Andreas Barthelmess

Digitale Zukunft Wir Bildungsbürger mit Höhenangst

Andreas Barthelmess
Ein Gastbeitrag von Andreas Barthelmess
Ein Gastbeitrag von Andreas Barthelmess
Intellektueller und Unternehmer zugleich? In Deutschland schließt sich das aus. Wir greifen nicht nach Chancen – vor lauter Angst, auch mal danebenzugreifen.
Abenteurer: Bildung und Wagemut zusammendenken

Abenteurer: Bildung und Wagemut zusammendenken

Foto: John M Lund Photography Inc / Getty Images

In der Geschichte der Menschheit ist noch jede große Innovation verdammt worden. In Platons "Phaidros" heißt es, die Schrift sei gefährlich, weil bei gedruckten Texten nicht nachfragen könne, wer etwas nicht verstehe. Hilfe, die Schrift ist nicht interaktiv, wer liest, wird dumm!

Im 18. Jahrhundert, als Bücher zur billigen Massenware wurden und hohe Auflagen erreichten, fürchtete man die "Lesewut". Hilfe, plötzlich lesen alle Liebesromane, die bürgerliche Ordnung geht unter!

Im Reigen der Schrecken folgten im 20. Jahrhundert die Comics, im 21. dann Social Media - und jedes Mal ging angeblich die Welt unter.

Alles Quatsch. Goethe geht genauso ohne Papier wie Streaming ohne Zelluloid. Es ist egal, wie Ovid und Shakespeare gelesen werden, ob 1920 auf Bröckelpapier von Reclam oder 2020 auf einem Kindle-Display; und wer nicht selbst lesen will, lässt sich halt von Siri vorlesen. Neudeutsch ausgedrückt: Es kommt auf den Content an, nicht auf den Container.

Umgekehrt gilt: Technologie bedroht nicht die Kultur, sondern sie schafft Kultur. Wo neue Technologien in die Welt kommen, entstehen Kultur und Handel, das zeigt die Geschichte. Mit der Schrift etablieren sich Städte und Staaten, mit dem Buchdruck emanzipieren sich die Menschen von der feudalen Obrigkeit, mit Überseekabeln beginnt die moderne Globalisierung, mit Social Media entstehen demokratische Bewegungen wie #MeToo#FridaysForFuture  und #BlackLifesMatter .

Alte Standards hingegen behindern das Fortkommen. Im Corona-Semester haben sich reihenweise Professoren und Professorinnen geweigert, digital zu unterrichten. Zoom-Sprechstunde? Fehlanzeige, notfalls hat man Datenschutzbedenken. Corona als Schutzbehauptung: In dieser Disziplin ist die deutsche Uni Spitze.

Man mag die Zoom-Verweigerung ja bei Beinahe-Pensionären verstehen, die noch auf Schiefertafeln schreiben gelernt haben. Aber auch die digitale Jugend hängt an alten Zöpfen. In Code und Charakter ist Deutschlands junge Bildungselite stockkonservativ. Die Jungs fangen das libertär aus der Hose getragene Hemd mit rahmengenähten Schuhen auf. Die Mädels tragen uniform lange Haare, Perlen gehen immer.

Ein paar ganz Wagemutige gehen zu Google

Studienstifler differenzieren sich über die Gewagtheit ihrer Sneaker, am Ende gehen sie alle denselben Königsweg. Gerade noch gelobt für den Gleichklang von "Jugend musiziert", Sportrudern in Oxbridge und Praktikum bei der UN, stehen sie jetzt vor der risikofreien Entscheidung: McKinsey oder Kulturstiftung, ein paar ganz Wagemutige gehen zu Google. Am Ende des Rennens läuft das Peloton der Hochbegabten in die A14-Besoldung ein. Der Wagemut weicht dem Haustier, man lebt ja ganz gut.

Wir Deutschen sind ein Volk von Beamten und Verharrern. Wer Eltern mit akademischem Status und sozialer Sicherheit hat, will für sich nichts anderes. Gerade die Fallhöhe, die wir durch Geburt oder Ausbildung erreicht haben, macht uns Angst vor dem Fall. Wir greifen nicht nach der Chance, weil wir Angst haben danebenzugreifen. Wir sind Bildungsbürger mit Höhenangst. Und während die erudierten High Potentials wie zitternde Kätzchen in den Bäumen sitzen, gründen kanonfreie BWLer drittklassige Startups.

Unser Problem in Deutschland ist: Wir verwechseln Qualität mit Tradition, und an der Tradition hängen wir aus Lethargie und habitueller Unsicherheit. Das ist die Bildungsstaub- und Haustierhaftigkeit unserer intellektuellen Talente: Mit Kinderchor, Bücherbord und Labrador hat man noch nie was falsch gemacht, ergo bleiben wir dabei. Gelegentlich kriegen die Insignien der Arriviertheit mal ein Update, dann stellen wir uns ein Elektroauto vors Haus.

Doch wer so denkt, ist ein Ödipussi, der nicht von den Eltern loskommt. Wer so denkt, den macht seine Bildung nicht frei, indem sie ihm eine Welt voller Möglichkeiten eröffnet. Wer so denkt, wird nie ungerichtete kreative Kräfte freisetzen.

Was uns die Amerikaner voraushaben

Auch das können wir vom Silicon Valley lernen. In Stanford und Berkeley diskutieren Mathematiker, Ökonomen und Ingenieure in ihren "Humanities"-Kursen Homer und Ovid. Die Philologen lernen dabei die Macher kennen - und werden am Ende selbst einer.

Was uns die Amerikaner voraushaben, ist die Lockerheit, mit der sie Bildung und risikobereites Abenteurertum zusammendenken. Indiana Jones ist ein Professor - und zugleich Gegenteil des deutschen Ordinarius. Ähnlich die amerikanische Perspektive aufs Unternehmertum. Für uns Deutsche ist das eine primitive Kategorie, im besten Falle die Möglichkeit, ein Bildungsversagen ökonomisch zu kompensieren. Thomas Mann hat das gezeigt, indem er den Umkehrschluss gezogen hat: Als der Kaufmann Thomas Buddenbrook zum Intellektuellen wird, geht seine Firma pleite. In Deutschland kann man nur Intellektueller oder Unternehmer sein, nicht beides zugleich.

Klar: Das ist ein Denkfehler, den wir hinter uns lassen müssen. "Startup-Gründen" ist keine BWL-Kategorie, sondern eine gute Idee, um auf den Weltgeist zu wirken. Die beiden Philosophen Peter Thiel, ein Schachgroßmeister, und Alex Karp, ein in Frankfurt promovierter Adorno-Kenner, haben das mit dem umstrittenen Big-Data-Unternehmen Palantir vorgemacht. Das zweistellig milliardenbewertete Unternehmen steht kurz vor dem Börsengang.

Erinnern wir uns: Von der Renaissance bis ins 18. Jahrhundert galt das Ideal des "ganzen Menschen". Leonardo da Vinci hat Maschinen und Stadtbefestigungen entworfen, Goethe war Berufspolitiker. Bildung verpflichtet uns nicht, papierraschelnd vor der Schrankwand unserer Eltern sitzenzubleiben.

Lernen wir von den Amerikanern. Heute ruft Bildung nicht nach Biedermeier, sondern nach Boldness.