Ifo-Bildungsbarometer Mehrheit will weniger Flickenteppich

Die Schulpolitik ist in Deutschland von Bundesland zu Bundesland verschieden. Viele Menschen wünschen sich mehr Einheitlichkeit - aber nicht in allen Bereichen.
Vielfalt im Bildungsföderalismus: Studie zeigt, dass Menschen mehr Vergleichbarkeit wollen (Symbolbild)

Vielfalt im Bildungsföderalismus: Studie zeigt, dass Menschen mehr Vergleichbarkeit wollen (Symbolbild)

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David-Wolfgang Ebener/ DPA

Deutschlands Schullandschaft wurde in der Coronakrise immer wieder als "Flickenteppich"  beschrieben. Weil Bildung Ländersache ist, sind 16 Kultusminister zuständig, und die legten im Umgang mit der Pandemie jeweils eigene Regeln fest. Stichwort: Maskenpflicht. Aber auch beim Abitur, bei Unterrichtsinhalten, Schulstrukturen oder der Ausbildung von Lehrkräften gibt es große Unterschiede. Ist das mehrheitlich so gewollt?

Wie die Deutschen zum Bildungsföderalismus stehen, hat ein Forscherteam um den Bildungsökonomen Ludger Wößmann bei einer Befragung von mehr als 10.000 Erwachsenen in diesem Sommer für das ifo-Bildungsbarometer ermittelt. Die Tendenz ist eindeutig: Eine Mehrheit wünscht sich weniger "Flickenteppich" und mehr Einheitlichkeit und Vergleichbarkeit im Bildungssystem. In einigen Punkten finden die Befragten regionale Zuständigkeiten jedoch richtig.

Schulfächer, Lehrpläne, Sommerferien

Wer soll entscheiden? 60 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, dass die wichtigsten bildungspolitischen Fragen vom Bund und nicht von den Ländern getroffen werden. Noch eindeutiger fällt das Ergebnis aus, wenn den Befragten vorab erklärt wurde, wie die Zuständigkeiten derzeit geregelt sind.

Viele Befragte fänden es auch gut, wenn sich der Bund an der Finanzierung von Kitas, Schulen und Hochschulen deutlich stärker beteiligen würde als bisher.

Wer soll was festlegen? In einigen Bereichen wünscht sich eine Mehrheit der Befragten durchaus, dass den Schulen viel Autonomie zugestanden wird. 63 Prozent fordern etwa, dass Schulen ihre Lehrkräfte selbst auswählen dürfen. Rund die Hälfte findet auch, Schulen sollten über ihr Budget bestimmen können.

Genauso viele sind jedoch der Meinung, dass Unterrichtsinhalte und Lehrpläne auf Bundesebene festgelegt werden sollten. Mehr als ein Drittel wünscht sich zudem, dass der Bund über Schulfächer, Schulbücher oder die Art von Tests und Prüfungen entscheidet.

Was soll vereinheitlicht werden? Aktuell ist der Bildungsföderalismus besonders spürbar, weil einige Schüler längst wieder zur Schule gehen, während andere noch Ferien machen. Der ifo-Studie zufolge stören sich die meisten Deutschen daran jedoch nicht. 64 Prozent sprechen sich gegen bundesweit gleichzeitige Sommerferien aus.

Fast genauso viele sind jedoch dafür, dass sich alle Bundesländer beim Ferienbeginn abwechseln - also auch Bayern und Baden-Württemberg, die das Privileg für sich beanspruchen, immer als letzte in die freie Zeit zu starten. Vor Corona war das unter den Kultusministern noch ein großer Zankapfel.

Sehr viel mehr Menschen treibt der Umfrage zufolge jedoch die Tatsache um, dass die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern nicht einheitlich geregelt ist. Eine Mehrheit von 90 Prozent spricht sich dafür aus, dies zu ändern. 85 Prozent finden, die Bundesländer müssten die Ausbildung der Lehrkräfte gegenseitig anerkennen. Dies ist bisher nicht überall der Fall.

Ob die Befragten grundsätzliche Unterschiede in der Schulpolitik, beispielsweise die Entscheidung für oder gegen das dreigliedrige Schulsystem, Angebote zur Ganztagsbetreuung oder im Umgang mit Inklusion, also dem gemeinsamen Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung, gutheißen oder eher ablehnen, wurde beim ifo-Bildungsbarometer nicht erfasst.

Bundesweit gleiche Tests in Deutsch und Mathematik

Sollen die Leistungen von Schülern vergleichbarer werden? Ja, die Vergleichbarkeit sei ihnen sehr oder eher wichtig, sagen 88 Prozent. Zu wenigen anderen Fragen fällt das Votum der Befragten so eindeutig aus. Bisher gibt es zwischen den Bundesländern nur wenige Vergleichstests, zumal an weiterführenden Schulen. Wissenschaftliche Bemühungen in diese Richtung kommen oft nur zögerlich voran.

