Silke Fokken

SPIEGEL-Bildungsnewsletter Die Nachbeben des neuen Schocks

Liebe Leserinnen, liebe Leser, guten Morgen,

Hessen ist raus. Es ist das einzige Bundesland, das weder am Reformationstag noch an Allerheiligen einen Feiertag hat. In Berlin gibt es diese beiden Feiertage zwar auch nicht, aber dort sind, so wie in knapp der Hälfte der Bundesländer, noch Herbstferien. Viele von Ihnen dürfen sich also über freie Zeit freuen. Kinder und Lehrkräfte in Hessen hingegen müssen sich (wie ich) mit Halloween-Süßigkeiten trösten.

Eigentlich wäre dies eine schöne Überleitung, um über die Widrigkeiten des föderalen Bildungssystems zu berichten. Aber darauf möchte ich (dieses Mal) verzichten. Es drängen andere Probleme rund um Kitas und Schulen. Vor rund zwei Wochen sind die verheerenden Ergebnisse des IQB-Bildungstrends  veröffentlicht worden. Von einem Pisa-Schock 2.0 war danach mitunter die Rede, und der wirkt fort.

Es wird intensiv über mögliche Ursachen des Leistungsabfalls bei Viertklässlern diskutiert. Schleswig-Holsteins Kultusministerin Karin Prien (CDU) führte etwa die fortschreitende Inklusion an, was ein Team von Wissenschaftlern in einem Gastbeitrag für den SPIEGEL stark kritisiert. Die Behauptung, die schlechteren Ergebnisse hätten auch damit zu tun, dass vermehrt Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gemeinsam in einem Klassenraum lernten, sei nicht haltbar – und riskant.

Die IQB-Studie und die Missstände im Bildungssystem bewegen auch zahlreiche SPIEGEL-Leserinnen und -Leser, wie aus den an die hundert E-Mails hervorgeht, die uns nach der »Kleinen Pause« vor zwei Wochen erreicht haben. Herzlichen Dank an dieser Stelle! Leider können wir nicht alle Zuschriften veröffentlichen. Unterm Strich ist daraus jede Menge Frust abzulesen, aber es gibt auch etliche konstruktive Vorschläge, wie sich die Misere zumindest ansatzweise beheben ließe.

Beispielhaft soll eine Schulleiterin aus Niedersachsen zu Wort kommen, die aus ihrer Praxis heraus sehr konkrete Reformen benennt, um überhaupt die »Chance zu haben, Kinder und Jugendliche mit den nötigen Kompetenzen für die Zukunft auszustatten«. (»Debatte der Woche«)

Wir freuen uns über weitere Ideen, Anregungen und Feedback unter bildung@spiegel.de. Ihnen wünschen wir – mit oder ohne Feiertag – eine gute Woche!

Herzlich
Silke Fokken

für das Bildungsteam des SPIEGEL

Das ist los

Kinder auf dem Weg in die Kita: Es fehlt an Plätzen

Kinder auf dem Weg in die Kita: Es fehlt an Plätzen

Foto:

IMAGO/Michael Gstettenbauer

1. Was soll sich für die Kleinsten ändern?

Der Grundstein für Bildung wird bei den Kleinsten gelegt. Diese Erkenntnis – mache sprechen von einer Binsenweisheit – ist nach der Veröffentlichung der IQB-Ergebnisse in den Fokus gerückt. Der Leistungsabfall hat die Debatte befeuert, was sich in Kitas bessern müsste und wie gerade Kinder mit schwierigen Startbedingungen erreicht werden. So hatte der frühere SPD-Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Stephan Dorgerloh, im SPIEGEL für eine Kita-Pflicht bereits ab dem vierten Lebensjahr plädiert. Andere wollen zumindest verpflichtende Sprachtests etablieren.

Das Ganze löst starke Kontroversen aus; inklusive der Frage, ob die Ideen nicht komplett realitätsfern sind: Es fehlt schon jetzt an Kitaplätzen. Im kommenden Jahr dürfte sich die Lücke auf knapp 400.000 belaufen, wie eine Auswertung der Bertelsmann Stiftung zeigt. Demnach fehlt es auch an kindgerechten Gruppengrößen und vor allem: an Personal. »Soll ich lachen oder weinen?«, schrieb eine Erzieherin dem SPIEGEL anlässlich des Vorschlags zur Kita-Pflicht. Meine Kollegin Swantje Unterberg hat die Diskussion zusammengefasst.

