Frankreich Bildungsminister verbietet geschlechtergerechte Sprache an Schulen

Für Friedrich Merz ein Vorbild, für Kritiker ein Beispiel für »Rückständigkeit«: Frankreichs Bildungsminister will per Erlass verhindern, dass an Schulen »gegendert« wird. Frauen sollen anders berücksichtigt werden.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bildungsminister Jean-Michel Blanquer zu Besuch in einer Schule (Archiv)

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bildungsminister Jean-Michel Blanquer zu Besuch in einer Schule (Archiv)

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Thibault Camus / dpa

Bitte, keine Pünktchen im Wort: An Frankreichs Schulen ist die Nutzung von geschlechtergerechter Sprache ab jetzt untersagt. Grundlage dafür ist ein Erlass von Bildungsminister Jean-Michel Blanquer, der am Donnerstag in Kraft getreten ist. Die »inklusive« Schrift stimme nicht mit den in den Lehrplänen vereinbarten Regeln überein, hieß es zur Begründung.

Dem Papier zufolge darf auch in Blanquers Ministerium nicht gegendert werden. Dies gilt ebenso wie bei den Schulen zumindest für die Schriftsprache. Den Mund will der Minister Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften nicht verbieten. Gleichzeitig sieht der Erlass vor, dass in Texten künftig Berufe und andere Funktionen, wenn sie von Frauen ausgeübt werden, in der weiblichen Form genannt werden. So darf – aufs Deutsche übertragen – also von Lehrer und Lehrerin die Rede sein, aber nicht von Lehrer:innen oder Lehrer*innen.

Die Idee der geschlechtergerechten Sprache ist, alle Geschlechter in gesprochener und geschriebener Sprache gleichzustellen und gleichermaßen zu berücksichtigen, in diesem Sinne also »inklusiv« zu wirken. Während im Deutschen dafür oftmals ein Sternchen oder Doppelpunkt genutzt wird, verwenden die Menschen in Frankreich mit Pünktchen versehene Begriffe wie »député.e.s« (Parlamentarier*innen) oder »électeur.rice.s« (Wähler*innen).

Bitte nicht die »eigene Rückständigkeit aufzwingen«

Das Thema ist heftig umstritten und polarisiert. Die französische Bildungsgewerkschaft SUD warf Blanquer vor, der »pädagogischen Gemeinschaft seine eigene Rückständigkeit aufzuzwingen«. Sie forderte Lehrerinnen und Lehrer laut einem Bericht der Tageszeitung »Le Monde«  auf, Blanquers Anweisungen, die »aus einer anderen Zeit stammen«, zu ignorieren und ihre pädagogische Freiheit zu nutzen.

Blanquer hingegen verteidigte seine Maßnahme am Donnerstagabend vor dem Bildungsausschuss der Nationalversammlung. Die Pünktchenwörter zur Umsetzung der geschlechtergerechten Sprache seien zu komplex und behinderten damit das Lesen sowie das Erlernen der französischen Sprache, sagte er. Zuvor hatte der Minister bereits darauf hingewiesen, wie schwierig die Vermittlung von Französisch sei, wenn in der Mitte von Wörtern Punkte gesetzt würden. Vor allem Schüler mit Lese-Rechtschreib-Schwäche würden sich damit schwertun.

Bereits im November 2017 hatte der damalige Premierminister Edouard Philippe die französischen Ministerien angewiesen, keine genderneutralen Konstruktionen zu verwenden, nachdem ein Schulbuch mit geschlechtsneutralen Ausdrücken für heftige Debatten gesorgt hatte. Auch die Académie Française, die als oberste Hüterin des Französischen gilt, hatte sich gegen geschlechtergerechte Sprache ausgesprochen. Schon damals wurde mit der »Verständlichkeit und Klarheit« der Sprache argumentiert.

In Deutschland sorgt das »Gendern« ebenfalls für massive Kontroversen. Zu den erklärten Gegnern gehört CDU-Politiker Friedrich Merz , der das Thema im Wahlkampf nutzt und gerne auf Frankreich als mögliches Vorbild für Deutschland verweist. Gleichzeitig gibt es starke Stimmen für eine geschlechtergerechte Sprache, weil dies die Gleichberechtigung der Geschlechter fördere und dazu beitrage, Diskriminierung abzubauen.

Sie könne den Widerstand dagegen nachvollziehen, sagte die Sprachfeministin Luise F. Pusch jüngst im SPIEGEL, die sich seit Jahrzehnten fürs Gendern stark macht, weil geschlechtergerechte Sprache für viele Menschen zunächst ungewohnt sei und den Sprechfluss hemme. Wer aber wer eingesehen habe, wie ungerecht die Sprache sei, sei bereit, anders zu sprechen.

fok/AFP
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