Mathias Brodkorb

Missstände in der Coronakrise Der Abiturbetrug geht in die nächste Runde

Mathias Brodkorb
Ein Gastbeitrag von Mathias Brodkorb und Katja Koch
Ein Gastbeitrag von Mathias Brodkorb und Katja Koch
Die Schüler geben alles, um möglichst erfolgreich zu lernen. Der Föderalismus hingegen lernt nichts – und lässt es zu, dass das Abitur in Deutschland weder gerecht noch gleichwertig ist.
Oberstufenschüler (Symbolbild)

Oberstufenschüler (Symbolbild)

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Hauke-Christian Dittrich / dpa

Die Coronakrise hat in puncto Schule vieles verändert. Doch längst schon haben sich neue Rituale entwickelt: Kaum sind die Beschlüsse aus dem Kanzleramt verkündet, eilen die Ministerpräsidenten vor die Kameras. Dort wird Einigkeit simuliert, die allerdings bloß darin besteht, dass jedes Land am Ende doch macht, was es will. Schulen zu, Wechselunterricht, Notbetreuung, Präsenzunterricht für Abschlussklassen…

16 Bundesländer und ebenso viele Lösungsansätze. Bildungsföderalismus nennt sich das.

Während man in dem einen Land die Schule besuchen darf, sitzt man im anderen im Digitalunterricht – wenn es den überhaupt gibt. Ganz klar, dass das als ungerecht empfunden wird. Und das ist es auch. Die Coronakrise wirkt dabei nur wie ein Brennglas: Alles, was heute Katastrophe ist, war bereits vorher ein Missstand und wird es auch danach immer noch sein.

Ein Paradebeispiel dafür ist das Abitur. Was wurde im vergangenen Sommer nicht alles diskutiert: Prüfungen absagen? Prüfungen verschieben? Prüfungen stattfinden lassen? Das komplette Chaos. Am Ende mussten Abiturientinnen und Abiturienten trotz Pandemie antreten, oft mit Mundschutz und Mindestabstand - und schnitten fast überall im Durchschnitt genauso gut ab wie in den Jahren zuvor.

Leider blieb auch die Spannbreite zwischen den Bundesländern bestehen: In Stadtstaaten wie Hamburg oder Berlin erwarb weiterhin rund die Hälfte des Jahrganges das Abitur, in Bayern hingegen nur knapp ein Drittel. Dabei führt Bayern mit Sachsen in allen relevanten Schulleistungsvergleichen, während die größten Stadtstaaten meist hinten liegen.

Es mag also sein, dass durch Corona neue Ungerechtigkeiten entstanden sind. Die bereits vorhandenen bleiben allemal. Nun steht uns das zweite Corona-Abitur bevor, und alles geht wieder von vorne los. Die Schüler geben alles, um möglichst erfolgreich zu lernen. Der Föderalismus hingegen lernt nichts.

Eine neue Ländervereinbarung soll es richten

Das Abitur soll nun endlich gerechter und gleichwertig werden! Das beteuern die Bildungsminister der Länder allerdings schon seit Jahren. Sie sprechen ihrem Volk dabei aus der Seele: Laut ifo-Bildungsbarometer vom September 2020 wünschen sich knapp 90 Prozent der Deutschen einheitliche Abiturprüfungen. Nur an der Umsetzung hapert es gewaltig. Die Kultusministerkonferenz (KMK) kämpft sich im Tempo einer Landschildkröte mühsam vorwärts – auch wenn das nach außen immer ganz anders klingt.

Von einem »historischen Tag für die Bildung in Deutschland« sprach die damalige Präsidentin Stefanie Hubig (SPD) im vergangenen Herbst. Das Gremium hatte sich seinerzeit auf die »Ländervereinbarung über die gemeinsame Grundstruktur des Schulwesens und die gesamtstaatliche Verantwortung der Länder in zentralen bildungspolitischen Fragen« geeinigt. Doch ändern wird sich wieder einmal: wenig. Zu wenig.

