Studien zu Inklusion Schwierige Schüler werden offenbar vermehrt als »geistig behindert« etikettiert

Die Schülerzahlen gehen zurück, die Zahl der Förderschüler aber bleibt gleich: Eine Studie zeigt, dass es bei der Schulverteilung wohl nicht nur um den Bedarf der Jugendlichen geht.
»Solange ein stark ausgebautes Förderschulnetz vorhanden ist, wird schulische Inklusion erschwert«: Schüler in einer Förderschule (Archivbild)

»Solange ein stark ausgebautes Förderschulnetz vorhanden ist, wird schulische Inklusion erschwert«: Schüler in einer Förderschule (Archivbild)

Foto: A3250 Oliver Berg/ dpa

Von 1995 bis 2017 ist der Anteil der offiziell als »geistig behindert« eingestuften Kinder und Jugendlichen in allen Bundesländern massiv gestiegen, außer in Hamburg und Bremen. Bildungsforscher führen das jedoch nicht auf mehr Erkrankungen zurück, sondern darauf, dass offenbar die vorhandenen Förderschulplätze ausgelastet werden sollten – auch dann, wenn die Gesamtzahl der Schülerinnen und Schüler sank und deshalb eigentlich auch die Zahl der diagnostizierten Förderschüler hätte sinken müssen.

Das geht aus einer aktuellen Studie  hervor, die Marcel Helbig und Sebastian Steinmetz, Forscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und am Leibniz Institut für Bildungsverläufe in Bamberg, veröffentlicht haben. Demnach hängt die Wahrscheinlichkeit, eine Förderschule besuchen zu müssen, vor allem von den Schülerzahlen vor Ort und vom vorhandenen Förderschulangebot in der Region ab – und nicht vom Bedarf des einzelnen Schülers oder der einzelnen Schülerin.

»Besonders auffällig ist das in Ostdeutschland«, sagt Marcel Helbig, »hier ist die Zahl der Kinder, die als geistig behindert eingestuft wurden, konstant geblieben, obwohl die Schülerzahl um die Hälfte einbrach.« In der Folge sei zum Beispiel in Thüringen, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern der Anteil von Kindern, die im Förderschwerpunkt »Geistige Entwicklung« unterrichtet werden, bis 2017 um mehr als hundert Prozent gestiegen.

»Selbsterhaltungsinteresse des Förderschulsystems«

Dass es dafür medizinische Gründe gebe, sei unwahrscheinlich, sagen die Forscher. »Es gibt Belege dafür, dass die Förderschulen mit der Ratifizierung der Uno-Behindertenrechtskonvention dazu übergegangen sind, schwierige Förderschüler aus dem Schwerpunkt ›Lernen‹ in den Bereich ›Geistige Entwicklung‹ zu verweisen«, sagt Sebastian Steinmetz. Die Bildungsforscher sprechen von einem »starken Selbsterhaltungsinteresse des Förderschulsystems«.

Das wird auch durch andere Zahlen belegt: Trotz der bereits 2008 verabschiedeten Konvention, die unter anderem das Recht auf den Besuch einer Regelschule auch für Kinder und Jugendliche mit Förderbedarf garantiert, sank bis 2017 nur in 51,5 Prozent der Kreise in Deutschland die Anzahl der Förderschulen. Das aber, sagt Marcel Helbig, sei ein Problem: »Solange ein stark ausgebautes Förderschulnetz vorhanden ist, wird schulische Inklusion erschwert.«

Hinzu kommt: Die Einrichtung von Förderschulen und die Zuweisung von Kindern und Jugendlichen kann die soziale Spaltung der Schülerschaft fördern. In einer weiteren Studie  haben Steinmetz und Helbig dazu die Situation in Rheinland-Pfalz genauer untersucht. Das Bundesland ist das einzige, das gemeinsamen Schulunterricht von Kindern mit und ohne Behinderung nicht flächendeckend anbietet, sondern fast ausschließlich an ausgewählten Schwerpunktschulen.

Forscher für Abschaffung der Schwerpunktschulen

»Dieses Konzept geht jedoch zulasten des sozialen Miteinanders«, stellen die Bildungsforscher fest. So stiegen die Armutsquoten in städtischen Grundschulen mit Förderschwerpunkt stärker an als in anderen Schulen. Man könne das als »Flucht der Mittelschicht von inklusiv unterrichtenden Schulen« interpretieren, sagt Marcel Helbig. Die amtliche Schulstatistik zeige auch, wie ungerecht die Entscheidungen für die Schwerpunktschulen ausgefallen seien: Schon bei der Umwandlung in Schwerpunktschulen ab 2012 seien die ausgewählten Grundschulen deutlich stärker sozial belastet gewesen als andere Einrichtungen.

Auch danach sei der Anteil von Kindern aus einkommensschwachen Familien an den inklusiven Schwerpunktschulen in Rheinland-Pfalz und damit die Armutsquote überdurchschnittlich gewachsen. »Vor allem in den Städten hat sich damit das Problem der sozialen Segregation im Grundschulwesen verschärft«, schreiben Steinmetz und Helbig. Hier habe sich der Anteil armer Kinder zwischen Schwerpunktschulen und Nichtschwerpunktschulen im vergangenen Jahrzehnt auf zwölf Prozentpunkte verdoppelt.

Die Schwerpunktschulen stünden damit vor der Aufgabe, eine doppelte Integrationsleistung schultern zu müssen: eine pädagogische und eine soziale. »Das geht zulasten der Chancengerechtigkeit und zeigt, dass halbherzige Inklusion nicht intendierte soziale Folgen haben kann«, ergänzt Helbig. Die Forscher sprechen sich daher für die Abschaffung der Schwerpunktschulen zugunsten eines inklusiven Unterrichts an allen Schulen aus.

Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin  hatte bereits zuvor gezeigt, dass Rheinland-Pfalz neben Bayern und Baden-Württemberg zu den bundesweiten Schlusslichtern bei der Umsetzung schulischer Inklusion gehört. Die drei Bundesländer seien demnach »weitgehend untätig geblieben« und verletzten »systematisch die Anforderungen der Uno-Behindertenrechtskonvention zur Schaffung eines inklusiven Bildungssystems«, heißt es in der Untersuchung.

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