Alle Göttinger Schulen geschlossen "Die Eltern sind unglaublich sauer"

Kaum durften die Kinder wieder zum Unterricht, sind die Schulen in Göttingen erneut dicht - um eine Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Auch Sportvereine sind nun von strengeren Maßnahmen betroffen.
Universitätsmedizin Göttingen: In der Stadt sollen nun Hunderte Menschen getestet werden

Universitätsmedizin Göttingen: In der Stadt sollen nun Hunderte Menschen getestet werden

Foto: Swen Pförtner/ dpa

Erst vor wenigen Wochen hatten die Schulen in Göttingen zumindest teilweise wieder geöffnet, nun wurden sie erneut komplett geschlossen. Grund dafür ist ein Ausbruch des neuartigen Coronavirus. Mindestens 105 Menschen haben sich - Stand Mittwochabend - in der niedersächsischen Stadt Ende Mai vermutlich im Zusammenhang mit größeren Familienfeiern angesteckt. Es könnten aber auch deutlich mehr sein.

Die Stadt schickte mehr als 200 Menschen in Göttingen sowie weitere Menschen in anderen Orten Niedersachsens sowie in Nordrhein-Westfalen vorsorglich in Quarantäne. Damit sich das Virus nicht weiter ausbreitet, entschied die Stadtverwaltung zudem: Alle Göttinger Schulen, fünf Kindertagesstätten in der Stadt sowie mehrere Schulen im Umland bleiben mindestens bis zum Wochenende zu.

"Das ist eine präventive Schutzmaßnahme", sagte Stadtsprecherin Cordula Dankert dem SPIEGEL. "Wir brauchen Zeit, um alle Kinder und Jugendlichen zu testen, die Kontaktpersonen sind, und um die Ergebnisse auszuwerten." 57 Kinder und Jugendliche seien "Kontaktpersonen ersten Grades". Bei knapp der Hälfte ist bereits klar, dass sie sich infiziert haben. Bei anderen stehen die Ergebnisse noch aus.

Bei Wiedereröffnung 14 Tage Maskenpflicht

"Wir brauchen ein genaueres Bild, damit wir Infektionsketten verfolgen und weitere Kontaktpersonen ausfindig machen können", sagte Dankert. "Erst dann können wir die Schulen wieder öffnen. Sonst ist das Risiko zu groß, dass eine infizierte Person unentdeckt bleibt. Der Schüler oder die Schülerin geht dann womöglich nichtsahnend in den Unterricht und steckt weitere Kinder oder Lehrkräfte an."

Stattdessen sollen Schulen und Kitas in Göttingen erst wieder öffnen, wenn alle Menschen, die sich angesteckt haben oder als Kontaktperson gelten, identifiziert sind und eine Quarantäne für sie angeordnet wurde. Weitere Vorsichtsmaßnahme: Wenn der Betrieb in den Schulen wieder losgeht, soll dort für 14 Tage die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes bestehen.

Dass letztlich alle Schulen der Stadt von dem Coronavirus-Ausbruch betroffen sein könnten, ist den Angaben zufolge nicht auszuschließen. Die 57 betroffenen Kinder und Jugendlichen seien regulär zwar nicht über alle Göttinger Schulen verteilt, sagt Dankert. "Aber wir haben Erkenntnisse, dass sie sich schulübergreifend privat getroffen haben."

Eltern und Lehrkräfte ärgern sich

Betroffene Eltern und Lehrkräfte finden die erneute Schließung zwar sinnvoll, sind aber verärgert, dass es so weit kommen musste: "Es ist erschreckend, dass es Menschen gibt, die meinen, für sie gelten die Regeln nicht oder für sie wären die Regeln unter bestimmten Umständen außer Kraft gesetzt", sagt Lars Humrich, Leiter der Neuen Integrierten Gesamtschule Göttingen. Für die Kinder und Jugendlichen bedeute die erneute Schließung eine weitere Verunsicherung.

"Wir haben selbst die Schließung der Schulen gefordert", sagte der Vorsitzende des Göttinger Stadtelternrats, Janek Freyjer, dem Sender Hit Radio FFH. "Das ist das kleinere Übel, als mit einem Infektionsgeschehen umgehen zu müssen, das nicht mehr unter Kontrolle zu bringen wäre." Für mutmaßliche Verstöße gegen die Corona-Regeln bei den besagten Familienfeiern zum muslimischen Zuckerfest hat er jedoch kein Verständnis. "Die Eltern sind unglaublich sauer, dass einige so unverantwortlich handeln."

Dass einzelne Schulen wieder schließen, wenn Corona-Fälle bekannt werden, ist nicht ungewöhnlich. Zuletzt war dies etwa an einer Schule in Münster in Nordrhein-Westfalen passiert. In den Niederlanden machte am Mittwoch eine Grundschule wieder zu, nachdem dort zwei Lehrkräfte positiv auf das Virus getestet worden waren.

In Göttingen sind von dem Corona-Ausbruch längst nicht nur Kinder betroffen. Weil ein Wohnkomplex am nördlichen Rand der Innenstadt Schwerpunkt der Covid-19-Infektionen sein soll, will die Stadt dort bis zu 700 Menschen auf das Coronavirus testen. Eine Arbeitsgruppe bereite die verpflichtenden Tests in dem betroffenen Komplex vor, teilte die Stadt am Mittwochabend mit, noch in dieser Woche solle es losgehen.

Verstöße gegen Corona-Regeln werden den Angaben zufolge geahndet. Derzeit seien rund 500 Verfahren anhängig, von denen etwa 40 Prozent mit einem Bußgeld belegt würden. Die Göttinger Polizei sei bereit, den Ordnungsdienst zu unterstützen.

Sportvereine, Freibad und Altersheim betroffen

Der Stadt liegen der Mitteilung zufolge Hinweise vor, dass das Infektionsgeschehen bis in die Sportvereine reicht. Es sei deshalb nötig, für einen Zeitraum von 14 Tagen Mannschafts- und Kontaktsportarten in der Stadt Göttingen zu untersagen, hieß es. Die Vereine würden informiert.

Ein Mensch ist nach dem Corona-Ausbruch der Mitteilung zufolge weiter schwer erkrankt und muss beatmet werden, zwei weitere Personen befinden sich ebenfalls in stationärer Behandlung. Am Mittwoch seien zudem neue Corona-Fälle bekannt geworden, wie die Stadt mitteilte.

Demnach musste ein Freibad geschlossen werden, weil dort ein Mitarbeiter positiv auf Covid-19 getestet wurde. Ein Mitarbeiter eines Göttinger Pflegeheims habe sich ebenfalls infiziert. Deshalb sollen nun alle 123 Bewohner sowie rund 100 Mitarbeiter schnellstmöglich getestet werden.

Die Zahl der in den vergangenen sieben Tagen neu erkrankten Menschen pro 100.000 Einwohner lag am Mittwoch im Kreis Göttingen bei 21,6 in ganz Niedersachsen bei 5,4. Am Abend wurde die aktuelle Zahl für den Kreis Göttingen dann mit 30,82 angegeben. Bund und Länder hatten sich auf eine Obergrenze von 50 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner geeinigt, ab der vor Ort wieder strengere Maßnahmen ergriffen werden sollen.

Mit Material von AFP und dpa
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