Ausländische Studierende kommen nicht an ihr Geld »Ich hätte nie gedacht, dass mir hier so etwas passieren könnte«

Wer aus dem Ausland stammt und in Deutschland studieren möchte, muss mehrere Tausend Euro auf einem Sperrkonto hinterlegen. Ein Dienstleister zahlt nun nicht mehr aus – Hunderte junge Leute stehen mittellos da.
Studierende an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig (Symbolbild)

Studierende an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig (Symbolbild)

Foto: DPA

Dan McCarthy hat 34 Euro auf seinem Girokonto. Mehrmals täglich loggt sich der 27-jährige US-Amerikaner in seinen Onlinebanking-Account ein. Doch es geht einfach kein neues Geld ein. Die Summe für die Julimiete seiner kleinen Wohnung in Kiel hat sich der Jurastudent von seiner deutschen Freundin leihen müssen.

Dabei hat Dan McCarthy eigentlich Geld: Mehr als 8000 Euro liegen auf einem Sperrkonto einer großen deutschen Bank in Wiesbaden. Nur kommt McCarthy da nicht ran.

Wer aus einem Nicht-EU-Land stammt und in Deutschland studieren möchte, braucht eine Menge Geld, so will es der deutsche Staat. Mindestens 861 Euro müssen angehende Studentinnen und Studenten für jeden Monat aufbringen, den sie in Deutschland bleiben wollen. Das Geld müssen sie vor der Einreise auf einem Sperrkonto hinterlegen, wenn sie nicht andere Finanzierungsquellen wie etwa ein Stipendium nachweisen können. Mit dieser Regelung will die Regierung verhindern, dass die jungen Menschen während ihres Studienaufenthalts dem Steuerzahler auf der Tasche liegen.

Monatlich sollen 861 Euro ausgezahlt werden. Eigentlich

Von diesem Sperrkonto zahlt die Bank monatlich 861 Euro an die jungen Menschen aus. Die Summe entspricht dem Bafög-Höchstsatz in Deutschland – ein Betrag, den der Gesetzgeber für einen Studenten oder eine Studentin als monatliche Lebenshaltungskosten kalkuliert hat.

Nur kam im Juli dieses Geld bei etlichen Studierenden nicht an.

Das Auswärtige Amt listet auf seiner Internetseite ein halbes Dutzend Unternehmen auf, die solche Sperrkonten anbieten, darunter große Geldinstitute wie die Deutsche Bank – aber auch kleine Finanzdienstleister, die diese Konten im Namen der Studierenden bei einer Partnerbank eröffnen. Bis vor Kurzem stand hier, prominent an erster Stelle, ein Unternehmen namens »BAM – Bundesweites Anlagenmanagement UG«.

Kundenservice im Plauderton

Die Firma bot den Studierenden einen ziemlich guten Deal: Ein Rundum-sorglos-Paket für eine pauschale Summe von 60 Euro für ein Sperrkonto bei der Aareal Bank in Wiesbaden – ein Geldhaus, das eigentlich auf Immobilienfinanzierung spezialisiert ist. Zum Vergleich: Bei der Deutschen Bank kostet derselbe Service 150 Euro für die Einrichtung der Sperre des Kontos und knapp sieben weitere Euro für jeden Monat, in dem das Konto genutzt wird.

Was ebenfalls für den Anbieter sprach: Während bei anderen Firmen seitenweise Papier ausgefüllt und auf dem Postweg durch die Lande geschickt werden muss, können angehende Studierende bei BAM das Konto online eröffnen. Innerhalb weniger Tage erhielt der Bewerber oder die Bewerberin die ersehnte Bescheinigung über die eingezahlte Summe, die für einen Visumsantrag zwingend notwendig ist. Die E-Mails des BAM-Kundenservice sind in freundlichem Plauderton gehalten, als Absender firmiert eine nachnamenlose »Lisa«. »Mir kam das überhaupt nicht merkwürdig vor«, sagt McCarthy. In den USA sei es schließlich üblich, dass sich alle mit Vornamen ansprächen. »Ich fand es toll, wie einfach und unbürokratisch das ablief.«

»Ich habe dem deutschen Staat vertraut.«

Dan McCarthy, Jurastudent

10.492 Euro zahlte er im April über BAM auf sein Sperrkonto ein – für einen jungen Menschen sehr viel Geld. Dan McCarthy hat es sich vor seiner Reise aus Cleveland, Ohio, nach Kiel, Schleswig-Holstein, von seiner Mutter geliehen. Er war über die Internetseite des Auswärtigen Amtes auf die Liste der Anbieter gestoßen. »Wenn das deutsche Außenministerium das Angebot empfiehlt, wird es gut sein«, habe er gedacht und über BAM ein Sperrkonto eröffnet – so wie ungefähr 700 weitere Studentinnen und Studenten aus aller Welt, die ein oder mehrere Semester in Deutschland absolvieren wollten.

