Nach Cyberangriff Wie die Uni Gießen auch offline funktioniert

Nach einem Hackerangriff schaltete die Justus-Liebig-Universität alle Systeme ab - wochenlang lief alles ohne Computer. Für die Studierenden hatte das auch Vorteile.
Ein Interview von Silke Fokken
Weil Unbekannte die Uni Gießen mit einer Schadsoftware attackierten, nahm die Hochschule alle Systeme vom Netz

Weil Unbekannte die Uni Gießen mit einer Schadsoftware attackierten, nahm die Hochschule alle Systeme vom Netz

Foto: Schepp/ imago images

Sie hatten keinen Zugang zu E-Mails, zu internen Netzwerken, zum Internet: Wochenlang erlebten Studierende der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) einen Rückfall ins analoge Zeitalter. "Die Hochschule war komplett offline", so beschreibt es eine Sprecherin dem SPIEGEL. Bücherausleihe, Prüfungs- und Personalverwaltung, Buchhaltung - alles lief ohne Computer. Studierende hatten weder Zugang zu Noten noch zu digitalen Lehrmaterialien.

Der Grund: ein schwerwiegender IT-Sicherheitsvorfall. Am 8. Dezember hatten unbekannte Hacker die Schadsoftware "Ryuk" zum Einsatz gebracht. Uni-Präsident Joybrato Mukherjee sprach von einer "niederträchtigen kriminellen Attacke". Die Hochschule fuhr sofort alle Server herunter und trennte ihre Systeme vom Netz. Mukherjee rief den "digitalen Notstand" aus. Plötzlich lief alles nur noch analog ab.

Kurz bevor die Vorlesungen am 13. Januar beginnen, nimmt die Uni den digitalen Betrieb jetzt zumindest in Teilen langsam wieder auf. Die meisten Studierenden und Beschäftigten können den Angaben zufolge  aus Netzen außerhalb der JLU wieder E-Mails verschicken. Bisher können sich jedoch nur diejenigen einloggen, die sich vor Weihnachten persönlich ein neues Passwort bei der Verwaltung abholen durften. Rund 60 Prozent der Passwörter wurden bisher neu vergeben, eine weitere Ausgaberunde ist der Uni zufolge für Montag vorgesehen.

Seit Anfang der Woche läuft die Lehrplattform Stud.IP wieder. Die Anmeldung zu Prüfungen wird darüber abgewickelt, Noten und digitale Lehrmaterialien sind hier hinterlegt. Auch die Website der Hochschule ist wieder online, kann aber noch nicht in allen Bereichen aktualisiert werden. Die Bibliotheksausleihe soll ab kommender Woche wieder digital laufen, auch vollständiger Zugang zum Internet soll dann schrittweise wieder hergestellt werden.

"Solange wir kein Internet haben, kann von digitaler Normalität für die gesamte Universität natürlich keine Rede sein", teilte die Sprecherin mit. "Wir gehen aktuell davon aus, dass wir bis Mitte/Ende Februar aus dem Gröbsten heraus sein werden." Die Folgen des Cyber-Angriffs würden allerdings noch Monate zu spüren sein. 

Immerhin: Durch die Hackerattacke seien keine Daten gelöscht oder verschlüsselt worden. Das war eine der größten Sorgen von Studierenden wie Andrea Barany, Psychologie-Studentin im Master-Studium und Mitglied im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA).

DER SPIEGEL: Frau Barany, was war Ihr erster Gedanke bei der Nachricht vom Hackerangriff?

Andrea Barany: Was mich persönlich betrifft, hatte ich anfangs große Angst, dass all meine Noten und Prüfungsergebnisse gelöscht oder verändert worden sein könnten. Ich stehe kurz vor dem Abschluss meines Studiums. Wie hätte ich beweisen sollen, dass ich alle nötigen Klausuren bestanden oder welche Zensuren ich habe? Diese Daten sind ja alle nur digital hinterlegt. Zum Glück war meine Sorge unbegründet.

ZUR PERSON
Andrea Barany studiert an der Justus-Liebig-Universität Gießen Psychologie und ist Mitglied im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA).

Andrea Barany studiert an der Justus-Liebig-Universität Gießen Psychologie und ist Mitglied im Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA).

Foto: privat

DER SPIEGEL: Wie analog geht es an der Uni Gießen im Moment noch zu?

Barany: In der Universitätsbibliothek wird zum Beispiel immer noch mit Zetteln bei der Ausleihe gearbeitet, und das ist bereits ein Fortschritt. Kurz nach dem Hackerangriff konnten wir weder Bücher ausleihen noch herausfinden, wo welche Bücher stehen. Das ganze System ist ja digital organisiert. Ohne Computer mussten wir am Regal suchen und konnten vor Ort lesen, durften aber keine Bücher mit nach Hause nehmen. Netterweise durften wir das Angebot der Uni Marburg nutzen, die nicht weit von Gießen entfernt liegt.

DER SPIEGEL: Klingt aufwendig.

Barany: Es war und ist immer noch ein Ausnahmezustand, aber ich finde den auch spannend. Mir ist sehr bewusst geworden, dass der Uni-Betrieb bei uns sonst komplett digital organisiert ist. Das fängt schon damit an, dass es einige Zeit gedauert hat, bis ich überhaupt wusste, dass es einen Hackerangriff gab. Die allermeisten Infos bekommen wir sonst auf digitalem Weg.

DER SPIEGEL: Hat der Offline-Modus auch Vorteile?

Barany: Einige. Ich habe zum Beispiel vor der Cyberattacke Bücher in der Bibliothek ausgeliehen. Normalerweise lasse ich mich per E-Mail erinnern, wann ich die zurückgeben muss, aber das fällt ja nun aus. Außerdem ist das Rückgabedatum nur digital vermerkt, und in das System hat gerade keiner Einblick. Dadurch hat sich für mich die Frist indirekt verlängert. Ich kenne außerdem mehrere Studierende, die sich freuen, weil sie sich nicht digital für Klausuren anmelden mussten.

DER SPIEGEL: Warum freuen die sich?

Barany: Normalerweise gilt: Wer sich anmeldet, dann aber nicht hingeht, bei dem wird das als fehlgeschlagener Versuch gewertet. So konnten Studierende hingehen oder eben nicht. Das alles mal nicht ganz so streng reguliert ist, haben viele Studierende als sehr entspannt empfunden.

DER SPIEGEL: Die "Digital Natives" entdecken das Analoge?

Barany: Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass wir an der Uni durch den Vorfall alle näher zusammengerückt sind. Wir haben viel mehr persönlich miteinander geredet als sonst. Ich habe auch deutlich öfter telefoniert. Wir mussten außerdem erfinderisch sein. In den Lehrveranstaltungen wurde viel improvisiert. In den Gängen gab es handschriftlich geschriebene Aushänge. Beim AStA haben wir kurzerhand eine neue Mail-Adresse eingerichtet, und ansonsten wurde viel bei Twitter über #jluoffline kommuniziert.

DER SPIEGEL: Es geht also auch ohne digitale Netzwerke der Uni.

Barany: Vorübergehend, ja. Aber es ist auch gut, dass die Systeme jetzt langsam wieder ans Laufen kommen, weil das natürlich viele Abläufe einfacher und schneller macht. Ich habe großen Respekt vor der Leistung der IT-Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Man darf nicht vergessen, dass wissenschaftliches Arbeiten durch den Hackerangriff stark ausgebremst wurde oder sogar zum Stillstand gekommen ist. Dadurch ist ein immenser Schaden entstanden.

fok
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