Eine bundesländerspezifische Auswertung der Pisa-Studie  lehnten die Kultusminister vor einigen Jahren gar rundheraus ab. Gleichzeitig ist jedoch eins der Argumente für Bildungsföderalismus, die Länder könnten von den Unterschieden profitieren und lernen, was woanders gut oder schlecht funktioniert. Die Idee: besser werden durch Wettbewerb.

So sieht das womöglich auch eine Mehrheit der Befragten. 76 Prozent sprechen sich dafür aus, dass regelmäßig bundesweit gleiche Leistungstests geschrieben werden. Konkret geht es um Tests in Deutsch und Mathematik ab Klasse 5, die alle zwei Jahre durchgeführt werden sollen.

69 Prozent sind zudem dafür, dass in bestimmten Klassenstufen deutschlandweit einheitliche Klassenarbeiten in Deutsch und Mathematik geschrieben werden, die notenrelevant sind. Das Ergebnis soll mit ins Zeugnis einfließen. 16 Prozent sind gegen so eine Regelung.

Ein Forscherteam um Ludger Wößmann vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München erstellt regelmäßig das ifo-Bildungsbarometer. Vom 3. Juni bis zum 1. Juli 2020 wurden dieses Mal 10.338 Erwachsene im Alter von 18 bis 69 Jahren vor allem zum Bildungsföderalismus befragt.

Mehrheit für gemeinsames Kernabitur

Soll es deutschlandweit einheitliche Abschlüsse geben? Der Streit um die Vergleichbarkeit von Abitur-Prüfungen hat bisher medial und politisch wohl die größte Aufmerksamkeit bekommen. Die Kultusminister einigten sich in Teilen auf ein sogenanntes Zentralabitur. Dabei können - müssen aber nicht - Prüfungen in bestimmten Fächern aus einem gemeinsamen Aufgabenpool bestückt werden.

Gleich sind die Anforderungen damit längst nicht, wohl aber zählt überall der Abi-Schnitt bei der Vergabe von Studienplätzen. Kritiker finden das ungerecht, und auch eine Mehrheit der Befragten spricht sich für mehr Vergleichbarkeit aus. 80 Prozent sagen, die Bundesländer sollten dazu verpflichtet werden, einen Teil der Abituraufgaben bundesweit einheitlich zu stellen.

83 Prozent befürworten ein sogenanntes Kernabitur. Dabei soll rund ein Drittel der Aufgaben in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch deutschlandweit einheitlich sein. Fast genauso viele Befragte befürworten einen Vorschlag, der noch weitergeht: ein echtes Zentralabitur, bei dem die Prüfungen in allen Bundesländern einheitlich sind.

Die Autoren des ifo-Bildungsbarometers weisen darauf hin, dass es in Deutschland durchaus politische Bestrebungen gab und gibt, das Bildungssystem zu vereinheitlichen und mehr gemeinsame Standards festzulegen. Zum Beispiel die Initiative zur Gründung eines Nationalen Bildungsrates, der sich aus Wissenschaftlern, Politikern und anderen Bildungsakteuren zusammensetzen und unverbindliche Empfehlungen für die Bundesländer erarbeiten sollte.

70 Prozent für Nationalen Bildungsrat

Union und SPD hatten in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart, dass es so ein Gremium geben sollte. Verhandlungen in der Kultusministerkonferenz (KMK) scheiterten schließlich jedoch am Widerstand von Baden-Württemberg und Bayern. Das Gremium sei von Anfang an "eine unglückliche Idee gewesen", hieß es von Ministerpräsident Markus Söder, der zu niedrige Standards fürchtete.

Andere Kultusminister machten nach dem Aus für den Bildungsrat ihrem Ärger offen Luft. Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) kritisierte in einem SPIEGEL-Gastbeitrag: Die Art und Weise, wie der Nationale Bildungsrat beendet wurde, zeige das Problem der Bildungspolitik: "Man könnte sich schon einigen, aber einige wollen es einfach nicht."

70 Prozent der Befragten des ifo-Bildungsbarometers wären dafür, einen Nationalen Bildungsrat zu gründen. 83 Prozent sind auch sehr oder eher dafür, eine zweite politische Initiative für mehr Einheitlichkeit zu verfolgen: die Unterzeichnung eines Bildungsstaatsvertrags, der verbindliche Vorgaben für mehr Vergleichbarkeit regeln soll.

In der KMK wird derzeit zwar an einem Entwurf gearbeitet, ob und wann so ein Abkommen zustande kommt und wie verbindlich es dann wäre, ist aber noch ungewiss.

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