Die tatsächliche Vereinheitlichung und Vergleichbarkeit des Abiturs findet man in der Ländervereinbarung nicht. Auf nicht einmal einer halben Seite von rund 30 werden dort entsprechende »Festlegungen« getroffen. Aber festgelegt wird von den Ministerpräsidenten beim Abitur nur, wofür es künftig Festlegungen durch die Kultusminister geben sollte: für »Bildungsstandards, einen Abituraufgabenpool und die Angleichung der strukturellen Rahmenbedingungen der gymnasialen Oberstufe«. Die heiße Kugel wird damit just an jenen Ort zurückgerollt, an dem das Drama einst seinen Anfang nahm.

Der Aufgabenpool als Fake

Bereits 2007 begann der Aufbau eines bundesweiten Pools für Abiturprüfungsaufgaben. Die Länder speisen seit einigen Jahren Abituraufgaben in diesen Pool ein und können sich anschließend aus ihm bedienen. Wohlgemerkt: bisher nur, wenn sie auch wollen.

Ab 2023 werden sie immerhin 50 Prozent ihrer Aufgaben entnehmen müssen. Diese Regelung betrifft allerdings nur wenige Fächer. Zunächst vier, ab 2025 sieben: Mathematik, Deutsch, Englisch, Französisch, Physik, Chemie und Biologie. Für die meisten der rund 40 Abiturprüfungsfächer gilt die Regelung damit nicht.

Um den jüngsten KMK-Bluff aufzudecken, muss man tiefer einsteigen in das deutsche Abiturchaos und die kleine Mathematik beherrschen. Wählt der Abiturient bei drei schriftlichen und einer mündlichen Prüfung tatsächlich zwei Poolfächer, lässt sich die maximale »Gleichwertigkeit« leicht berechnen. In den beiden Poolfächern können jeweils 50 Prozent der Aufgaben aus dem Pool stammen, in den beiden anderen Fächer sind es null Prozent. Insgesamt können also maximal 25 Prozent der Aufgaben aus dem Pool stammen. Allerdings gehen die Prüfungsnoten nur zu einem Drittel in die Abiturnote ein. Damit beträgt die gesicherte Gleichwertigkeit des Abiturs ab 2025 exakt 8,33 Prozent.

Diese Veränderung als »historischen Tag« zu bezeichnen, wirft nicht eben ein günstiges Licht auf die Bildung in Deutschland. Zumal selbst diese 8,33 Prozent noch nicht der Wahrheit entsprechen. Denn die Länder können den Schwierigkeitsgrad des Abiturs manipulieren, ohne dass das den Wächtern des Pools überhaupt auffällt. Dazu müssen sie nur den Umfang der prüfungsrelevanten Stoffgebiete reduzieren. So kommt man nach Untersuchungen des Biologieprofessors Hans Peter Klein im Bremer Biologieabitur mit zwei Stoffgebieten davon, in Mecklenburg-Vorpommern muss man hingegen sechs beherrschen. Das ist eine Manipulation ganz ohne Regelverstoß.

Und als wäre das alles nicht genug – nicht mal bei der Vergabe der Noten geht es gerecht zu. Zwar haben sich die Länder im Jahr 2016 für die schriftlichen Abiturprüfungen in den Kernfächern auf einen einheitlichen Notenmaßstab geeinigt. Ein internes Dokument der KMK aus dem Jahr 2018 belegt allerdings, dass vier Bundesländer gleich ganz darauf verzichten, den zentralen Notenmaßstab im Fach Deutsch anzuwenden: Hamburg, Niedersachsen, Sachsen, Schleswig-Holstein. Die Verstöße bleiben völlig folgenlos. Alle Anfragen an die zuständigen Bildungsministerien hierzu blieben bis heute unbeantwortet. Und das hat natürlich seinen Grund: Niemand lässt sich gern bei Widersprüchen zwischen Selbstvermarktung und Handeln ertappen.

