unterricht und Konzentrationsproblemen. Aber auch Angstzustände, Wut, eine plötzliche Verschlossenheit oder körperliche Symptome wie Kopf- oder Magenschmerzen konnten Lehrerinnen und Lehrer feststellen.

Vor allem Schülerinnen und Schüler, die mit ihrem sozialen Alltag unzufrieden sind, seien besonders gefährdet – auch, weil sie im Internet nach Kompensation und Bindung suchten. Sind Kinder und Jugendliche weniger mit ihrem Leben zufrieden, können sie auch weniger gut mit Cybermobbing umgehen, sie werden verletzlicher und anfälliger. Laut der Studie äußerte eine steigende Zahl Betroffener auch Suizidgedanken.

  • Motive

Auffällig ist, dass Opfer von Cybermobbing teilweise auch selbst Täter sind, die Rollen lassen sich der Studie zufolge nicht immer scharf trennen. So nannten Schülerinnen oder Schüler, die selbst mobben, unter anderem die Ansicht, dass es die betreffende Person verdient habe gemobbt zu werden, etwa aufgrund von persönlichen Konflikten, »weil mich diese Person auch gemobbt hat« oder »um andere, die gemobbt worden sind, zu rächen«. Andere gaben an, sie täten das nur zum Spaß oder fänden es cool, jemanden online zu mobben.

Die Sicht der Eltern

Eltern fühlen sich der Studie zufolge unter Druck und auch überfordert, ihre Kinder zu erziehen ob der Allgegenwärtigkeit und Unkontrollierbarkeit des Internets. Etwa 44 Prozent der Eltern reglementieren die Internetnutzung ihrer Kinder zwar nach eigenen Angaben streng, indem sie etwa Seiten sperren. Allerdings lassen 70 Prozent der Eltern ihre Kinder auch allein im Web surfen. Schon knapp die Hälfte der Sechs- bis Zehnjährigen (47 Prozent) sind laut der Studie ohne Aufsicht online.

Die befragten Eltern begreifen zunehmendes Cybermobbing demnach als eine »gefährliche Problemlage«. Ein Viertel der Eltern gab an, dass ihre Kinder schon einmal Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht haben. Sei es, dass sie bereits persönlich betroffen waren (zwölf Prozent) oder das bei anderen mitbekommen haben (13 Prozent).

Die Lehrkräfte

Zwei Drittel der befragten Lehrkräfte gaben an, dass Cybermobbing an der Schule ein Problem ist. Besonders betroffen sind aus Sicht der Lehrer die Haupt- und Werkrealschulen. Fünf Prozent der Lehrerinnen und Lehrer waren bereits selbst Opfer von Cybermobbing.

Insgesamt 80 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer sind der Meinung, dass die im Internet vorherrschende Anonymität die Bereitschaft der Jugendlichen fördere, böse und gemein zu anderen zu sein. Darüber hinaus empfinden mehr als zwei Drittel der Befragten (69 Prozent), dass die Umgangssprache zwischen den Jugendlichen härter und gewaltbereiter geworden sei.

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Viele Lehrer gaben an, nur begrenzt gegen Cybermobbing vorgehen zu können – auch aus Unkenntnis über das Phänomen. An den Schulen werden aus ihrer Sicht immer weniger Maßnahmen umgesetzt, um Schüler zu schützen. So gibt es an nur an etwa jeder vierten Schule eine oder einen Antimobbingbeauftragten. In Schulen in Sachsen und Brandenburg finden laut der Studie die wenigsten Aktivitäten zum Thema Gewalt und Internet statt. Die meisten werden in Bayern, Nordrhein-Westfalen und im Saarland realisiert.

Lehrkräfte fordern nicht zuletzt aus diesem Grund Unterstützung: Sie brauchen beispielsweise gutes Unterrichtsmaterial zu Cybermobbing, ein Coaching von außen, Fortbildungen, aber auch mehr Einsatz von den Eltern.

Mobbing, so das Fazit der Studienmacher, hat durch Internet und Smartphones in den vergangenen Jahren eine neue Dimension erreicht. Früher hörte das aktive Ausgrenzen nach Schulschluss auf. Durch WhatsApp-Gruppen und Social Media ist Mobbing inzwischen aber jederzeit möglich, »sieben Tage die Woche – 24 Stunden am Tag. Unabhängig von Zeit und Ort«.

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