Umfrage an Gymnasien Zwei von drei Lehrern leiden unter beruflichem Stress

Zu hohes Arbeitspensum und kaum Rückzugsmöglichkeiten im Schulalltag: Die Mehrheit der Gymnasiallehrkräfte fühlt sich durch die Arbeit stark belastet. Trotzdem mögen die meisten ihren Beruf.
Lehrkräfte wünschen sich weniger Stunden und kleinere Klassen

Lehrkräfte wünschen sich weniger Stunden und kleinere Klassen

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Zwei Drittel der Gymnasiallehrerinnen und -lehrer in Deutschland erleben die Arbeit im Schulalltag als belastend. Das geht aus einer Studie im Auftrag des Deutschen Philologenverbands  hervor. Der Verband vertritt die Interessen der rund 176.000 Gymnasiallehrkräfte in Deutschland.

Das sind die größten Stressfaktoren:

  • Fast alle Befragten (95 Prozent) nannten demnach große Unterschiede zwischen den Schülern als Hauptgrund für die empfundene Belastung im Job.

  • Als zweithäufigster Grund wurde ein zu hohes Arbeitspensum genannt (90 Prozent).

  • Dahinter folgen zu wenig Pausen im Schulalltag (72 Prozent).

  • Die Hälfte der Befragten (51 Prozent) gibt zudem an, unter verhaltensauffälligen Schülerinnen und Schülern zu leiden, die den Unterricht stören.

Dazu kommen die Mängel in der schuli­schen Infrastruktur: So hält lediglich jeweils ein Viertel die Arbeitsplätze in der Schule und das Angebot an Ruhezonen für ausreichend, 41 Prozent kritisieren zudem die materielle Ausstattung.

Vier von zehn Lehrkräften schlafen schlecht

Die Belastung geht der Studie zufolge auf die Gesundheit. Ein Drittel der Lehrkräfte kann sich demnach nicht ausreichend erholen. Vier von zehn Lehrkräften schlafen schlecht.

Trotzdem sagen nur 15 Prozent der Befragten, sie seien mit ihrem Job unzufrieden. "Die meisten Lehrer sind trotz hoher Arbeitsbelastung mit ihrem Beruf zufrieden und die Arbeit mit den Schülern macht ihnen Freude", sagt Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands.

Diese Punkte schätzen die Lehrkräfte:

  • An erster Stelle steht bei 45 Prozent der Befragten die Arbeit mit den Schülern,

  • gefolgt von der flexiblen Zeiteinteilung (42 Prozent).

  • Ein Viertel der Befragten schätzt vor allem die Autonomie im Unterricht,

  • die Zusammen­arbeit mit Kolleginnen und Kollegen ist für 22 Prozent ein zufriedenheitsstiftender Aspekt.

45,2 Stunden Wochenarbeitszeit

Die Studie wurde vom Institut für Präventivmedizin der Universitätsmedizin Rostock durch­geführt, unterstützt von der DAK. Sie ist laut Lin-Klitzing repräsentativ. Bundesweit seien rund 20.000 Lehrerinnen und Lehrer befragt worden. Ausgewertet wurden demnach die Antworten von rund 16.000 "normalen Lehrkräften". Schulleiterinnen oder Personalräte, die für ihre Aufgabe mehr als drei Stunden freigestellt werden, wurden demnach nicht berücksichtigt.

Die teilnehmenden Lehrkräfte mussten einen Onlinefragebogen ausfüllen und zusätzlich vier Wochen lang ein Arbeitszeitprotokoll führen, in dem sie den Unterricht und alle weiteren Tätigkeiten vermerkten. Vollzeitlehrkräfte an Gymnasien arbeiten demnach im Schnitt 45,2 Stunden in der Woche. Fast jede zweite Vollzeitlehrkraft hat - nach eigener Aussage - ein Wochenarbeitspensum von 45 Stunden und mehr.

Der Philologenverband fordert aufgrund der Erkenntnisse eine "deutliche Senkung" der Regelstundenzahl und eine Entlastung von Verwaltungs- und anderen Zusatzaufgaben. Außerdem sprach er sich dafür aus, die Klassen zu verkleinern und dafür zu sorgen, dass das Leistungsgefälle in den Klassen gesenkt wird. "Das Gymnasium darf nicht nur durch chronische Überlastung der Lehrkräfte funktionieren", sagte Lin Klitzing.

Ähnliche Forderungen gibt es etwa auch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Sie ruft unter anderem Lehrkräfte in Schleswig-Holstein dazu auf, beim Bildungsministerium Anzeige wegen Überlastung  zu stellen, und unterstützt in Niedersachsen Lehrkräfte, die vor Gericht gegen die ihrer Meinung nach zu hohe Arbeitsbelastung vorgehen.

sun/dpa
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