Eine Berliner Erzieherin ärgert sich, weil die Arbeit in Kitas seit Jahren nicht richtig ernst genommen werde. Sie vermisst eine deutlich bessere Ausstattung, um ihre wachsenden Aufgaben kindgerecht erfüllen zu können; etwa mit Blick auf Inklusion. Wie ihr Alltag abläuft und was Kitas für Kinder bewirken können, durfte ich mir an zwei Tagen vor Ort ansehen .

2. Wie gehen wir (bestenfalls) mit Mehrsprachigkeit um?

Eine Grundschülerin musste eine halbe Seite Strafarbeit schreiben, weil sie in Baden-Württemberg auf dem Schulhof Türkisch gesprochen hatte: Das war rechtswidrig, hieß es nun in einem Vergleich mit der Schulaufsicht. Die Details lesen Sie hier. Der Fall berührt allgemein den Umgang mit Mehrsprachigkeit von Kindern, die oft als Risikofaktor wahrgenommen wird. Das Deutsche Schulportal hat zentrale Forschungsergebnisse  zusammengetragen: »Das menschliche Gehirn ist problemlos in der Lage, von Geburt an mehr als eine Sprache sehr gut zu lernen – sofern es genug Input erhält«, heißt es dort. Und da sind wir (unter anderem) wieder bei den Kitas. Das Portal bietet aber auch konkrete Tipps für Schulen.

3. Wo wird gespart, wenn das Essen teurer wird?

Alles wird teurer, und das wirkt sich vielerorts auf das Essen in Kitas und Schulen aus. Wie die »Süddeutsche Zeitung«  berichtet, mahnt etwa die Landeselternvertretung in Thüringen, die Kostensteigerungen dürften nicht auf die Eltern abgewälzt werden: »Das kulminiert zurzeit alles in den Familien.« Die »Zeit« hat die Lage in Kitas  sondiert. Dort werde nun beim Essen »stellenweise auf die Qualität verzichtet«. Oder Eltern sollten höhere Essenspreise zahlen – mit dem Risiko, dass sie ihre Kinder lieber zu Hause lassen oder Betreuungszeit reduzieren, um Geld für Betreuung und Essen zu sparen.

Und sonst noch?

An diesem Dienstag erscheint ein neues Buch: »Frauen und Digitalität – jetzt. Wie die Bildungstransformation von weiblichen Perspektiven profitiert.« Geschrieben hat es die ehemalige Schulleiterin und Schulentwicklungsberaterin Kati Ahl. »Mein Vater war Feminist, was Technik anging. Und das prägt!«, erklärt sie in ihrer Einführung.

»Was hält Frauen, was hält Lehrerinnen heute davon ab, sich digital stärker zu professionalisieren? Warum ist nahezu jeder IT-Beauftragte einer der seltenen Männer an einer Schule? Wie sollen sich Rollenbilder für die Zukunft verändern, wenn die Hälfte der Gesellschaft, die weiblichen Lehrkräfte, wenig an dem kulturellen Wandel in Richtung Digitalität beteiligt ist?«, fragt Ahl – und liefert auf rund 160 Seiten interessante, diskussionswürdige Antworten.

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Kati Ahl

Frauen und Digitalität – jetzt!

Verlag: Klett
Seitenzahl: 160
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07.12.2022 02.23 Uhr

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Debatte der Woche

»Kinder mit Behinderung sind beim Lernen kein Bremsklotz!«

Schulhof in Gelsenkirchen (Symbolbild)

Schulhof in Gelsenkirchen (Symbolbild)

Foto:

Hans Blossey / IMAGO

Nach der Veröffentlichung der IQB-Ergebnisse nannte Schleswig-Holsteins Kultusministerin Prien die »fortschreitende Inklusion« als eine mögliche Erklärung für den Rückgang der schulischen Leistungen von Kindern in den vierten Klassen – und löste damit Ärger bei einigen Fachleuten aus. Menno Baumann, Markus Gebhardt, Conny Melzer und David Scheer, die alle eine Pädagogikprofessur haben, schreiben in einem Gastbeitrag für den SPIEGEL: »Insgesamt betrachten wir es als hochproblematisch, dass von politischer Seite in diese Richtung argumentiert wurde und wird.«

