Umfrage Deutschlands Schulleiter halten Stundenpläne für »nicht mehr zeitgemäß«

»Schule ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen«: Selbst Schulleiterinnen und Schulleiter urteilen harsch über das deutsche Bildungssystem. In einer Umfrage prangern sie mehrere Großbaustellen an.
Unterricht in Nordrhein-Westfalen: Laut einer Umfrage sieht eine Mehrheit der deutschen Schulleitungen grundsätzlichen Reformbedarf

Unterricht in Nordrhein-Westfalen: Laut einer Umfrage sieht eine Mehrheit der deutschen Schulleitungen grundsätzlichen Reformbedarf

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Rainer Unkel / IMAGO

Sie würden die alten Strukturen am liebsten über den Haufen werfen und Deutschlands Schulen mit ganz neuen Strukturen wieder aufbauen: Die große Mehrheit der Schulleiterinnen und Schulleiter ist sich darin einig, dass die Bundesrepublik eine »neue Kultur des Lernens« braucht. So fasst das Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie die Ergebnisse einer Umfrage unter 1100 Schulleitungen sowie 50 ergänzende, ausführliche Telefonate zusammen, die an diesem Mittwoch vorgestellt werden.

Fächerkanon radikal überarbeiten, neue und andere Leute einstellen

Zu den wichtigsten Baustellen, die den Rektoren zufolge bearbeitet werden sollen, gehören die Überarbeitung von Stundenplänen, der Ausbau von Ganztagsschulen (aber nicht irgendwelchen) sowie eine Neuaufstellung der Kollegien. Die Ergebnisse im Detail:

Stundenpläne reformieren: 82 Prozent der Schulleitungen sprechen sich dafür aus, die Stundenpläne mit dem althergebrachten Fächerkanon umzukrempeln. Dieser sei »nicht mehr zeitgemäß«, sondern bedürfe einer grundlegenden Überarbeitung. Knapp die Hälfte der Befragten wünscht sich, dass der Fachunterricht thematisch stärker vernetzt wird. Etwa ein Viertel würde einen insgesamt fächerübergreifenden Unterricht bevorzugen.

»Die Schule ist noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen«, so wird der Schulleiter eines Gymnasiums in der Studie zitiert. Dies liege an dem tradierten System, das schon lange nicht mehr aktuell sei. »Der Fächerkanon ist doch der Wahnsinn«, so der Schulleiter. Das interessengeleitete, individualisierte Lernen stehe nicht im Vordergrund, »sollte es aber«.

Mehr und andere Ganztagsschulen: 89 Prozent der Befragten halten die sogenannte gebundene Ganztagsschule für das Modell der Zukunft. 82 Prozent finden, es könne ganz wesentlich zur Chancengerechtigkeit beitragen. Bei diesem Konzept bleiben alle Schüler an mindestens drei Wochentagen bis zum Nachmittag gemeinsam in der Schule. Lern-, Spiel- und Erholungsphasen wechseln sich ab. Bisher gibt es solche Schulen zwar schon, aber längst nicht flächendeckend.

Offene Ganztagsschulen mit freiwilligen Nachmittagsangeboten sind vorherrschend und noch dazu in einigen Bundesländern Mangelware. Baden-Württemberg beispielsweise hat noch reichlich Nachholbedarf, bis 2026 der Ganztagsanspruch für Grundschulkinder ab Klasse 1 greift. Qualitativ gute, gebundene Ganztagsschulen gelten als wichtiges Instrument , um den Schulerfolg stärker vom Elternhaus abzukoppeln.

Schulen müssen Chancengleichheit ermöglichen: Fast alle befragten Schulleitungen vertreten diese Ansicht. 92 Prozent setzen dafür auf individuelle Förderangebote, um allen Schülerinnen und Schülern gerecht zu werden. 93 Prozent wünschen sich außerdem, dass im Unterricht mehr Lebenskompetenzen vermittelt werden, um Kinder und Jugendliche besser auf das Erwachsensein und die Arbeitswelt vorzubereiten.

Einer der Befragten, seit 21 Jahren Leiter einer Grundschule, wird in der Studie zu diesem Thema so zitiert: »Ich sehe einen zunehmenden Verlust von Erziehungsqualität in den Elternhäusern. Die Schule muss immer mehr kompensieren.«

Weitere wichtige Themen sind nach Ansicht der Schulleitungen: »Gesundheit und Ernährung« (90 Prozent), »Demokratie« (88 Prozent), »Digitale Bildung und Mündigkeit« (92 Prozent). Fast alle Befragten geben an, dass Schülerinnen und Schüler den verantwortungsbewussten Umgang mit digitalen Medien in der Schule lernen sollten.

Die Studie wurde im Auftrag des Schulbuchverlages Cornelsen erstellt (hier finden Sie die Gesamtstudie zum Download ); daran beteiligt war auch der Bildungsforscher Klaus Hurrelmann. Er zeigt sich von den Ergebnissen überrascht: »Wer hätte das gedacht? Die Mehrheit der deutschen Schulleiterinnen und Schulleiter sind Reformer.« Sie leugneten nicht, »dass es in deutschen Schulen immer noch verkrustete Strukturen gibt, die tief im Alltag verankert sind. Aber genau diese wollen sie überwinden.«

Zehn Stunden pro Woche für Verwaltung, drei für Schulentwicklung

80 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, dass sich Schulleitung auf die Strategie- beziehungsweise die Unterrichtsentwicklung und den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler konzentrieren sollte. Der Alltag sieht den Gesprächen zufolge allerdings oft anders aus. Rund die Hälfte der Befragten gibt an, maximal drei Stunden pro Woche für das Thema Schulentwicklung zur Verfügung zu haben. Einen Großteil der Arbeitszeit beanspruchen demnach administrative Aufgaben . Immerhin 54 Prozent der Schulleitungen verbringen damit der Umfrage zufolge wöchentlich mehr als zehn Stunden.

»Ich kann mir noch so viel vornehmen, aber dann kommt der Alltag dazwischen«, wird eine Schulleiterin in der Studie zitiert. Sie bekomme täglich viele Aufgaben herein: »Das macht mich orientierungslos.«

Dies möge ein Grund sein, argwöhnen die Studienautoren, weshalb fast drei Viertel aller Schulleitungen unzufrieden auf das vergangene Jahr zurückschauten. Das Krisenmanagement während der Coronapandemie war für Führungskräfte an den Schulen besonders fordernd. Immerhin 52 Prozent geben dennoch an, der Zukunft optimistisch entgegenzusehen.

Anmerkung: In einer früheren Fassung war vom Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialfragen die Rede. Tatsächlich handelt es sich um das Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie. Wir haben den Namen korrigiert.

fok