Debatte über schnellere Schulöffnungen Lehrer kriegen die Krise

Schluss mit der Notbetreuung, Kitas und Schulen sollen endlich wieder regulär öffnen - diese Forderung wird lauter. Pädagogen mahnen jedoch: Dafür sind wir nicht bereit.
Lehrkraft an der Tafel (Archiv): In Corona-Zeiten wird das Personal knapp

Lehrkraft an der Tafel (Archiv): In Corona-Zeiten wird das Personal knapp

Foto: Armin Weigel/ picture alliance/dpa

Die Geduld bei vielen scheint aufgebraucht. Nur stufenweise fahren Schulen und Kitas den Betrieb wieder hoch, doch nun werden die Forderungen nach einer schnelleren Öffnung lauter. Das Deutsche Kinderhilfswerk etwa spricht angesichts der Schließungen von einem "unverhältnismäßigen Eingriff in die Lebenswelt von Kindern".

Bestärkt fühlen sich Kritiker des bisherigen Vorgehens durch die Stellungnahme von vier medizinischen Verbänden, darunter der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte: "Insbesondere bei Kindern unter zehn Jahren sprechen die aktuellen Daten sowohl für eine geringere Infektions- als auch für eine deutlich geringere Ansteckungsrate", heißt es in dem Papier vom Dienstag, im Gegensatz dazu seien die sozialen und gesundheitlichen Folgen der Schließung gravierend.

Die Sichtweise der vier Medizinverbände ist nicht unumstritten, hat die Debatte aber befeuert - und zusätzlich preschen einige Bundesländer vor. Sachsen hat Kitas und Grundschulen bereits Mitte Mai für alle Kinder geöffnet. Nordrhein-Westfalen überraschte am Mittwoch mit der Ankündigung, Kitas schon im Juni wieder für alle Kinder zu öffnen, statt wie ursprünglich geplant erst im September.

Besorgt blicken allerdings viele Lehrkräfte und Erzieher auf diese Entwicklung. Was aus ihrer Sicht in der Debatte zu kurz kommt, ist die Personalfrage:

  • Wer soll den von strikten Auflagen bestimmten Alltag in Kitas und Schulen stemmen, wenn schon vor Corona ein akuter Mangel an Erziehern und Lehrern herrschte? Und wie soll der Gesundheitsschutz für alle Beteiligten gewahrt bleiben?

Der Aspekt war schon bei den stufenweisen Lockerungen kritisch, und wird durch die Rufe nach mehr Tempo noch verschärft. "Es fehlt dringend an Pädagogen, sei es an Kitas, sei es an Schulen, wenn Kinder und Jugendliche weiter nur unter Wahrung von Abstandsregeln in ihre Einrichtungen gehen dürfen", sagt Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), dem SPIEGEL.

Schon vor der Pandemie akute Personalnot

Feste Gruppen wie in Sachsen erfordern unter Umständen mehr Personal. Wenn Klassen halbiert oder gar gedrittelt und im Schichtsystem unterrichtet werden müssten, seien mehr Räume und deutlich mehr Lehrkräfte nötig als sonst, so Beckmann. "Die haben wir aber nicht. Man darf nicht vergessen, dass schon vor Corona akute Personalnot herrschte." Der Präsenzunterricht im Corona-Modus lasse sich deshalb nur mit einer stark abgespeckten Stundentafel umsetzen, "und selbst dann wird es personell eng".

Die Zahl der Fachkräfte, die in Kitas und Schulen einsatzfähig sind, ist wegen der potenziellen Infektionsgefahr geschrumpft. Ein Teil gehört zur Risikogruppe, ist also im Falle einer Corona-Infektion stärker gefährdet als andere, schwer an Covid-19 zu erkranken - und sollte deshalb lieber zu Hause bleiben. Das sehen Empfehlungen der Kultusministerkonferenz vor.

Lehrkräfte, die nachweislich an einer Vorerkrankung leiden, sollten demnach nicht zum Unterricht in die Schulen kommen. Lehrkräfte, die zur Risikogruppe gehören, darunter etwa Schwangere oder Kollegen über 60 Jahre, sollten dies nur auf freiwilliger Basis tun. Wie viele Pädagogen all das bundesweit betrifft, ist statistisch nicht erfasst. Und es hört bei den Pädagogen ja nicht auf: Sollten sie auch zu Hause bleiben können, wenn etwa nahe Angehörige zur Risikogruppe gehören?

Zwölf Prozent der Lehrkräfte älter als 60 Jahre

Fest steht: Bundesweit sind rund zwölf Prozent Lehrerinnen und Lehrer älter als 60 Jahre. Aber, so Beckmann, von Bundesland zu Bundesland und teils von Schule zu Schule sei die Altersstruktur sehr verschieden. "An manchen Schulen ist fast ein Drittel betroffen, und das Problem hat sich dadurch verschärft, dass man zuletzt viele pensionierte Lehrkräfte in den Schuldienst zurückgeholt hat, um den allgemeinen Lehrermangel aufzufangen."

Wie viele Lehrkräfte über 60 in der Pandemie tatsächlich von dem Angebot Gebrauch machen, vorsichtshalber zu Hause zu bleiben, ist unklar. Unabhängig davon müssen sich Pädagogen harte Vorwürfe anhören: "Es ist schon unverständlich, dass die Berufsgruppe der Lehrer für sich ein solches Schutzprivileg in Anspruch nimmt", wird Thomas Fischbach, Präsident des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte, in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" zitiert. Kinderärzte würden ein höheres Durchschnittsalter aufweisen und dennoch "an der Gesundheitsfront nach wie vor ihren Mann stehen".

Beckmann hält solche Äußerungen für "unverschämt". Fischbach würdige damit insbesondere die Leistungen der Lehrkräfte herab, die von zu Hause aus ihre Schülerinnen und Schüler sehr engagiert beim Lernen zu Hause betreut hätten. "Die haben keinen Urlaub gemacht, und das tun sie auch künftig nicht. Ein Teil der Kinder muss weiter zu Hause beschult werden, und das geht auch vom Homeoffice aus. Hierfür werden insbesondere die Lehrkräfte eingesetzt, die Risikogruppen zuzuordnen sind."

Beckmann betonte, der Gesundheitsschutz von Kindern und Pädagogen müsse in der Debatte über Schul- und Kita-Öffnungen "oberste Priorität" haben. Wie riskant eine uneingeschränkte Öffnung wäre, ist wissenschaftlich weiter umstritten. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) etwa verweist angesichts der Mediziner-Stellungnahme von Dienstag auf derzeit "nicht gesicherte Erkenntnisse".

Auch die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di mahnt deshalb: "Nur wenn Beschäftigte sowie Kinder wirksam geschützt werden, kann die Erweiterung des Kita-Angebots gelingen." Die Vizevorsitzende Christine Behle verwies auf Beispiele von Beschäftigten, die Risikogruppen angehörten und dennoch in den Kitas arbeiten müssten. Behle sagte, ein solches Vorgehen sei unverantwortlich.

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