»Ich habe dem deutschen Staat vertraut«, sagt McCarthy, »und jetzt muss ich Angst haben, dass ich mein Geld nicht wiedersehe.«

Denn seit Ende Juni hat BAM offenbar keinen Cent mehr an Studierende ausgezahlt, das berichten zahlreiche Betroffene übereinstimmend. Die Website, eine einfache Baukasten-Homepage in »Sendung mit der Maus«-Orange, ist nicht mehr erreichbar. Wer die Handynummer anruft, die in den offiziellen Schreiben der BAM als Kontaktnummer auftaucht, landet auf einer Mailbox. Der Finanzdienstleister, so scheint es, ist abgetaucht.

Kein Briefkasten, kein Klingelschild trägt den Namen der Firma

Das Handelsregister weist für BAM eine Geschäftsadresse in einem hippen Hinterhof-Bürogebäude in der Hamburger Altstadt aus. Doch weder ein Briefkasten noch ein Klingelschild deuten darauf hin, dass hier eine Firma namens BAM Bundesweites Anlagenmanagement residiert. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anderer Firmen im selben Haus reagieren verwundert. Nein, eine solche Firma habe es hier nie gegeben, sagen sie. Auch der Name der Geschäftsführerin, gemäß Handelsregistereintrag eine Frau namens Levke Marie Derns, findet sich dort nirgendwo. Im Impressum der inzwischen offline geschalteten Internetseite der BAM trägt die Geschäftsführerin einen anderen Nachnamen.

Auf E-Mails an die Mailadresse des BAM-Kundenservice folgte vor einigen Tagen eine automatisierte Antwort: BAM habe derzeit mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Kunden sollten sich bitte direkt an die Aareal Bank in Wiesbaden wenden. Wer das tat, wurde wiederum an den Kundenservice der BAM verwiesen. »Die Aareal Bank führt keine Konten, bei denen die Studierenden selbst Kontoinhaber sind«, sagt Christian Feldbrügge, Pressesprecher der Aareal Bank auf Nachfrage. Seine Bank dürfe keine Überweisungen tätigen, ohne dass der Kontoinhaber oder Treuhänder Zahlungen veranlasse.

Allerdings seien »die zuständigen Behörden informiert«, sagt Feldbrügge. Es werde »aktiv nach einer Lösung gesucht, um eine Auszahlung der auf dem Konto befindlichen treuhänderischen Guthaben an die Berechtigten zu ermöglichen. Außerdem wurden bereits Maßnahmen zur Sicherung der Treuhandgelder durchgeführt.«

Sprachschülerin Prieto

Sprachschülerin Prieto

Foto: privat

Im Klartext heißt das: Die BAM, nicht die Studierenden selbst, ist Kunde der Bank. Deshalb kann auch nur der Finanzdienstleister Zahlungen veranlassen. Der BAM fehlte dafür die erforderliche bankenrechtliche Erlaubnis – weshalb die Bankenaufsicht Bafin in dieser Woche einschritt und die »sofortige Einstellung des unerlaubt betriebenen Einlagengeschäftes« anordnete. »Die Gesellschaft bot nach Deutschland kommenden Studenten sogenannte Sperrkonten nach Maßgabe des Aufenthaltsgesetzes an«, heißt es in einer Stellungnahme der Bafin. »Diese wurden allerdings regelwidrig nicht zugunsten der jeweiligen Studenten auf deren Namen eröffnet. Vielmehr vereinnahmte die Gesellschaft die Gelder auf einem eigenen Konto.«

Das Auswärtige Amt hat den Link inzwischen von seiner Seite entfernt und kommentiert diesen Vorgang dem SPIEGEL gegenüber so: Die Auflistung sei »nicht mit einem bankenrechtlichen Prüfverfahren verbunden und ist auch aus Wettbewerbsgründen keine Empfehlung für oder gegen einzelne Anbieter«.

