Großbritannien Keine Bewertung per Algorithmus - Schüler setzen sich durch

Der Vorstoß der britischen Regierung löste Empörung aus: Ein Algorithmus sollte die Noten der wegen Corona ausgefallenen Abschlussprüfungen ermitteln. Nun ruderte die Regierung zurück.
Schülerproteste in South Staffordshire: Widerstand gegen Benotung durch Computerprogramm

Schülerproteste in South Staffordshire: Widerstand gegen Benotung durch Computerprogramm

Foto: JASON CAIRNDUFF / REUTERS

Nach massiven Protesten hat die britische Regierung eingelenkt: Die Abschlussnoten für die wegen Corona abgesagten Prüfungen sollen nun doch vor allem aufgrund der Einschätzungen von Lehrkräften ermittelt werden - und nicht mithilfe einer umstrittenen Software. Diese soll nur zum Zuge kommen, wenn die Note damit besser ausfällt als bei den Lehrkräften.

Großbritannien hat neben vielen anderen Ländern das Problem, dass wegen der Coronakrise im Frühjahr wichtige Abschlussprüfungen zum A-Level (Abitur) oder GCSE (Mittlere Reife) ausgefallen sind. Dadurch fehlt eine wichtige Grundlage für Abschlussnoten, mit denen sich Schülerinnen und Schüler um Studien- oder Arbeitsplätze bewerben können.

Die Behörden entschieden deshalb zunächst, Lehrkräfte sollten die Zensuren auf Basis vergangener Leistungen der einzelnen Schüler festlegen, überlegten es sich dann aber doch noch einmal anders. Das Kultusministerium wollte die Notenvergabe lieber einem Computerprogramm überlassen. Das Ziel: Die tendenziell zu positiven Einschätzungen der Lehrkräfte sollten auf das Durchschnittsniveau der vergangenen Jahre gedrückt werden.

Das geschah nun aber durch einen Algorithmus, bei dem Schülerinnen und Schüler teilweise um bis zu drei Notenpunkte schlechter wegkamen, als ihre Lehrkräfte empfohlen hatten. Insgesamt wurden 39 Prozent aller Abschlussnoten abgewertet. Grundlage für die Bewertung war neben der individuellen Einschätzung der Schülerleistung auch der Durchschnitt der Prüfungen an der betreffenden Schule aus früheren Jahren.

Opposition spricht von "Fiasko"

Schüler, Eltern und auch viele Lehrkräfte liefen gegen das Vorgehen Sturm. Sie argumentierten unter anderem, leistungsstarke Schüler an öffentlichen Schulen in sozial benachteiligten Gegenden mit tendenziell schlechterem Notendurchschnitt würden benachteiligt. Leistungsschwächere Schüler an Privatschulen mit tendenziell besserem Schnitt hätten hingegen Vorteile. Lehrkräfte fürchteten zudem, dass Eltern gegen die Bewertung vor Gericht ziehen würden.

Oppositionspolitiker unterstützten die Schulabgänger und sprachen von einem "Fiasko". Auch eine wachsende Zahl Abgeordneter aus Premierminister Boris Johnsons Konservativer Partei schlug sich auf ihre Seite. 250.000 Menschen unterschrieben eine Petition gegen das Vorgehen des Kultusministeriums. Zwei Interessenverbände drohten, die Regierung zu verklagen. All das zeigte Wirkung.

Die Schulbehörden von Schottland und Wales entschieden sich zunächst eigenständig für eine Kehrtwende. Statt des Computerprogramms sollten nun doch die Lehrkräfte über die Noten entscheiden. Dies setzte auch die für England zuständige britische Regierung weiter unter Druck - bis diese ebenfalls umschwenkte.

Kultusminister Gavin Williamson entschuldigte sich am Montag für das Hin und Her. Er "hoffe, dass diese Ankündigung jetzt die Gewissheit und Sicherheit bietet", die Schüler und Eltern verdienten. Die Regierung Nordirlands erklärte nach Williamsons Entscheidung schließlich als letzter Landesteil Großbritanniens, auf die umstrittene Regelung verzichten zu wollen.

fok/dpa/AFP