Diskriminierung Das Rassismusproblem an Schulen

In veralteten Lehrbüchern stecken rassistische Stereotype, manche Pädagogen trauen Kindern mit Migrationshintergrund weniger zu - auch an Schulen kommt es immer wieder zu Diskriminierung.

Der Tod des US-Amerikaners George Floyd hat auch in Deutschland eine Debatte über Rassismus entfacht. Dabei muss auch die Situation an den Schulen in den Blick genommen werden. Kommt Rassismuskritik in der Ausbildung der Lehrkräfte vor? Sind Unterrichtsinhalte darauf ausgelegt? Und welche Rolle spielen Schulbücher? Der Überblick.

Gibt es an deutschen Schulen ein Rassismusproblem?

Ja, sagt Karim Fereidooni, aber die Schule sei nicht rassistischer als andere Institutionen der Gesellschaft. Fereidooni ist Juniorprofessor an der Ruhr-Universität Bochum und arbeitet vor allem in der Schulforschung und beschäftigt sich mit Rassismuskritik in pädagogischen Einrichtungen. "Überall, wo es Machtasymmetrien gibt, gibt es auch Rassismus", sagt er. In der Schule komme die Besonderheit hinzu, dass die Macht bei wenigen Lehrerinnen und Lehrern liege, die viele Menschen unterrichteten. Zudem sei der Machtunterschied auch altersbedingt sehr groß. 

Die meisten Rassismuserfahrungen, die schwarze Kinder oder Kids of Color machen, beziehen sich deswegen auch auf die Lehrkräfte, sagt Tupoka Ogette, Antirassismustrainerin und Autorin. Unter Schülerinnen und Schülern sei Rassismus zwar auch ein Thema, aber durch das Machtgefälle sei es wichtig, erst auf die Insititution Schule zu schauen.

Studien zeigen, welche Folgen Rassismus im Schulalltag haben kann. Etwa eine Untersuchung der Uni Mannheim: Angehende Lehrerinnen und Lehrer benoteten ein Diktat von "Murat" schlechter als das von "Max" - obwohl der Text und die Fehleranzahl identisch waren. Berliner Integrationsforscher stellten fest, dass Lehrkräfte Kindern aus türkischstämmigen Familien weniger zutrauen, selbst wenn sich deren Leistungen nicht von denen der anderen unterscheiden.

Erleben Lehrkräfte mit Migrationshintergrund Rassismus?

Ja, aber wegen des Machtgefälles wiederum vorrangig von Vorgesetzten oder Kolleginnen und Kollegen, weniger von Schülerinnen und Schülern, sagt Schulforscher Fereidooni. Die Kinder wollten schließlich gute Noten kriegen.

Lehrerinnen und Lehrer mit Migrationshintergrund haben laut Fereidooni das Gefühl, besser sein zu müssen als ihre deutschstämmigen Kollegen, damit sie als gleichwertig anerkannt werden. Außerdem würden sie oft nicht als Deutsche gesehen, was sich auch auf eine mangelnde Anerkennung fachlicher Kompetenzen auswirke. "Wenn der Kollege Fereidooni einen Fehler an der Tafel macht und Kollege Müller das sieht, dann sagt er: 'Karim, wir müssen mal über deine Deutschkenntnisse reden. Die sind nämlich nicht so gut, und das wirkt sich negativ auf die Schüler aus'. Aber wenn der Kollege Schröder einen Fehler macht, dann heißt es, 'Jörg kann Deutsch sprechen, das müssen wir nicht auf die Goldwaage legen.'"

Fereidooni hat zum Thema Rassismus im Lehrerzimmer  promoviert und herausgefunden, dass betroffene Lehrkräfte ihre Erlebnisse teils gar nicht als rassistisch benennen. Selbst bei Betroffenen kann Rassismus also ein Tabuthema sein - sei es, um es nicht so nahe an sich heranzulassen, weil man an der Schule schließlich noch jahrelang zusammenarbeiten muss. Oder weil man selbst nicht gelernt hat, damit umzugehen oder ebenfalls so sozialisiert ist, Rassismus zu verharmlosen.  