Entgegen verfügbaren Wissens werde Eltern, die sich Sorgen um die Bildungs- und damit auch Zukunftschancen ihrer Kinder machen, suggeriert, die Inklusion von Kindern mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf beziehungsweise Behinderungen schade dem Kompetenzerwerb ihrer Kinder. »Dies ist nicht nur unzutreffend«, schreibt das Team, »es birgt auch die Gefahr sozialer Spaltung und der Infragestellung des zentralen Menschenrechts auf Inklusion.« Wie die vier Fachleute zu dieser Einschätzung kommen, lesen Sie hier.

»Die Gesellschaft hat sich sehr verändert, das muss Schule auch tun.«

Inken Frercks, Leiterin einer Realschule

Die Debatte über die IQB-Ergebnisse treibt auch Inken Frercks, Leiterin einer Realschule in Bleckede, Niedersachsen, um. Sie schrieb dem SPIEGEL, was sich aus ihrer Sicht als Praktikerin an Schulen ändern müsste. Ein Auszug: »Wenn es nicht gelingt, dass Bildung wieder ein allgemein anerkannter Wert in der Gesellschaft ist, ist es auch schwierig in Schule etwas zu ändern. Schule allein kann die Bildungsmisere nicht verhindern. Nichtsdestotrotz müssen sich aus meiner Sicht folgende Punkte ändern:

  • Die Klassengröße darf eine Anzahl von 20 Schülerinnen und Schülern nicht überschreiten. Wir haben derzeit eine 5. Klasse mit 29 Kindern. Wie sollen wir unter diesen Bedingungen nach den pandemiebedingten Schulschließungen in der Coronapandemie vernünftig Inhalte vermitteln?

  • Will man an dem Gedanken der Inklusion festhalten, MUSS für jedes einzelne Kind mit Förderbedarf eine Schulbegleitung da sein, die gut ausgebildet und vernünftig bezahlt wird. Was im Moment geschieht, empfinden wir regelrecht als fahrlässig.

  • Die Politik muss dringend Geld in den Lebensraum Schule investieren. Ich habe mal gelesen, jede Schule solle möglichst so aussehen wie die Räumlichkeiten der örtlichen Sparkassen. Ich habe kaum Hoffnung, dass dies gelingen wird. Aber dass der Putz von den Wänden kommt, muss auch nicht sein.

  • Wir brauchen attraktive Gruppenräume, Leseecken, Spielmöglichkeiten auf dem Schulhof, insgesamt Räumlichkeiten, in denen Kinder und Jugendliche Lust haben, etwas zu entdecken und zu lernen. Wenn sie aufgereiht im Klassenraum sitzen, den Blick zur Tafel ausgerichtet, und kaum Platz haben, um sich zu bewegen, wie sollen sie da Interesse an Themen entwickeln, neugierig sein und sich selbstständig etwas erarbeiten, was sie auch behalten?

  • Wir müssen Kindern Medienkompetenz vermitteln und besser erklären, welche Informationen sie im Netz finden, welche Fakten sie ohne Internetrecherche kennen sollten – und welche Fähigkeiten sie erwerben sollten. Davon ausgehend müssen die Curricula völlig neu überdacht werden. Ein Beispiel: Ich wollte einer Schülerin erklären, dass Prozentrechnung sinnvoll sei, um herauszufinden, wie teuer eine Jeans ist, wenn sie um 30 Prozent reduziert ist. Ihre irritierte Antwort war: ›Hä? Das googel ich doch.‹

Wenn wir all das hätten, hätten wir eine größere Chance, Kinder und Jugendliche mit Kompetenzen auszustatten, die es ihnen möglich machen, in unserer demokratischen Gesellschaft Fuß zu fassen. Die Gesellschaft hat sich sehr verändert, das muss Schule auch tun.«

Das war's für diese Woche, die nächste »Kleine Pause« erscheint am 14. November 2022. Bis dahin alles Gute!

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