Regierung in der Kritik Britische Schüler protestieren gegen Abschluss per Algorithmus

Wer legt die Endnoten fest, wenn Schüler ihre Abschlussprüfungen nicht schreiben können? In England sollte ein Algorithmus helfen. Doch der Widerstand ist groß.
Schüler protestieren in London: "Echt vermasselt"

Schüler protestieren in London: "Echt vermasselt"

Foto: Vudi Xhymshiti / imago images/VXPictures.com

Die britische Regierung gerät wegen ihres Umgangs mit den diesjährigen Schulabschlüssen zunehmend unter Druck. In London und anderen Städten protestierten am Wochenende Schülerinnen und Schüler gegen die Entscheidung, die Abschlussnoten mithilfe eines Algorithmus festzulegen. Manche forderten den Rücktritt des Bildungsministers Gavin Williamson.

Das Problem: Wegen der Coronavirus-Pandemie konnten weder Prüfungen zum A-Level (Abitur) noch zum GCSE (Mittlere Reife) stattfinden. Also bat das Kultusministerium Lehrerinnen und Lehrer landesweit, die Noten vorherzusagen, die ihre Schüler wahrscheinlich erreicht hätten.

Die Ergebnisse fielen allerdings deutlich positiver aus als der Notenschnitt der vergangenen Jahre, teilte die Regierung mit . Viele Lehrer seien davon ausgegangen, dass die Schüler ihre individuellen Bestnoten erreicht hätten. Dabei würden jedes Jahr auch einige einen schlechten Tag erwischen und weniger gut abschneiden.

Ein Algorithmus sollte helfen, realistischere Prüfungsergebnisse zu ermitteln. Neben der Einschätzung der Lehrkräfte floss dabei auch der Notendurchschnitt an der betreffenden Schule aus früheren Jahren ein. Die Folge: Schüler kamen teilweise bis um drei Notenpunkte schlechter weg, als ihre Lehrer empfohlen hatten. Wie die BBC berichtet , seien die Noten von landesweit rund 280.000 Schülerinnen und Schülern zurückgestuft worden.

Es folgte ein Aufschrei unter Schülern, die sich benachteiligt fühlten und teilweise ihre Träume von einem Studienplatz platzen sahen, als vergangenen Donnerstag die A-Level-Resultate herauskamen. Ein von Bildungsminister Williamson eiligst ins Spiel gebrachter Weg, Widerspruch gegen die Ergebnisse einzulegen, wurde am Wochenende von der zuständigen Behörde teilweise wieder kassiert.

Zunächst hatte es geheißen, Schüler könnten durch ein Beschwerdeverfahren erreichen, dass die beste Bewertung gezählt werde, entweder aus einem Probeexamen oder aus der Lehrerbewertung. Alternativ solle es möglich sein, die Abschlussprüfung im Herbst nachzuholen, was für einen Studienbeginn zum Wintersemester jedoch zu spät käme. Doch dann ruderte die Behörde zurück.

Kehrtwende in Schottland

Die bildungspolitische Sprecherin der oppositionellen Labour-Partei, Kate Green, bezeichnete das Vorgehen der Regierung als "Fiasko, das sich von der Tragödie zur Farce entwickelt". Premierminister Boris Johnson müsse die Angelegenheit zur Chefsache erklären. Auch Lehrerverbände äußerten sich kritisch.

Das Vorgehen bevorzuge Schülerinnen und Schüler an Privatschulen und benachteilige solche, die auf staatliche Schulen mit größeren Klassen gingen, sagte die 18-jährige Ophelia Gregory, die zu den Protesten in London aufgerufen hatte, der Zeitung "The Independent". "Das hat es schlauen Schülern an Schulen, die in der Vergangenheit nicht so gut abgeschnitten haben, echt vermasselt", zitierte sie das Blatt .

Am kommenden Donnerstag sollen die GCSE-Noten veröffentlicht werden. Die Regionalregierung in Schottland war zuvor bereits mit demselben Ansatz gescheitert und hat eine Kehrtwende gemacht. Dort sollen nun doch die Einschätzungen der Lehrer maßgeblich sein.

lov/dpa
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