Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs Frauen promovieren schneller – und seltener

Wer forschen will, muss leiden: Befristete Arbeitsverträge sind für den wissenschaftlichen Nachwuchs Standard. Und je höher es die Karrieretreppe hinaufgeht, desto unattraktiver wird der Wissenschaftsbetrieb für Frauen.
Forschende in der Universitätsbibliothek Osnabrück (Archivbild)

Forschende in der Universitätsbibliothek Osnabrück (Archivbild)

Foto: Friso Gentsch/ picture alliance / dpa

Nur acht Prozent der Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in Deutschland haben einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Die restlichen 92 Prozent müssen neben ihrer Forschungsarbeit mit einem Auge immer schon auf das nächste Projekt und den nächsten Vertrag schielen – denn die Arbeitsverträge laufen im Durchschnitt nur etwa zwei Jahre, viele haben eine kürzere Laufzeit.

So liegt die durchschnittliche Vertragsdauer bei Promovierenden bei 22 Monaten – obwohl für eine wissenschaftlich fundierte Doktorarbeit deutlich mehr Zeit nötig ist. Lässt man die Turbopromotionen in der Medizin außer Acht, dauert es im Mittel knapp sechs Jahre bis zur Doktorarbeit. Rechnet man die Medizin-Promotionen dagegen mit ein, sind es immer noch 4,7 Jahre. Männer brauchen dabei mit 4,9 Jahren etwas länger als Frauen (4,3 Jahre). Im Jahr 2018 schlossen knapp 28.000 Nachwuchsforscherinnen und -forscher ihre Promotion ab.

Die Zahlen stammen aus dem neuen Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs (Buwin) , der am Freitag in Berlin vorgestellt wurde. Und sie zeichnen das Bild eines Arbeitsfelds in Wissenschaft und Forschung, das einerseits viel inhaltliche Attraktivität ausstrahlt, andererseits beim Blick auf die Rahmenbedingungen aber auch abschreckend wirken kann – etwa, wenn jede vierte Promovierende nur einen Vertrag mit einer Laufzeit von einem Jahr oder weniger hat.

Lange Phasen der Unsicherheit

Dabei täuscht der Begriff vom wissenschaftlichen Nachwuchs: Es handelt sich nicht nur um 22-Jährige, die noch mitten im Erwachsenwerden stecken. Erfasst werden auch 35- oder 45-Jährige mit Familie und akademischer Höchstqualifizierung, die es lediglich noch nicht geschafft haben, einen der wenigen unbefristeten Arbeitsplätze zu ergattern – und bei denen deshalb große Teile des Erwerbslebens mit massiven Unsicherheiten belastet sind.

Das durchschnittliche Alter für den Abschluss der Promotion unterscheidet sich von Fach zu Fach erheblich. In den Naturwissenschaften, einschließlich Mathematik und Medizin schließen die Doktoranden ihren Titel im Durchschnitt mit 30 Jahren ab. In Kunst und in kunstwissenschaftlichen Fächern beenden die Forscherinnen und Forscher ihre Doktorarbeit dagegen erst mit durchschnittlich 36 Jahren.

Weitere wichtige Ergebnisse des Berichts:

  • Die Zahl der Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler an Hochschulen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Im Jahr 2018 gab es an den deutschen Hochschulen mehr als 116.000 hauptberuflich Forschende unter 35 Jahren (ohne Professorinnen und Professoren) – ein Plus von 78 Prozent gegenüber dem Jahr 2005. In der Altersgruppe von 35 bis 45 Jahren stiegt die Zahl im selben Zeitraum um 43 Prozent auf gut 51.000 Forschende.

  • Die Qualifikationsmodelle für einen Lehrstuhl sind in Bewegung geraten: Neben der traditionellen Habilitation ist mittlerweile der Weg über eine Juniorprofessur ebenfalls verbreiteter Standard. Im Jahr 2018 wurden 1529 Habilitationen abgeschlossen, gleichzeitig gab es 1580 Juniorprofessorinnen und -professoren.

  • Promotionen lohnen sich – wenn man die schlecht bezahlte Promotionszeit nicht berücksichtigt: Wer eine Dissertation als wissenschaftliche Basisleistung vorweisen kann, verdient fünf Jahre nach dem Abschluss etwa 10.000 Euro mehr pro Jahr (brutto) als Nichtpromovierte aus seiner oder ihrer Kohorte. Außerdem liegt die Arbeitslosigkeit bei Promovierten mit unter zwei Prozent auf kaum messbarem Niveau. Und: »Promovierte haben eine höhere Wahrscheinlichkeit, Führungspositionen einzunehmen«, schreiben die Autorinnen und Autoren des Berichts.

Eines der auffälligsten Ergebnisse: Je besser die wissenschaftlichen Nachwuchskräfte qualifiziert sind, desto stärker sinkt der Anteil der Frauen in der Wissenschaft. Fachleute bezeichnen das als »Leaky Pipeline«, als Leck in der Karriere-Leitung, durch das die Frauen aus dem Wissenschaftssystem verschwinden.

Gleichzeitig weisen die Autorinnen und Autoren des Berichts darauf hin, dass sich der Frauenanteil langfristig auf allen Ebenen des Wissenschaftsbetriebs spürbar erhöht hat. Besonders deutlich wird das beim Vergleich zwischen den Daten von 1997 und 2018: Innerhalb von gut 20 Jahren hat sich der Anteil der Wissenschaftlerinnen in allen Stufen der Lehrstuhlbewerbung mindestens verdoppelt – auf jetzt jeweils rund ein Drittel. Es bleibt also noch Luft nach oben.

Obwohl es sich beim Buwin nur um eine Datensammlung handelt und nicht um einen hochschulpolitischen Forderungskatalog, lassen sich aus den Ergebnissen trotzdem Arbeitsaufträge für die Universitäten und Forschungseinrichtungen ableiten, etwa bei der Verbesserung der Promotionsbetreuung.

So wurden Promovierende gefragt, wie oft sie Kontakt zu ihren Betreuerinnen und Betreuern haben. Von mindestens einem Gespräch pro Woche berichtete knapp ein Fünftel (19 Prozent) der Doktorandinnen und Doktoranden, die außerhalb eines Programms oder einer Graduiertenschule promovierten. In strukturierten Promotionsstudiengängen war es immerhin knapp ein Drittel (32 Prozent). Dennoch war auch die Zahl derjenigen, die »seltener als einmal pro Semester« mit Doktormutter oder -vater sprechen, erschreckend hoch: Sechs Prozent in strukturierten Promotionsprogrammen hatten so gut wie keinen Kontakt, außerhalb dieser Programme waren es sogar zwölf Prozent der Doktorandinnen und Doktoranden.

Der Bundesbericht wissenschaftlicher Nachwuchs wird einmal in jeder Legislaturperiode des Bundestags vorgelegt. Der vorherige Buwin war im Jahr 2017 erschienen. Basis des Berichts sind jeweils Daten aus amtlichen Statistiken sowie Ergebnisse aus regelmäßig durchgeführten Befragungen.

Anmerkung der Red.: Wegen eines technischen Versehens war dieser Text kurzzeitig bereits vor Ablauf der Sperrfrist zur Veröffentlichung auf unserer Seite sichtbar.