Uni-Prüfungen in der Coronakrise Jurastudent klagt gegen Videoaufzeichnung der Fernuni Hagen

Wer Onlineklausuren schreibt, soll in einigen Kursen der Fernuni Hagen per Videoaufzeichnung überwacht werden – ein Eingriff in die Grundrechte, sagt ein Student und klagt. Viel Zeit bleibt nicht: Die Prüfung ist am 8. März.
Ein junger Mann bildet sich weiter – und hat viel Platz zum Studieren (Symbolfoto)

Ein junger Mann bildet sich weiter – und hat viel Platz zum Studieren (Symbolfoto)

Foto: Justin Paget / Getty Images

Weil die Fernuni Hagen angekündigt hat, ihn während einer Onlineklausur permanent über die Webcam zu filmen und diese Aufnahmen auch zu speichern, hat ein Jurastudent einen Eilantrag beim nordrhein-westfälischen Oberverwaltungsgericht in Münster eingereicht.

»In der Coronakrise hat die Fernuni viele Dinge wirklich gut und pragmatisch geregelt«, sagte der 31-Jährige dem SPIEGEL, »hier schießt sie aber weit über das Ziel hinaus.«

Mit Berufung auf die spezielle Corona-Ordnung der Hochschule sollen die Klausurteilnehmer überwacht werden. Dafür werden sie während der gesamten Zeit gefilmt, um mögliche Unregelmäßigkeiten oder Täuschungsversuche auch im Nachhinein erkennen zu können. Außerdem soll das Mikrofon aktiviert und der Bildschirm geteilt werden.

»Wann die Aufnahmen gelöscht werden, ist unklar«

»Wann die Aufnahmen gelöscht werden, ist unklar«, sagt der angehende Jurist, der sein Studium nebenberuflich betreibt und kurz vor der Zulassung zum ersten Staatsexamen steht. Unterstützt wird der 31-Jährige bei seiner Klage von der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF).

»Das geplante Vorgehen der Hochschule verstößt nach unserer Auffassung gegen die Datenschutzgrundverordnung und gegen das Recht auf informationelle Selbstbestimmung«, sagt GFF-Jurist David Werdermann. Um Täuschungsversuche aufzudecken, würde auch eine bloße Videoübertragung ausreichen.

»Angeblich freiwillig«

Fernuni-Rektorin Ada Pellert reagierte auf die Klage leicht verstimmt. »Schade, dass geklagt statt geredet wird«, twitterte sie und verwies darauf, dass die Onlineprüfung zu Hause ein Angebot sei, »das viele Studierenden in einer für alle nicht einfachen Zeit sehr begrüßt haben«.

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Auch andere Hochschulen hatten in den vergangenen Monaten mit der Videoüberwachung bei Onlineklausuren experimentiert, etwa die Bucerius Law School in Hamburg. »Die entstandene Notfalllösung war damals ein Pilotprojekt, ohne dass man auf praktische oder datenschutzrechtliche Vorkenntnisse zurückgreifen konnte«, sagt Hochschulsprecher Jonathan Schramm.

»Klarere datenschutzrechtliche Rahmenbedingungen wären sicherlich sinnvoll«

Die Bucerius Law School habe sich in den vergangenen Monaten mit vielen staatlichen Stellen beraten, letztlich seien aber immer noch viele Fragen offen . »Klarere datenschutzrechtliche Rahmenbedingungen für die Durchführung von Onlineklausuren wären sicherlich sinnvoll«, sagt Schramm.

Auch der studentische Dachverband Freier Zusammenschluss von Student*innenschaften (fzs) mahnt dringenden Regelungsbedarf für Onlineprüfungen und die dabei genutzte Audio- und Videoüberwachung an. »Diese Art der Überwachung stellt einen erheblichen und rechtlich zweifelhaften Eingriff in Datenschutz und Privatsphäre der Studierenden dar«, sagt fzs-Vorstandsmitglied Iris Kimizoglu.

Dabei geht es auch anders. »Die Fernuni Hagen selbst hat im vergangenen Semester auch Onlineklausuren ohne Überwachung schreiben lassen«, sagt der 31-jährige Kläger im Gespräch mit dem SPIEGEL. Und sogar mit Open-Book-Prüfungen sei, im Fach Jura bisher eher unüblich, gearbeitet worden: Dabei dürfen die Studierenden während der Bearbeitungszeit alle Quellen nutzen, die ihnen sinnvoll erscheinen.

Die Strafrechtsklausur, über die in den kommenden Tagen das Oberverwaltungsgericht entscheiden muss, ist für den 8. März angesetzt. Ein bisschen stressig sei es schon, sich einerseits auf diese Prüfung vorzubereiten und andererseits den Eilantrag bei Gericht zu vertreten, sagt der Jurastudent: »Aber die Grundrechtseingriffe sind einfach zu offensichtlich, dagegen muss man sich wehren.«