Darlehen für Studierende in Not "Im Ansatz völlig verfehlt"

Die Bundesregierung hat sich auf Hilfen für Studierende verständigt und kündigt zinsfreie Kredite an. Das sei ein reiner Etikettenschwindel, kritisiert der Gewerkschafter und Hochschulexperte Andreas Keller.
Ein Interview von Armin Himmelrath
Studierende in Leipzig (Archiv): "Wenn Frau Karliczek von einem zinslosen Darlehen spricht, ist das ein Etikettenschwindel", sagt Andreas Keller

Studierende in Leipzig (Archiv): "Wenn Frau Karliczek von einem zinslosen Darlehen spricht, ist das ein Etikettenschwindel", sagt Andreas Keller

Foto: Jan Woitas/ dpa

Am Donnerstag will der Bundestag das Hilfspaket für Studierende beschließen, die in der Coronakrise ihren Job verloren haben. "Wir dürfen nicht zulassen, dass die Corona-Pandemie Studierende in den Abbruch oder die Aufgabe ihres Studiums treibt", hatte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) das Hilfsprogramm begründet.

"Diesen Studierenden steht nun die Möglichkeit offen, ein zinsloses Darlehen bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau zu beantragen", kündigte die Ministerin an. Das soll, wenn der Bundestag zustimmt, unbürokratisch bereits ab dem 8. Mai möglich sein und bis März 2021 gelten.

Andreas Keller ist im Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für die Hochschulen zuständig. Er hält die Pläne für einen Etikettenschwindel.

SPIEGEL: Herr Keller, was haben sie dagegen, dass die Bundesregierung Not leidenden Studierenden in der Coronakrise hilft?

Andreas Keller: Gar nichts. Ich bin froh, dass es in der Großen Koalition und im Bundesbildungsministerium endlich ein Problembewusstsein dafür gibt, dass man Studierende, die kein Bafög bekommen und wegen der Corona-Pandemie finanzielle Schwierigkeiten haben, unterstützen muss. Es hat lange genug gedauert, bis sich das durchgesetzt hat. Aber die Art und Weise, wie das jetzt geschieht, ist schon im Ansatz völlig verfehlt.

SPIEGEL: Warum?

Keller: Weil es sich um einen stinknormalen Bankkredit handelt, der als zinsloses Darlehen verkauft wird, in Wirklichkeit aber teuer bezahlt werden muss.

SPIEGEL: Das müssen Sie genauer erklären.

Keller: Zinsfrei ist nicht der Kredit, sondern gerade mal die Auszahlungsphase. Wenn Sie also ab Mai 2020 bis März 2021 den Höchstsatz von 650 Euro bekommen, haben Sie dann 7150 Euro als Darlehen aufgenommen. Danach wandelt sich das Ganze in einen regulären Studienkredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) um. Und das heißt: Sie zahlen spätestens ab Oktober 2022 zurück - mit Zinsen, die ab April 2021 erhoben werden. Und der Zinssatz der KfW liegt aktuell bei sagenhaften 4,27 Prozent, sodass schnell einige Tausend Euro zusammenkommen. Das ist angesichts der Situation am Kapitalmarkt schon bemerkenswert hoch. Und die KfW kann sich das Geld umsonst bei der Europäischen Zentralbank leihen! Wenn Frau Karliczek also von einem zinslosen Darlehen spricht, ist das ein Etikettenschwindel.

SPIEGEL: Warum sollte die Bildungsministerin das tun?

Keller: Da kann ich nur mutmaßen. Vielleicht soll damit das unbeliebte Instrument des Studienkredits aus seinem Schattendasein geholt werden. Bisher haben gerade mal 93.000 Studierende einen Studienkredit aufgenommen, möglicherweise sollen da weitere Kunden in die Arme der KfW getrieben werden. Stattdessen fordern wir Zuschüsse für bedürftige Studierende - genauso, wie es Zuschüsse für Unternehmen in Not gibt. Denen macht die Bundesregierung ja auch keine unseriösen Kreditangebote zu völlig überhöhten Zinsen.