Grundschulen Ganztagsbetreuung könnte sich zum Teil selbst finanzieren

Wenn Kinder bis zum Nachmittag in der Schule sind, können Mütter mehr arbeiten, sagen Wirtschaftsforscher - damit fließt mehr Geld in die öffentlichen Kassen. Die Betreuung werde damit günstiger als erwartet.
Schulanfänger an einer Grundschule in München (Symbolbild)

Schulanfänger an einer Grundschule in München (Symbolbild)

Foto: picture-alliance/ dpa

Der geplante Ausbau der Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder wird Milliarden kosten – und soll gleichzeitig Geld in die öffentlichen Kassen spülen. Die neuen Ganztagsplätze könnten sich daher zum Teil selbst finanzieren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung  (DIW), die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) am Montag in Berlin vorgestellt hat.

Das Institut geht davon aus, dass vor allem Frauen künftig ihren Beruf besser ausüben können, wenn ihre Kinder bis in den Nachmittag hinein in der Schule oder im Hort bleiben. Das würde die Steuereinnahmen erhöhen und den Sozialversicherungen mehr Geld einbringen. Gleichzeitig müsste der Staat weniger Wohngeld oder Kinderzuschläge zahlen, rechnen die Experten vor.

Das Institut hat in der Untersuchung drei verschiedene Szenarien entworfen und kommt zu dem Schluss, dass Mütter mit Grundschulkindern ihr Arbeitsvolumen um drei bis sieben Prozent erhöhen könnten, wenn der Ganztagsausbau wie angekündigt fortschreite. Das entspräche nach den Berechnungen der Wissenschaftler rund 40.000 bis 100.000 Vollzeitstellen. Die Mehreinnahmen für den Staat lägen je nach Szenario zwischen einer und zwei Milliarden Euro pro Jahr, erklärte Katharina Spieß, Leiterin der DIW-Abteilung für Bildung und Familie.

Keine Effekte bei den Vätern

Franziska Giffey sieht darin ein zusätzliches Argument für mehr Ganztagsbetreuung. Vor allem gehe es aber um Chancengerechtigkeit für Kinder. "Das muss unser Hauptantrieb sein. Das ist mir jeden einzelnen Euro wert", sagte Giffey. Danach gehe es auch um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um die Gleichstellung von Frauen und Männern und um den Fachkräftemangel, zu dessen Linderung Frauen beitragen könnten.

Die Erwerbstätigkeit von Vätern wurde von den Forschern in der Untersuchung nicht betrachtet, da Studien belegten, "dass sich ihre Erwerbstätigenquote und ihr Erwerbsvolumen durch einen Ausbau von Ganztagsangeboten für Grundschulkinder nicht signifikant verändern wird", heißt es in dem Papier.

Die große Koalition hatte im Koalitionsvertrag vereinbart, dass ab 2025 alle Kinder in Deutschland von der ersten bis zur vierten Klasse einen Anspruch auf Ganztagsbetreuung haben sollen, an fünf Tagen in der Woche, für acht Stunden am Tag.

Milliarden für den Ausbau der Ganztagsplätze

Derzeit gibt es laut Giffey für etwa die Hälfte aller Grundschulkinder eine Ganztagsbetreuung. Rund eine Million Plätze müssten zusätzlich geschaffen werden. Die Kosten für den Ausbau zum Beispiel für Räumlichkeiten und Gebäude an den rund 15.000 Grundschulen in Deutschland werden auf fünf bis sieben Milliarden Euro geschätzt. Dazu kommen prognostizierte laufende Betriebskosten pro Jahr von bis zu vier Milliarden Euro.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) mahnte, auch die Qualität der Angebote müsse stimmen, damit alle Schülerinnen und Schüler vom Rechtsanspruch profitieren könnten. "Es geht nicht allein um eine Betreuung", heißt es in einer Stellungnahme ihres Ministeriums. "Die Ganztagsbetreuung muss so angelegt sein, dass sie die Kinder weiterbringt."

Bei den Angaben des Instituts handelt es sich um volkswirtschaftliche Simulationsrechnungen, die auf einer Reihe von Grundannahmen beruhen. Die Wissenschaftler nehmen zum Beispiel an, dass Frauen tatsächlich mehr arbeiten möchten, wenn ihre Kinder nachmittags in der Schule oder im Hort bleiben.

Gleichzeitig gehen die Berechnungen nicht auf die Frage ein, ob überhaupt ausreichend Personal bereitstünde, um die Kinder zu betreuen. Schon heute kämpfen nahezu alle Bundesländern gegen einen dramatischen Mangel an Lehrkräften und Erziehern.

olb/dpa/rtr
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