Grammatik Kaum Gendersterne in Lehrmaterialien für Deutsch als Fremdsprache

Wer eine Sprache lernt, kommt schon mal mit grammatikalischen Geschlechtern durcheinander. Wenn auch noch gegendert werden soll, wird es erst recht kompliziert. Die Branche versucht, darauf zu reagieren.
Erlernen der geschriebenen deutschen Sprache erschwert?

Erlernen der geschriebenen deutschen Sprache erschwert?

Foto: Uli Deck / dpa

Wer im Gespräch oder einer E-Mail gendert oder darauf verzichtet, sendet freiwillig oder unfreiwillig Signale – darüber, ob und wie er oder sie die Einbeziehung anderer Geschlechter in der Sprache für notwendig erachtet. Vielen Menschen, die Deutsch erst lernen, stehen dabei einige Stilmittel jedoch erst sehr spät zur Verfügung.

So legen Hersteller von Unterrichtsmaterialien für Deutsch als Fremdsprache zwar Wert auf sogenannte gendergerechte Sprache – verzichten aber meist auf Sonderformen etwa mit Sternchen oder Binnen-I. »Da wir bei den Lehr- und Lernmedien besonders unsere fremdsprachlichen Zielgruppen berücksichtigen müssen, versuchen wir, nicht laut lesbare Formen wie Unterstrich, Sternchen, Binnen-I oder Gendergap zu vermeiden, um eine gute Lesbarkeit zu gewährleisten«, teilte eine Sprecherin des Ernst Klett Sprachen Verlags aus Stuttgart mit. Die geschlechtergerechte Schreibung dürfe das Erlernen der geschriebenen deutschen Sprache keinesfalls zusätzlich erschweren.

Gendern sei nichts für Anfänger

Bei Formulierungen sei man an die amtliche Rechtschreibung gebunden und könne neue Schreibformen zur Bezeichnung von mehr als zwei Geschlechtern nicht nutzen, ließ ein Sprecher des Cornelsen Verlags mit Sitz in Berlin wissen. Bei Deutsch als Fremdsprache gehe es aber auch um das Vermitteln von Landeskunde. Daher werde in Texten schon mal die Formulierung für diverse Geschlechter – zum Beispiel »m, w, d« – genutzt, um so sprachliche Vielfalt zu zeigen.

Gendern sei nichts für Anfänger, sagt auch Natascha Krüger. Erst in den höheren Deutschkursen tauche inzwischen mal ein Gendersternchen auf, sagt die Dozentin an der Volkshochschule (VHS) Karlsruhe. »Sprachlich ist das das i-Tüpfelchen auf C1.« Wer dieses Sprachniveau erreicht hat, soll lange Texte und implizite Bedeutungen verstehen können und spontan fließend reden.

Krüger ist froh, dass das sogenannten Binnen-I inzwischen oft ersetzt werde. In gedruckten Texten wie den Unterrichtsmaterialien gleiche das große I einem kleinen L. Wörter wie KundInnen seien für Nichtmuttersprachler daher schwer zu lesen, sagt die Lehrerin.

Feminine Formen grammatikalisch schwieriger

Die VHS nutzen laut Sprecherin Beatrice Winkler in der Regel die weibliche und die männliche Form zusammen – also Schülerinnen und Schüler – oder Partizipkonstruktionen wie Studierende. »Um es nicht noch schwerer zu machen, als es eh schon ist«, sagt Winkler. Die Grammatik stecke schließlich voller Tücken. Und gerade feminine Formen seien schwieriger, ergänzt Krüger. »Da muss man es nicht noch komplizierter machen, als es für Nichtmuttersprachler eh schon ist.« Zumal sich selbst die Deutschen nicht einig sind beim Gendern.

Für die Lernenden wären klare Regeln einfacher, sagt auch Dejan Perc, Vorsitzender des Landesverbands der kommunalen Migrantenvertretungen Baden-Württemberg. Bei den verschiedenen Formen situativ die richtige zu wählen, sei kaum möglich, und ebenso wenig, das korrekt zu lernen. »Es wirft ja auch Fragen auf, wie Trennungsregeln aussehen. Steht da der Doppelpunkt am Ende einer Zeile, und es geht mit innen weiter?«

Das Thema betrifft zahlreiche Einrichtungen, die sich mit Deutsch als Fremdsprache befassen. Das Goethe-Institut etwa macht die Details im Unterricht vom jeweiligen Sprachniveau abhängig: »Wir bereiten unsere Sprachkursteilnehmer*innen mit unserem Unterricht darauf vor, die tatsächlich in Deutschland verwendete Sprache zu verstehen«, wird Sprecherin Viola Noll von der Nachrichtenagentur dpa samt Gendersternchen zitiert. Ab einem bestimmten Niveau gehörten dazu regionale oder fachsprachliche Eigenheiten sowie die verschiedenen Formen des Genderns. »Unsere Erfahrung ist: Wer unregelmäßige Verben gemeistert hat, der versteht auch schnell, was ein Gendersternchen bedeuten soll.«

apr/dpa
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