Man sollte sich klar machen, dass Menschen nicht immer bewusst und aus Bösartigkeit rassistisch sind, sondern weil sie so sozialisiert sind, erklärt Antirassismustrainerin Ogette, "wir atmen das quasi seit unserer Geburt ein." Rassismus gebe es schon seit 500 Jahren, werde in Kinder- und Schulbüchern und der Werbung reproduziert und habe sich in der Sprache und in Bildern festgesetzt. Ein Beispiel ist der Begriff "hautfarben", der mit beige assoziiert wird, anstatt die ganze Menschheit mitzudenken.  

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Rassismus und Bildungsungleichheit?

"Bildungsungleichheit ist ein komplexes Phänomen und kann nicht nur in Bezug auf Rassismus ermittelt werden", sagt Forscher Fereidooni. So gibt es etwa eine Studie zu Übergangsempfehlungen aufs Gymnasium , derzufolge Schüler aus Familien mit Migrationshintergrund bessere Chancen auf eine Gymnasialempfehlung hatten als ihre deutschstämmigen Mitschüler, wenn sie dieselben sozioökonomischen Hintergründe hatten.

Allerdings sind nicht-deutschstämmige Familien häufiger sozial und finanziell benachteiligt, so dass sie gleich in mehrfacher Hinsicht schlechtere Chancen im Bildungssystem haben können.

Welche Rollen spielen Unterrichtsinhalte?

"90 Prozent der Menschen, mit denen wir in den Antirassimustrainings arbeiten, sind schockiert, dass sie rassismusrelevante Inhalte nicht in der Schule gelernt haben, etwa nie von den Völkerschauen gehört haben oder über die Verstrickung Deutschlands in die Kolonialgeschichte", sagt Ogette. "Das ist ja auch ein Punkt, warum Rassismus weiter so gut leben kann, weil uns das Bewusstsein und Wissen fehlt."

Zwar ist die Kolonialgeschichte laut einer Aufschlüsselung von 2005 in den Lehrplänen aller Bundesländer vorgesehen, aber die Auseinandersetzung könnte kritischer sein. Fereidooni berichtet zudem von Studierenden aus seinen Seminaren, die noch nie vom NSU gehört haben.

Augen-, Gesichts- und Haarformen zu "Rassekreisen" zuordnen: Mit solchen Aufgaben mussten sich noch 2018 Schülerinnen und Schüler an einer Schule in Sachsen auseinandersetzen. Der Fall löste Empörung aus, das Schulbuch wurde aus dem Verkehr gezogen. Die Schulbehörde sagte, es sei ein "bedauerlicher Einzelfall", das Schulheft sei 20 Jahre alt und habe nicht den neuen Lehrplaninhalten entsprochen.

Fereidooni und Ogette aber sagen, das sei mitnichten ein Einzelfall. "Über Unterrichtsmaterialien urteilen teils Menschen, die keine Ahnung vom Rassismus haben", sagt Fereidooni. Und die Materialien würden zu lange ungeprüft wiederverwendet, sagt Ogette, die auch in Schulbuchverlagen Antirassimustrainings macht. "Der Status quo ist, dass wir in ganz vielen Schulbüchern Rassismen noch tief verankert finden. Da braucht es eine Revolution."

Kommt Rassismus in der Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer vor?

"Es wäre wünschenswert, rassismuskritische Themen im Curriculum zu verankern", sagt Forscher Fereidooni. "Davon sind wir aber meilenweit entfernt." Man habe keinen so guten Stand, wenn man mit Rassismuskritik eine wissenschaftliche Karriere machen will. "Denn bei den Berufungsverfahren fühlt sich immer wer angegriffen oder ertappt, nach dem Motto, 'ja Herr Fereidooni, was wollen Sie uns jetzt unterstellen? Wir sind doch Mitglied bei der SPD oder bei der GEW, wir sind doch frei von Rassismus'." Auch für die Schulen sei Rassismuskritik deshalb ein "heißes Eisen".  

Fereidooni fordert eine Debatte über die Fortbildung von Lehrkräften, sie müssten ähnlich wie Ärztinnen und Ärzte regelmäßig an Weiterbildungen teilnehmen und dafür entsprechend freigestellt werden. Ogette führt auch für Pädagogen Antirassismustrainings durch, meist auf Initiative einer engagierten Lehrkraft. Eine Kooperation mit Bildungsbehörden etwa gebe es bisher nicht.