Helge Braun und seine Doktorarbeit »Das ist ein Aufwand von einem Nachmittag«

Helge Braun wird seinen Doktortitel nicht verlieren, aber er muss sich noch mal an die Arbeit setzen und eine korrigierte Fassung abgeben. Der Präsident der Uni Gießen, Joybrato Mukherjee, erklärt, was der Kanzleramtschef dafür zu tun hat.
Ein Interview von Kristin Haug
Helge Braun muss seine Dissertation nacharbeiten

Helge Braun muss seine Dissertation nacharbeiten

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Nach Franziska Giffey (SPD) ist erneut ein Toppolitiker wegen seiner Doktorarbeit in die Schlagzeilen geraten: Helge Braun (CDU). Der Kanzleramtschef hat in seiner Dissertation im Fach Medizin zwar nicht getäuscht, dennoch muss er Fehler in der Arbeit korrigieren, wie die Justus-Liebig-Universität Gießen am Mittwoch bekannt gegeben hat. Braun hatte seine Dissertation im Fach Medizin im Jahr 2007 an der Uni Gießen eingereicht. Thema ist der Einfluss von Herzrasen während einer Operation.

Die Universität hatte in den vergangenen Wochen geprüft, ob Ergebnisse der Dissertation zuvor in einer anderen Publikation veröffentlicht worden waren. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass das Vorgehen damals geübte Praxis in der Arbeitsgruppe gewesen sei. Allen beteiligten Autoren sei bekannt gewesen, dass die überwiegend von Braun erstellte Publikation im Nachgang in seine Dissertation münden sollte.

Da aber detaillierte Einzelnachweise zu der früheren Publikation an einigen Stellen fehlten, liege ein wissenschaftliches Fehlverhalten vor, erklärte die Kommission. Braun müsse daher die Dissertation an den betroffenen Stellen korrigieren. Dafür hat er nun sechs Monate Zeit. Braun, rechte Hand von Kanzlerin Angela Merkel (CDU), organisiert federführend die Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie.

Erst vor zwei Wochen hatte Franziska Giffey die Konsequenzen aus der Plagiatsaffäre um ihre Dissertation gezogen und war als Bundesfamilienministerin zurückgetreten. Die Freie Universität Berlin (FU) hatte Giffey zuvor eine Rüge ausgesprochen, die sie dann aber zurückziehen musste, weil die rechtliche Grundlage dafür fehlte. Die FU prüfte die Arbeit erneut, veröffentlichte bislang aber noch kein neues Ergebnis.

Helge Braun wird seinen Doktortitel nicht verlieren, aber er muss sich noch mal an die Arbeit setzen und eine korrigierte Fassung abgeben.

SPIEGEL: Herr Mukherjee, glauben Sie daran, dass Helge Braun seine Dissertation persönlich überarbeiten wird?

Joybrato Mukherjee: Zunächst möchte ich hier noch einmal erläutern, dass die Prüfungskommission festgestellt hat, dass in diesem Fall keine Täuschungsabsicht vorliegt. Es geht auch nicht um eine inhaltliche Überarbeitung, sondern um eine korrekte Zitierweise. Hier sieht die Kommission an einigen Stellen Korrekturbedarf.

SPIEGEL: Die Universität war in den vergangenen Wochen Vorwürfen nachgegangen, wonach »substanzielle Ergebnisse der Dissertation« bereits zuvor in einer anderen Publikation veröffentlicht worden seien.

Mukherjee: Herr Braun hat in seiner Dissertation aus dem Jahr 2007 ausdrücklich auf die Vorpublikation von 2003 hingewiesen. Die Kommission hat allerdings festgestellt, dass Helge Braun – nach heutiger Sichtweise – an verschiedenen Stellen nicht ganz korrekt zitiert hat. Hier muss er entsprechende Zitierhinweise einfügen.

SPIEGEL: Von wie vielen kritischen Zitaten sprechen wir in diesem Fall?

Mukherjee: Das sind ungefähr zehn Textstellen. Ob man in diesem Fall also wirklich von einer »Überarbeitung« sprechen sollte, sei dahingestellt.

SPIEGEL: Aber er muss ja schon noch mal an seine Arbeit ran.

Mukherjee: Ja, an den genannten Stellen hätte man diese konkreten Hinweise gebraucht. Und diese Stellen hat die Kommission genau benannt. Der Mangel der Hinweise an diesen Stellen ist nach unserer Satzung ein wissenschaftliches Fehlverhalten, und diese Fehler müssen korrigiert werden.

SPIEGEL: Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Muss der Kanzleramtschef das selbst übernehmen oder kann das auch ein Assistent oder eine Assistentin für ihn tun?

Mukherjee: Die Arbeitsweise von Herrn Braun als Wissenschaftler kenne ich nicht. Aber das ist ein Aufwand von einem Nachmittag. Ich gehe davon aus, dass er sich umgehend darum kümmern will; er hat sich wohl öffentlich bereits dazu bekannt. Betroffene, die das in anderen Fällen tun mussten, haben das auch stets umgehend erledigt.

SPIEGEL: Muss Herr Braun unterschreiben, dass er die Zitierhinweise eigenhändig eingefügt hat?

Mukherjee: Er gibt die korrigierte Doktorarbeit ab und steht dafür ein. Zudem muss er erneut die Erklärung unterschreiben, dass er die Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen eigenständig angefertigt hat.

SPIEGEL: Muss er die korrigierte Dissertation dann auch persönlich in Gießen vorbeibringen?

Mukherjee: Nein, er muss nicht eigens herfahren. Aber das hat auch mit der Pandemie zu tun.

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