Lehrkräfte in der Coronakrise "Die meisten meiner KollegInnen haben deutlich mehr gearbeitet als ohnehin"

Der Bildungsforscher Ullrich Bauer kritisierte in einem SPIEGEL-Interview auch einen mangelnden Einsatz von Lehrkräften während der Coronakrise. Die Leserreaktionen dazu bilden zwei klare Lager.
Dieser Lehrer unterrichtet seine Schüler in der Schweiz per Fernunterricht - wie auch viele Lehrkräfte in Deutschland

Dieser Lehrer unterrichtet seine Schüler in der Schweiz per Fernunterricht - wie auch viele Lehrkräfte in Deutschland

Foto:

Jean-Christophe Bott/ dpa

"Lehrkräfte haben in der Pandemie zu wenig zurückgegeben": Schon der Titel des Interviews mit Bildungsforscher Ullrich Bauer versetzte einige Leser in Aufruhr. Bauer, Professor für Sozialisationsforschung, bescheinigt in dem Gespräch Schulen in der Pandemie zu wenig Weitsicht, eine schlechte Vorbereitung auf die kommenden Monate - und den Lehrerinnen und Lehrern kaum Motivation, sich um guten Fernunterricht zu bemühen.

Die Reaktionen darauf fallen deutlich aus: Die "Hetze gegen Lehrer" müsse endlich aufhören, heißt es da unter anderem. Doch es meldeten sich nicht nur die, die sich ungerecht behandelt fühlen. "Ich stimme diesem Artikel voll und ganz zu!", schreibt Leserin Beatrix Flaig-Wagner, nach eigenen Angaben selbst als Lehrerin tätig.

Wie so häufig in diesen Tagen bildeten sich also zwei Lager. Hier veröffentlichen wir eine Auswahl an teils gekürzten Reaktionen. Zunächst von jenen, die Bauers Aussagen widersprechen:

"Diese ständigen Einwürfe aus dem Elfenbeinturm der Erziehungswissenschaftler sind wenig förderlich"

"Ich kann die Aussagen von Prof. Bauer nicht nachvollziehen. Ich habe als Lehrer einen enormen Aufwand betrieben und muss mit meinen angehenden Abiturienten jetzt in Präsenzform viel aufholen und nebenbei vulnerable Schüler im E-Learning beschulen. Also das doppelte Arbeitspensum. Diese ständigen Einwürfe praktisch aus dem Elfenbeinturm der Erziehungswissenschaftler sind wenig förderlich. Aber die besten Kapitäne sitzen bekanntlich immer an Land."
(Alexander Moritz)

"Unsere SchülerInnen und wir sind wie Versuchskaninchen behandelt worden"

"Ich kann mit großer Überzeugung sagen, dass die meisten KollegInnen, von denen übrigens auch ein Großteil selbst Familie hat und demnach zu Hause ebenfalls die Betreuung gewährleisten musste, sich in den vergangenen Monaten die Hände wund gearbeitet und versucht haben, alle Kinder mitzunehmen und zu unterstützen (und das meist analog). Ja, korrekt: Wir sind und waren nicht in Kurzarbeit. Stattdessen werden wir nun alle einem großen gesundheitlichen Risiko ausgesetzt, weil die SchülerInnen keine Masken tragen müssen und wir mehrere Stunden mit ihnen in einem Raum verbringen - und in der Grundschule einen Sicherheitsabstand gar nicht einhalten können, wenn wir ihnen wirklich helfen sollen. Unsere SchülerInnen und wir sind in den vergangenen Wochen als Versuchskaninchen behandelt worden."
(Leonie Scholz)

"Selbst in den Ferien waren wir durchweg aktiv"

"Ich bin Schulleiter eines Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums in Baden-Württemberg. Während der vergangenen Monate haben wir viele mutige Wege beschritten und Entscheidungen getroffen, die immer das Ziel hatten, für unsere benachteiligten Kinder und Jugendlichen die bestmögliche Unterstützung, Bindung und Sicherheit zu ermöglichen. Selbst in den Ferien waren wir durchweg aktiv. Aktuell werden uns so viele Steine seitens der Schulverwaltung in den Weg gelegt: Uns wird bewusst neues Personal verwehrt und das, obwohl die Zahlen von Kindern und Jugendlichen, die einen besonderen Förderbedarf im emotional-sozialen Bereich haben, massiv zulegen. Dies macht mich sprachlos."
(Matthias Schmidt)

"Dieser Alarmismus erscheint mir absurd"

"Ich muss wohl an einer Leuchtturmschule sein. Kam mir bisher nie so vor. Aber die meisten meiner Kolleg*innen haben in der Coronazeit deutlich mehr gearbeitet als im ohnehin schon arbeitsreichen Normalbetrieb. Das einzige echte Problem sehe ich in dem Umstand, dass Kinder aus Elternhäusern, in denen Liebe und Kraft fehlt, diesen ausgeliefert waren. Aber das kann nicht der Schule angelastet werden. Ich bin sicher, dass die Zeit einem Großteil der Kinder und Jugendlichen nicht geschadet hat, selbst dann nicht, wenn von ihrer Schule zu wenige Angebote kamen. Wir reden hier nicht über Jahre, sondern über wenige Monate. Dieser Alarmismus erscheint mir absurd."
(T. Schmidt)

Doch es gab auch viel Zustimmung für Bildungsforscher Bauer:

"Die sehr gut bezahlten unkündbaren Bildungsbeamten müssen endlich umdenken"

"Herr Bauer hat 100 Prozent recht, auch wenn die Lehrerverbände und Gewerkschaften sicher wieder Sturm laufen werden. Das gesamte Schulsystem sollte grundsätzlich neu aufgestellt werden. Die sehr gut bezahlten unkündbaren Bildungsbeamten müssen endlich umdenken."
(Patrik Hauns)

"Ich stimme voll und ganz zu!"

"Ich stimme diesem Artikel voll und ganz zu! Bin selbst Lehrerin und an einem sehr engagierten Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum."
(Beatrix Flaig-Wagner)

"Mir wird schon bange um das nächste Schuljahr"

"Der Artikel spricht mir voll aus dem Herzen. Ich befürchte, es versteifen sich jetzt alle auf den Regelunterricht nach den Sommerferien und wenn das wegen steigender Infektionszahlen nicht geht, dann wurschteln wir halt so weiter wie bisher. Ich hatte gehofft, dass es nach den Osterferien schon strukturierter weitergeht. Dass in den Ferien die Zeit genutzt wurde, um am Konzept Homeschooling zu arbeiten, konnte ich aber nicht feststellen. Mir wird schon bange um das nächste Schuljahr."
(Monika Wolf)

lmd
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.