Schulen in Hessen Experten verurteilen Material gegen Linksextremismus als "nicht haltbar"

Mit einer Kampagne gegen Linksextremismus wollte das Land Hessen Schüler aufklären. Doch das Material löste Protest aus. Ein Gutachten fordert: Es muss sofort Schluss sein.
Prävention gegen Linksextremismus in Schulen - Kampagne löst Kritik aus (Symbolbild)

Prävention gegen Linksextremismus in Schulen - Kampagne löst Kritik aus (Symbolbild)

Foto: dpa/dpaweb

Eine Faust, die den Bundesadler schlägt – so ist eines der Plakate im Comicstil illustriert, mit denen das Land Hessen seine Schüler über Linksextremismus aufklären und Präventionsarbeit leisten will. Insgesamt gehören zu der Ausstellung mit dem Titel "Aufgeklärt statt Autonom" zwölf Poster und Unterrichtsmaterial.

Seit einigen Monaten ist die Kampagne an Hessens Schulen in Umlauf und hat scharfe Kritik ausgelöst. Ein Gutachten kommt nun zu dem Ergebnis,  das Material sei "unverzüglich aus den Schulen zu entfernen".

"Es werden diffuse Haltungen zusammengeworfen"

Auszug aus dem Gutachten von Martina Tschirner und Christoph Bauer

Die Plakatreihe sei "wissenschaftlich, pädagogisch und didaktisch nicht haltbar", heißt es in einer Bewertung von Martina Tschirner, Didaktik-Professorin an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, und Christoph Bauer, Lehrer an einem Gymnasium der Stadt. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen hatte das Gutachten in Auftrag gegeben.

"Sollte flächendeckend in die Mülltonnen"

Die Landesvorsitzende Birgit Koch forderte in einer Mitteilung  alle Schulen auf, die Ausstellung nicht mehr zu verwenden, sie solle "flächendeckend in die Mülltonnen entsorgt werden". Die Plakatreihe setze nicht nur einen falschen inhaltlichen Schwerpunkt, sie weise auch schwerwiegende fachliche Mängel auf.

Das Thema Linksextremismus werde nur oberflächlich behandelt und orientiere sich zudem an einem höchst strittigen Extremismuskonzept, das auf eine Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus hinauslaufe, so Koch.

Das Land Hessen hatte die Plakate und das Begleitmaterial im November vergangenen Jahres veröffentlicht und parallel an alle weiterführenden Schulen geschickt. Zielgruppe sind Schüler der neunten und zehnten Klassen.

Innenbehörde verteidigt das Material

Federführend war das hessische Innenministerium, das die Plakatreihe nun verteidigt. Lehrkräften stehe kaum Unterrichtsmaterial zur Verfügung, das Linksextremismus thematisiere und sich in der schulischen Extremismusprävention einsetzen lasse, teilte ein Sprecher dem SPIEGEL mit.

Der Streit über den Extremismusbegriff sei ebenso alt wie der Begriff selbst. "Kritiker versuchen dabei meist den Begriff Linksextremismus in Gänze infrage zu stellen", so der Sprecher. Auch bei den Einwänden gegen die Plakatreihe "drängt sich der Eindruck auf, dass vornehmlich kritisiert wird, dass Linksextremismus überhaupt thematisiert wird. "

"Es gibt gute Gründe dafür, die Gefahr durch Islamismus und Rechtsextremismus höher einzuschätzen. Diese Einsicht gestattet aber weder Desinteresse noch Ignoranz gegenüber dem Linksextremismus"

Armin Pfahl-Traughber, Extremismusforscher

Das Projekt wurde den Angaben zufolge aus Mitteln des Landesprogramms "Aktiv für Demokratie und gegen Extremismus" gefördert. An dem Material hätten staatliche wie nichtstaatliche Experten mitgearbeitet. Zur Verteidigung des Projekts zitiert die Behörde unter anderem den Extremismusforscher Armin Pfahl-Traughber, der an der Fachhochschule des Bundes lehrt.

Er sagt, das Gefahrenpotenzial des Linksextremismus in der Bundesrepublik dürfe weder dramatisiert noch verharmlost werden. "Es gibt gute Gründe dafür, die Gefahr durch Islamismus und Rechtsextremismus höher einzuschätzen. Diese Einsicht gestattet aber weder Desinteresse noch Ignoranz gegenüber dem Linksextremismus."

Vorwurf: Material schürt Angst

Die beiden Gutachter dagegen machen ihre Kritik zum Beispiel an einem Plakat fest. Es stelle Linksextremisten, Rechtsextreme und Islamisten auf eine Stufe. In einer Mini-Statistik am Rand werde gar fälschlicherweise der Eindruck erweckt, Linksextremisten stellten die größte Gefährdung dar.

Weitere Kritik üben sie an einem anderen Plakat: "Ideologie. Wie und was Linksextremisten denken". Hier werde zwar der Versuch unternommen, schreiben die Gutachter, den ideologischen Überbau des Linksextremismus etwas differenzierter darzustellen. Aber: Den Schülerinnen und Schülern würden dort "theoretische Versatzstücke" vorgestellt, die suggerierten, dass alles mit allem zusammenhängt. Das verbindende Element zwischen allen Theorien, so könne man die Aussagen lesen, seien Terror und Gewalt." Aufklärung finde nicht statt. "Vielmehr wird Angst vor gewaltbereiten Linksextremisten geschürt."

Die GEW mahnt: Lehrkräfte müssten sich künftig darauf verlassen können, dass Materialien, die an Schulen geschickt werden, fachdidaktischen und wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

Die Plakatreihe kann weiter im Netz  abgerufen werden, statt zwölf sind dort jedoch ohne Angabe von Gründen nur noch zehn Plakate zu sehen.

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