Samstagsunterricht in der Pandemie »Lehrerverbände können sich nicht jedes Mal verweigern«

Kinder in sozial benachteiligten Familien oder in Förderschulen würden in der Krise vergessen, mahnt der Chef des Deutschen Kinderschutzbundes. Er fordert Samstags- und Ferienunterricht.
Ein Interview von Kristin Haug
Ein Junge aus der dritten Klasse löst Aufgaben: »Große gesellschaftliche Aufgabe«

Ein Junge aus der dritten Klasse löst Aufgaben: »Große gesellschaftliche Aufgabe«

Foto: imago images / brennweiteffm

SPIEGEL: Welche Kinder leiden am meisten unter den Schulschließungen?

Heinz Hilgers: Die Kinder, die nicht am Distanzunterricht teilnehmen können, weil die Verhältnisse es nicht zulassen. Es ist ein riesiger Unterschied, ob Kinder während des Lockdowns mit drei Geschwistern auf 60 Quadratmetern im fünften Stock eines Plattenbaus aufwachsen oder in einem Einfamilienhaus mit Garten. Wenn die technische Ausstattung mangelhaft ist, sind sie vollkommen abgehängt. Aber es sind auch die Kinder benachteiligt, deren Eltern sie beim Lernen nicht unterstützen können.

SPIEGEL: Was kann digitaler Unterricht?

Hilgers: Selbst wenn der digitale Unterricht gut ist, kann er niemals den Präsenzunterricht ersetzen. Die Methodik und Didaktik, um guten Distanzunterricht zu geben, ist zum Beispiel für die ersten Jahrgänge der Grundschulen gar nicht entwickelt. Und was ist mit den Kindern in den Förderschulen? Ihre kognitiven Fähigkeiten werden durch praktische Tätigkeiten gefördert, durch Arbeiten in Werkstätten – auch dadurch lernen sie Sprache oder erkennen mathematische Prozesse. Doch praktische Übungen finden zurzeit nicht statt, und auf Distanz ist praktisches Arbeiten schwierig.

SPIEGEL: Welche Kinder sind noch besonders belastet?

Hilgers: Diejenigen, die in den Einrichtungen der Jugendhilfe sind, also in Obhut genommen werden mussten. Das System ist nicht darauf ausgerichtet, dass diese Kinder nicht in die Schule gehen. Das Personal reicht nicht. Wenn es dort einen Gruppenraum für zehn Kinder gibt und diese gehen auf acht verschiedene Schulen, dann wird der Distanzunterricht zu einer unlösbaren Sache.

SPIEGEL: Wie sollte die Politik gegensteuern?

Hilgers: Ich habe den Eindruck, die Bildungspolitik setzt darauf, dass 2021 ein normales Schuljahr wird. Das ist eine Fehleinschätzung, vor allem für die Kindergruppen, die ich genannt habe. Man muss jetzt Vorkehrungen treffen, die die Bildungsungerechtigkeit ausgleichen können. Die Schüler können das Schuljahr nicht einfach so wiederholen. So viel Lehrpersonal und so viele Räume sind gar nicht vorhanden. Die Kinder aus der Kita rücken ja nach.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

Hilgers: Benachteiligte Kinder müssen in Zukunft samstags und in den Ferien unterrichtet werden.

SPIEGEL: Wer soll die Schüler aber unterrichten?

Hilgers: Sozialpädagoginnen und Erzieherinnen jedenfalls nicht, bei denen herrscht ein größerer Personalmangel als bei den Lehrerinnen und Lehrern. Und Lehramtsanwärter sind zwar eine gute Idee, aber wir brauchen auch Qualität und Erfahrung für so eine Aufgabe.

SPIEGEL: Es sollen also Lehrerinnen und Lehrer samstags und in den Ferien unterrichten?

Hilgers: Es geht ja um eine große gesellschaftliche Aufgabe, da erwarte ich, dass die Lehrkräfte offen dafür sind. Deren Verbände können sich nicht jedes Mal verweigern. Wenn sie alles ablehnen außer Luftfilter, dann steht am Ende auch die Politik verzweifelt da. Lehrerinnen und Lehrer haben zwar einen Urlaubsanspruch, aber Schulferien sind nicht gleichbedeutend mit Urlaub, das ist unterrichtsfreie Zeit. Ein kleiner Teil davon muss dann eben für den Unterricht genutzt werden. In diesem Jahr werden vermutlich viele Jugendliche die Schule ohne oder mit einem schlechten Abschluss verlassen. Gerade benachteiligten Kindern und Jugendlichen fehlen viele Monate Unterricht. Aber Industrie und Handel werden ja nicht andere Eignungstests machen als in den Jahren zuvor.

SPIEGEL: Wie sollte die Politik darauf reagieren?

Hilgers: Die Bundesbildungsministerin müsste die Agentur für Arbeit und Wirtschaftsverbände zusammenrufen und die Frage stellen, wie wir es hinkriegen, dass jeder Jugendliche im Sommer eine Chance auf eine vernünftige Ausbildung hat. Sonst verlieren die Jugendlichen im Sommer den Anschluss und hängen vielleicht ein halbes oder ein ganzes Jahr herum. Dann sinken ihre Chancen drastisch, erfolgreich ins Berufsleben überzugehen. Es wird höchste Zeit, dass das jetzt geplant wird.

SPIEGEL: Was hat die Politik bislang falsch gemacht?

Hilgers: Es ist ein Trauerspiel, dass wir es in den Sommer- und Weihnachtsferien versäumt haben, uns vorzubereiten. Die Schulen hätten mit funktionierender Technik sowie entsprechender Didaktik und Methodik für den Distanzunterricht ausgestattet werden müssen. Die Pandemie hat gezeigt, welche digitalen Rückstände unser Bildungssystem hat. Wir haben viel nachzuholen.

SPIEGEL: Wie kann das abseits von Samstags- und Ferienunterricht gelingen?

Hilgers: Wir müssen ressourcenorientiert arbeiten. Uns nach den Stärken und Schwächen der Kinder richten. In sozialen Brennpunkten müssen wir die Schulen besser ausstatten: kleinere Klassen, mehr Lehrer pro Schüler, zusätzliche Sozialpädagogen. Vor allem in diesen Brennpunkten häufen sich die Probleme durch Corona ganz besonders.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.