Patzer in der Bildungspolitik »Die Kultusministerien haben es schlicht verpennt«

Viele Jahre führte Marlis Tepe die größte Bildungsgewerkschaft – sie kennt die Probleme des deutschen Schulsystems. Wie kann es sein, fragt sie, dass vom Wohnort abhängt, wie gut die Schule eines Kindes ist?
Ein Interview von Silke Fokken und Armin Himmelrath
Marlis Tepe war seit 2013 Chefin der Bildungsgewerkschaft GEW

Marlis Tepe war seit 2013 Chefin der Bildungsgewerkschaft GEW

Foto: Katrin Denkewitz / DER SPIEGEL

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SPIEGEL: Sie waren acht Jahre lang GEW-Vorsitzende – in bewegten Zeiten. Die Flüchtlingskrise 2015 gehört dazu, im vergangenen Jahr kam die Pandemie. Welcher Moment ist Ihnen am stärksten in Erinnerung?

Tepe: Einen einzelnen Moment zu benennen, ist schwierig. Nach der Integration der geflüchteten Kinder und Jugendlichen in das Bildungssystem hatte ich erwartet, dass die zweite Amtszeit ruhiger würde. Dann kam Corona.

Zur Person
Foto: Katrin Denkewitz / DER SPIEGEL

Marlis Tepe, Jahrgang 1954, war rund 30 Jahre lang Lehrerin, bevor sie 2013 zur Vorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gewählt wurde. Im Juni 2021 hat sie das Amt abgegeben.

SPIEGEL: Was hat die Pandemie gezeigt?

Tepe: Wir brauchen einen Schulterschluss zwischen Bund, Ländern und Kommunen für die Bildungspolitik, für Schulen und Kitas. Dass er fehlt, ist fatal.

SPIEGEL: Was haben Sie gegen den Bildungsföderalismus?

Tepe: Grundsätzlich nichts. Aber es kann doch nicht sein, dass es vom Wohnort eines Kindes abhängt, wie gut das Bildungs- und Betreuungsangebot ausfällt. Außerdem ist es ein Unding, dass es bei den Gehältern für Lehrkräfte Besoldungsunterschiede von bis zu 1000 Euro im Monat zwischen den Ländern gibt. Oder dass der Gebäudezustand von Kitas und Schulen davon abhängt, wie gut es der Gemeinde finanziell geht.

SPIEGEL: Was haben Sie dagegen getan?

Tepe: Wir kämpfen schon lange für ein Ende des Kooperationsverbots in der Bildung, das eine finanzielle Unterstützung der Länder durch den Bund weitgehend verhindert. Unsere Forderung findet bei vielen Parteien Anklang, etwa bei der Linken, der SPD und der FDP. Die Bundespartei der Grünen will das grundsätzlich auch, hat mit Winfried Kretschmann aber einen Ministerpräsidenten, der auf der Bremse steht – ein politischer Fehler.

»Die Kultusministerien haben es schlicht verpennt, ihren Personalbedarf vorausschauend zu planen.«

SPIEGEL: Können Sie das bitte erklären?

Tepe: Dass Kinder und Jugendliche in Deutschland immer noch weit von gleichwertigen Lebensverhältnissen entfernt sind, ist unerhört. Unsere Forderung ist klar: Für die Ausstattung der Bildung dürfen nicht das Steueraufkommen und die Bevölkerungszahl der jeweiligen Länder und Kommunen ausschlaggebend sein. Es muss ausschließlich um den tatsächlichen Bedarf vor Ort gehen. Beispiel: Wenn der Bund 500 Millionen Euro für Laptops ausgibt, die an bedürftige Kinder gehen sollen, kann man dieses Geld doch nicht im Ernst mit der Gießkanne unter den Bundesländern verteilen.

SPIEGEL: Nach welchen Kriterien stattdessen?

Tepe: Der Sozialindex des Landes und der Kommunen muss eine Rolle spielen. Dazu gehört auch, dass es genügend Fach- und Lehrkräfte an Kitas und Schulen gibt. Die Kultusministerien haben es schlicht verpennt, ihren Personalbedarf vorausschauend zu planen und auch in benachteiligten Stadtteilen eine gute Personalausstattung sicherzustellen.

SPIEGEL: Wäre es also höchste Zeit, den Ländern die Bildungshoheit zu nehmen?

Tepe: Nein, aber die föderale Zusammenarbeit muss neu gedacht werden. Umsetzungsvorschläge könnten von einem Nationalen Bildungsrat erarbeitet werden.