Vor diesem Hintergrund kann man leicht verstehen, warum die KMK am Ende davon abgesehen hat, einen Staatsvertrag auf den Weg zu bringen. Die Ländervereinbarung ist ein Programmtext ohne rechtliche Verbindlichkeit. Man kann gegen sie ebenso folgenlos verstoßen wie seit Jahrzehnten gegen die eigenen Beschlüsse. Nur ein Staatsvertrag mit Gesetzeskraft hätte das ändern können.

Die größte Schwachstelle ist die Kultusministerkonferenz selbst

Noch im vergangenen Jahr hatte die baden-württembergische Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) für einen solchen rechtsverbindlichen Staatsvertrag zwischen den Ländern gekämpft: »Alle 16 Kultusminister müssen erkennen, dass wir mit dem Rücken zur Wand stehen.« Wenn der Bund wegen andauernder Handlungsunfähigkeit der Länder irgendwann das Ruder in die Hand nähme, dann machte sich die Kultusministerkonferenz nämlich »selbst überflüssig«. Das ist immerhin ein offenherziges Eingeständnis. In der Debatte geht es also mitnichten allein um die Sache, sondern auch um Fragen des institutionellen Selbsterhalts.

Aus dem Staatsvertrag wurde trotz Eisenmanns Einsatzes nichts. An seine Stelle tritt nun eine bloße »Ländervereinbarung«. Mit anderen Worten: Im Zweifel kann jedes Land weiter tun, was es will – bis hin zur Kündigung der Vereinbarung. Und niemand könnte sich dagegen rechtlich erfolgreich zur Wehr setzen.

Den Föderalismus gegen den Föderalismus verteidigen

Die deprimierende Wirklichkeit des deutschen Bildungsföderalismus lässt daher wenig Spielraum für die Hoffnung, dass sich in Sachen Bildungsniveau und Gleichwertigkeit Entscheidendes ändern wird. Wie auch sollten sich Bayern und Berlin jemals auf ein gleichwertiges Abitur einigen? In Berlin würde sich die Zahl der Abiturienten bei einem ehrlichen Abitur auf bayerischem Niveau halbieren müssen.

Würden in einer Klasse den Schülern je nach Leistungsvermögen ganz unterschiedliche Aufgaben zur Prüfung vorgelegt und alle am Ende trotzdem dieselbe Note erhalten, wäre das öffentliche Geschrei mit Recht groß. Aber genau das ist in der »Schulklasse Bundesrepublik Deutschland« seit Jahrzehnten Realität. Wer das Abitur oder andere Schulabschlüsse gerecht gestalten will, kommt daher an zentralen Abschlussprüfungen nicht vorbei. Dazu müssten auch die Rahmenpläne und Stundentafeln der Länder angeglichen und tatsächlich verbindliche Notenstandards eingeführt werden.

Doch die KMK steckt fest im eigenen Korsett: In wichtigen Angelegenheiten gilt das Einstimmigkeitsprinzip. Und so sicher wie das Amen in der Kirche ist mindestens einer immer dagegen. Irgendwo findet schließlich immer bald die nächste Landtagswahl statt. Ohne Zuständigkeit des Bundes für zentrale Fragen des Bildungssystems wird es daher auch in Zukunft keine Gleichwertigkeit der Schulabschlüsse geben.

So paradox es auch klingen mag: Erst die Verlagerung zentraler Kompetenzen in der Schulpolitik auf den Bund würde einen echten Wettbewerbsföderalismus in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland möglich machen. Bei gleichen Leistungsanforderungen ohne Möglichkeit zur Manipulation müsste jedes Land zeigen, was tatsächlich in seinem Schulsystem steckt. Damit hätte der Föderalismus in der Bildung erstmals einen Sinn.