Sonderauswertung der IGLU-Studie Jedes fünfte Kind kommt hungrig zur Schule

Tausende Kinder sitzen hierzulande hungrig im Klassenraum, hat eine Sonderauswertung der letzten IGLU-Studie ergeben. Auch die schulischen Leistungen leiden darunter.
Das Essen in der Schulkantine ist für viele Kinder die wichtigste Mahlzeit des Tages.

Das Essen in der Schulkantine ist für viele Kinder die wichtigste Mahlzeit des Tages.

Foto: Franziska Kraufmann/ picture alliance/dpa

Jedes zehnte Kind in Deutschland sitzt täglich mit knurrendem Magen im Unterricht. Das hat eine Sonderauswertung von Daten der internationalen Lesestudie IGLU unter Schülerinnen und Schülern der vierten Klassen ergeben, die dem SPIEGEL vorliegt.

Weitere zwölf Prozent der befragten Kinder gaben an, "fast jeden Tag" hungrig zur Schule zu kommen. Bei gut einem Fünftel kommt es nach eigenen Angaben immerhin "an einigen Tagen" vor, dass sie sich im Unterricht nicht ausreichend satt fühlen.

Wer Hunger hat, schneidet im Schnitt auch schlechter bei den schulischen Leistungen ab. Auch das zeigt sich in den IGLU-Daten. Kinder, die regelmäßig hungrig zur Schule kamen, erreichten in Deutschland durchschnittlich 517 Punkte im Lesetest. Kinder, die nach eigenen Angaben immer ausreichend gegessen hatten, schnitten mit 556 Punkten deutlich besser ab.

Bleiben Schulen geschlossen, trifft das diese Kinder besonders hart

"Diesen Zusammenhang zwischen Hunger und schlechteren Leseleistungen beobachten wir in allen Ländern, die an der Studie teilgenommen haben", sagt Dirk Hastedt, Geschäftsführer des internationalen Forschungsinstituts IEA (International Association for the Evaluation of Educational Achievement), das die IGLU-Studien seit 2001 alle fünf Jahre durchführt.

Rund 45 Prozent aller Schulen, die an der Befragung teilnahmen, böten ein kostenloses Mittagessen für bedürftige Kinder an, sagt Hastedt. "Die aktuellen Schulschließungen durch das Coronavirus werden diese Kinder vermutlich besonders empfindlich treffen, weil sie auf die Verpflegung in den Bildungseinrichtungen angewiesen sind."

Die Sonderauswertung bezieht sich auf Daten, die im Jahr 2016 gesammelt und 2017 veröffentlicht wurden. Die Wissenschaftler befragten dazu Zehnjährige in 47 Ländern. In Deutschland gingen die Forscher an 208 Grund- und Förderschulen und testeten dort insgesamt 4277 Viertklässler. Zudem waren rund 3000 Eltern, 200 Deutschlehrkräfte und 190 Schulleitungen an der Untersuchung beteiligt.

Hamburg: Eltern können warmes Mittagessen in Kita abholen

Auch für jüngere Kinder sind die Mahlzeiten in Schule und Kita oftmals sehr wichtig, etwa weil sich die Eltern nicht ausreichend ums Essen kümmern können oder weil ihnen das Geld dafür fehlt. In der Coronakrise, so fürchten Experten, könnten diese Kinder nicht so versorgt werden, wie sie es bräuchten.

In Hamburg können Eltern deshalb ab dem 15. Mai ein warmes Mittagessen in der Kita ihrer Kinder abholen, kündigte Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) an. "Auch in der Coronakrise müssen wir alle Kinder im Blick behalten", heißt es in einem Statement.

"Neben einer vernünftigen Notbetreuung sorgen wir nun dafür, dass Kinder, die das benötigen, in ihrer Kita ein Mittagessen bekommen - so, wie sie es üblicherweise während der beitragsfreien fünfstündigen Betreuung auch bekommen würden." Die Kosten trage die Sozialbehörde.

olb
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