180 Betroffene haben sich in einer Telegram-Gruppe versammelt

Ob, wann und wie die Studierenden ihr Geld zurückbekommen, darüber gibt es bisher keine Auskünfte. Mehr als 180 Betroffene haben sich in einer Telegram-Gruppe zusammengefunden. Sie stammen aus dem Libanon, dem Senegal, den USA und aus Südkorea. Manche borgten sich das Geld von Eltern oder Verwandten, andere nahmen in der Heimat einen Kredit auf, um dem deutschen Staat eine finanzielle Sicherheit zu bieten – den sie nun Monat für Monat bedienen müssen.

Die Allermeisten sind wütend und ziemlich nervös. Vermieter warten auf ihre Mietzahlungen, die Krankenversicherungen auf ihre Beiträge – und das in einem fremden Land, dessen Sprache viele gerade erst richtig lernen. In einer Exceltabelle haben die Studentinnen und Studenten aufgelistet, wie viel Geld jeder einzelne eingezahlt hat und wie viel Geld noch auf den Sperrkonten liegen müsste: Am Donnerstagmorgen summierten sich die Ausstände auf mehr als 800.000 Euro, allein für die Mitglieder der Chatgruppe.

Mehr als drei Millionen Euro

Doch höchstwahrscheinlich sind noch weitaus mehr Studierende betroffen: Aus einem Schreiben der Aareal Bank, das dem SPIEGEL vorliegt, geht hervor, dass Mitte Mai mehr als drei Millionen Euro auf dem BAM-Konto bei der Aareal Bank lagen.

»Es ist unglaublich demütigend.«

Presley Prieto, Sprachschülerin

»Ich fühle mich so hilflos«, sagt Presley Prieto, die aus Kalifornien stammt und in Berlin einen Deutschkurs belegt. »All meine Ersparnisse stecken in diesem Sperrkonto.« Um sich etwas zu essen kaufen zu können, habe sie sich Geld von Bekannten leihen müssen. »Es ist unglaublich demütigend.« Nachts liege sie oft stundenlang wach. »Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll.«

Wie ein Großteil ihrer Mitstreiter hat Prieto mittlerweile Strafanzeige erstattet. Einige Studentinnen und Studenten wurden aber beim Versuch, genau das zu tun, von verständnislosen Polizeibeamten wieder nach Hause geschickt. Gabrielly Oliveira ist genau das passiert. Ein Jahr lang hat die Brasilianerin in ihrem Heimatland in einer Marketingagentur gearbeitet, um sich einen Traum erfüllen zu können: Ein Masterstudium in »Media and Communication Science« im thüringischen Ilmenau. Vom Gehalt ihres ersten Jobs sparte sie jeden Real, um das Ticket nach Deutschland lösen zu können.

»Ich hätte nie gedacht, dass mir hier so etwas passieren würde. Das ist doch Deutschland hier, wo alles rechtmäßig und geregelt läuft«, schimpft sie. »Wie konnte ich mich so täuschen?«

»Das ist doch Deutschland hier, wo alles rechtmäßig und geregelt läuft.«

Gabrielly Oliveira, Studentin »Media and Communication Science«

Als die Auszahlung der Juli-Tranche ihres Sperrkontovermögens ausblieb, suchte Oliveira auf Anraten ihrer deutschen Freunde die nächstgelegene Polizeidienststelle auf, um den Vorfall anzuzeigen. »Die Beamten wussten gar nicht, was sie mit mir anfangen sollten«, erzählt die 24-Jährige am Telefon. »Sie wussten nicht, was ein Sperrkonto ist.« Die Verbraucherzentrale, zu der sie danach ging, habe ihr geraten, sich einen Rechtsanwalt zu nehmen. »Das habe ich mich bisher nicht getraut«, sagt Oliveira. Ein Rechtsanwalt sei sicher teuer. »Ich habe Sorge, dass man mich wieder nicht ernst nehmen wird – und es ist mir auch peinlich, dass ich anscheinend einem Betrug aufgesessen bin.«

Sind die Studierenden Opfer einer Betrügerin geworden?

Doch ist das wirklich so? Sind Oliveira, McCarthy, Prieto und all die anderen Opfer einer Betrügerin geworden, die auf angebliche Empfehlung des Auswärtigen Amtes Hunderte Studierende um ihre Ersparnisse bringen wollte?

»Ich dachte, ich probiere das einfach mal.«

Levke Derns, Geschäftsführerin BAM

Levke Derns, die Geschäftsführerin der BAM, ist eine schmale, blasse Person. Mit ihrer altmodischen Brille und den ausgelatschten Turnschuhen wirkt die 32-Jährige nicht wie eine kaltschnäuzige Betrügerin. Nach einem ersten Telefonkontakt kann man sie treffen, nur nicht in ihren Büroräumen in der Hamburger Altstadt, sagt sie vorab am Telefon. Das sei »gerade etwas ungünstig«.

