Bilanz nach zehn Jahren Inklusion Schüler mit Förderbedarf bleiben meist unter sich

Der Anteil der Kinder mit Förderbedarf, der an allgemeinen Schulen unterrichtet wird, ist in den vergangen zehn Jahren deutlich gestiegen. Doch die Zahlen sind nur auf den ersten Blick positiv.
Schüler mit Sehbehinderung: In einer Umfrage sprechen sich 56 Prozent der befragten Eltern dafür aus, Kinder mit Sinnesbeeinträchtigungen gemeinsam mit Kindern ohne Förderbedarf zu unterrichten

Schüler mit Sehbehinderung: In einer Umfrage sprechen sich 56 Prozent der befragten Eltern dafür aus, Kinder mit Sinnesbeeinträchtigungen gemeinsam mit Kindern ohne Förderbedarf zu unterrichten

Foto: A3250 Oliver Berg/ dpa

Beim gemeinsamen Lernen von Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behinderung gibt es einer Studie der Bertelsmann Stiftung  zufolge Fortschritte. Das zeigen Berechnungen auf Grundlage von Daten der Kultusministerkonferenz.

  • Demnach wurden im vergangenen Schuljahr 43 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf in den Jahrgangsstufen eins bis zehn an allgemeinen Schulen unterrichtet. 57 Prozent gingen auf Förderschulen.

  • Zehn Jahre zuvor hatten nur 19 Prozent der Betroffenen gemeinsam mit anderen Schülern in allgemeinen Schulen gelernt, 81 Prozent hatten Förderschulen besucht.

Allerdings stieg die Zahl der Schüler mit Förderbedarf in dieser Zeit von rund 472.000 auf knapp 545.000, während die Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler in den genannten Jahrgangsstufen von knapp 8 auf 7,4 Millionen sank.

Blickt man auf alle Schülerinnen und Schüler in Deutschland und berechnet den Anteil der Kinder aus den Jahrgangsstufen eins bis zehn, die an Förderschulen unterrichtet wurden, hat sich in Sachen Inklusion in den vergangenen zehn Jahren demnach nur wenig bewegt.

  • Im Schuljahr 2008/09 lag der Anteil der Schüler, die auf Förderschulen gingen, bei 4,8 Prozent.

  • Im Schuljahr 2018/2019 lag die sogenannte Exklusionsquote immer noch bei 4,2 Prozent.

  • Für das Schuljahr 2030/2031 prognostizieren die Studienmacher eine Stagnation der Quote von Schülern an Förderschulen bei 4,2 Prozent.

Große Mehrheit der Eltern für Inklusion - mit einer Ausnahme

Nicole Hollenbach-Biele, Co-Autorin der Studie, sieht "nach wie vor eine starke Tendenz, Schülerinnen und Schüler aus Grund- und weiterführenden Schulen auf eine Förderschule zu überweisen". Deutschland hinke insgesamt bei der Annäherung an die Vorgaben der Uno-Behindertenrechtskonvention hinterher. Deutschland hat die Konvention 2009 ratifiziert und damit auch dem Passus zugestimmt, dass Menschen nicht aufgrund einer Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden dürfen.

In einer für die Studie durchgeführten Umfrage von Eltern schulpflichtiger Kinder bis 16 Jahren plädierten nahezu alle Befragten (94 Prozent) für gemeinsames Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne körperliche Beeinträchtigung. Hohe Zustimmungswerte gab es auch für die Inklusion von Schülern mit Sprach- oder Lernschwierigkeiten (71 Prozent).

Die Inklusion von Kindern mit geistiger Behinderung oder mit Verhaltensauffälligkeiten im emotional-sozialen Bereich fand den Angaben zufolge in der Elternmeinung keine Mehrheit, hier sprachen sich nur 48 beziehungsweise 37 Prozent der Befragten für gemeinsamen Unterricht aus.

Dennoch sieht Bertelsmann-Vorstand Jörg Dräger eine grundsätzlich positive Stimmung im Hinblick auf die schulische Inklusion. "Die Politik sollte sich diesen Rückenwind zunutze machen und in den nächsten Jahren deutlich mehr Mut zur Inklusion zeigen", sagt Dräger. Die positive Haltung der Eltern decke sich mit den Forschungsergebnissen. Demnach profitierten Schüler mit besonderen Bedarfen von dem gemeinsamen Unterricht, während für die anderen Schüler fachlich keine Nachteile erkennbar seien. Sozial profitierten sie ebenfalls.

sun/dpa/AFP
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