SPIEGEL: Sie fordern, dass Grundschullehrerinnen und -lehrer genauso gut wie alle anderen Lehrer bezahlt werden. Spielt Ihnen dabei der massive Lehrkräftemangel in die Karten?

Tepe: Der Lehrkräftemangel ist seit Jahren ein großes Problem, an den Grundschulen ist er dramatisch. Die Hälfte der Länder hat erkannt, dass die GEW-Forderung, die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung an Grundschulen zu verbessern, ein wichtiges Instrument ist, mehr junge Menschen für diesen Beruf zu gewinnen. Sie haben Besoldung und Gehälter erhöht. Jetzt müssen die Flächenländer nachziehen. Zudem werden in vielen Ländern auch Haupt- und Realschullehrkräfte schlechter bezahlt. Hier werden wir weiter Druck machen.

»Wenn wir den Arbeits- und Gesundheitsschutz nicht eingefordert hätten, hätte es niemand getan.«

SPIEGEL: Sie haben in diesem Zusammenhang auch ungewöhnliche Vorschläge gemacht – teilweise mit schweren Folgen für Sie persönlich.

Tepe: Ich habe der »Neuen Osnabrücker Zeitung« ein Interview gegeben. Darin sagte ich, dass wir auch unter den Geflüchteten nach Lehrkräften sowie Erzieherinnen und Erziehern suchen sollten – das würde uns gegen den Fachkräftemangel helfen. Abends habe ich dann in meine Mails geschaut. Das war das erste Mal, dass ich mit so schäumendem Hass konfrontiert war.

SPIEGEL: Können Sie etwas über deren Inhalt sagen?

Tepe: Von »Wir wissen, wo du wohnst« über Vergewaltigungsdrohungen bis hin zur Aufforderung, mich aufzuhängen. Ich habe eine Zeit gebraucht, um das zu verarbeiten. Auch in der Pandemie waren natürlich viele Zuschriften nicht besonders erfreulich.

SPIEGEL: Sie wurden in dieser Zeit von der Öffentlichkeit vor allem als Gewerkschafterin wahrgenommen, die eher auf Schulschließungen setzte.

Tepe: Wir haben als GEW sehr früh den Gesundheitsschutz für Lehrkräfte, Schüler und deren Eltern in den Mittelpunkt gestellt und uns für die notwendigen Hygienemaßnahmen starkgemacht. Bis heute gibt es an vielen Schulen Defizite bei der Lüftung oder den sanitären Anlagen. Wir haben Wechselunterricht vorgeschlagen, damit Abstände eingehalten werden können. Das entspricht der Mehrheitsmeinung unserer Mitglieder: Etwa 75 Prozent haben diesen Kurs gestützt, die anderen fanden, dass wir das Recht der Kinder auf Bildung stärker hätten akzentuieren müssen. Nur: Wenn wir den Arbeits- und Gesundheitsschutz nicht eingefordert hätten, hätte es niemand getan. In der dritten Welle haben die meisten Menschen erkannt, dass Wechselunterricht in der Pandemie eine gute Möglichkeit ist.

SPIEGEL: Sie haben sich vor einiger Zeit die Situation an einer Gesamtschule im Duisburger Problemstadtteil Marxloh angesehen. Was waren Ihre Eindrücke?

Tepe: Dieser Besuch in Marxloh hat mich sehr berührt. Die Lehrkräfte haben dort wirklich Pädagogik mit Herzblut gemacht, sich beide Beine für die Kinder ausgerissen und neben dem regulären Unterricht viele Aktionen angeschoben, in denen Kinder sich ausprobieren können. Umso schlimmer finde ich es, dass gerade dort immer wieder Unterricht ausfällt, weil der Lehrkräftemangel in sozialen Brennpunkten besonders groß ist.

SPIEGEL: Was müsste sich ändern?

Tepe: Die Politik müsste Schulen in benachteiligten Stadtteilen viel besser ausstatten und hier gezielt investieren. Wir müssten erreichen, dass Lehrkräfte dort immer zu zweit unterrichten, dass sie weniger Stunden geben, dass ihnen mehr Zeit für Elternarbeit bleibt. Dann würden auch viel mehr engagierte Kolleginnen und Kollegen an solche Schulen gehen.

SPIEGEL: Was macht Sie da so sicher?

Tepe: Im Grunde genommen ist der Lehrkräfteberuf für viele Kolleginnen und Kollegen eine Berufung. Lehrerinnen und Lehrer möchten einen Unterschied machen im Leben eines Menschen. Das ist das Tolle daran.

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