Derns erzählt die Geschichte einer simplen Geschäftsidee, die irgendwann aus dem Ruder gelaufen sei. Sie wirkt dabei, als habe sie die Tragweite ihres Handelns nicht wirklich begriffen.

Früher habe sie in einer Firma gearbeitet, die möblierte Wohnheimzimmer an ausländische Studierende vermietet habe. Dabei habe sie mitbekommen, wie kompliziert und teuer die Einrichtung eines Sperrkontos sein konnte. Sie habe das besser machen wollen, beteuert sie.

»Ich bin ein pragmatischer Mensch und dachte, ich probiere das einfach mal«, sagt sie. Im Januar 2020 gründete sie die BAM – Bundesweites Anlagenmanagement UG. »Es hat mich erstaunt, wie einfach das war.« Den Namen habe sich ihr Freund ausgedacht. »BAM, das klingt wie 'Bäm' – das gefiel mir irgendwie.« Auf der Suche nach einer Bank, bei der die BAM die Sperrkonten anlegen könnte, habe sie »rund 20« Anbieter angeschrieben. Mit der Aareal Bank sei sie sich im vergangenen Sommer schließlich einig geworden. An das Auswärtige Amt habe sie eine E-Mail geschrieben und darum gebeten, neben den anderen Sperrkonto-Anbietern auf der Website des Ministeriums aufgelistet zu werden. »Das klappte sofort.«

Kündigung des Geschäftsverhältnisses

Im Januar dieses Jahres habe die Aareal Bank dann das Geschäftsverhältnis aufkündigen wollen. »Die haben mir zweieinhalb Monate Zeit gegeben, eine andere Bank zu finden. Gründe haben sie zu diesem Zeitpunkt nicht genannt«, sagt Derns. Zwei Schreiben der Aareal Bank an Derns, die dem SPIEGEL vorliegen, stützen diese Aussage.

Die Aareal Bank möchte »aufgrund geltender Gesetze keine Einzelheiten zu den Geschäftsbeziehungen mit unseren Kunden und damit einhergehende Informationen offenlegen«, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme der Bank. »Wir streben grundsätzlich langfristige Kundenbeziehungen an«, heißt es weiter. »Die Aareal Bank hat dennoch jederzeit die Möglichkeit, eine bestehende Geschäftsbeziehung ordentlich und mit einer angemessenen Frist zu kündigen, beispielsweise bei Auffälligkeiten in der Kontonutzung oder hohen manuellen Aufwänden, etwa für die Einhaltung hoher Compliance-Standards.« Die Kündigungsfrist betrage gemäß der allgemeinen Geschäftsbedingungen zwei Monate.

Levke Derns sagt, zwei Monate seien viel zu wenig Zeit gewesen, um eine neue Bank zu finden. »Ich habe sofort mit der Suche begonnen und noch einmal mindestens 30 Banken kontaktiert – doch ich habe bis zum Schluss niemanden gefunden«, sagt sie. Sie habe die Aareal-Bank um Aufschub gebeten. Anfangs habe sich die Bank darauf eingelassen. »Doch Ende Juni war dann wirklich Schluss.« Sie habe anschließend keine weiteren Auszahlungen an die Studierenden mehr anweisen können.

Ein Update in 14 Tagen

Warum hat sie das dann den Betroffenen gegenüber nicht kommuniziert? Levke Derns sagt: »Ich habe bis zum Schluss gedacht, wir finden noch eine Lösung. Ich wollte nicht vorschnell Panik verbreiten. Was nun passiert ist, tut mir sehr leid.« Vielleicht könne ein anderer Anbieter die Konten der Studierenden übernehmen, da sei sie »in Gesprächen«. Ihre Firma werde wohl Insolvenz anmelden.

In der Nacht nach diesem Gespräch erhalten die betroffenen Studierenden eine E-Mail. »Ihr Geld liegt bei der Aareal Bank«, heißt es auf Englisch darin. Das Geld könne derzeit nicht bewegt werden. »Wir senden Ihnen in etwa 14 Tagen wieder ein Update.«

Dan McCarthy, der US-Amerikaner in Kiel, kann so lange nicht mehr warten. Er muss seiner Krankenkasse dringend fällige Beiträge überweisen – aber sein derzeitiger Kontostand reiche dafür nicht aus. »Ohne die Hilfe meiner Freunde wäre ich aufgeschmissen«, sagt er. Es geht um 45 Euro.

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