Kinder- und Jugendbericht "Politische Bildung ist nicht neutral"

Die Vielfalt in der politischen Bildung ist in Gefahr – zu diesem Schluss kommt eine unabhängige Kommission. Und fordert, dass Schulen dies mehr in den Blick nehmen sollen. Lob geht an Bewegungen wie Fridays for Future.
"In Zeiten von PISA diskutieren wir immer nur über Mathe und Deutsch": Politische Bildung habe den Ruf, nicht so wichtig zu sein

"In Zeiten von PISA diskutieren wir immer nur über Mathe und Deutsch": Politische Bildung habe den Ruf, nicht so wichtig zu sein

Foto: izusek / Getty Images

Der Satz steht erst auf Seite 47 des 647-seitigen Berichts, aber er ist zentral: "Politische Bildung ist nicht neutral". Das stellten auch die Vertreter einer unabhängigen Sachverständigenkommission im Auftrag der Bundesregierung heraus, die am Mittwoch den aktuellen Kinder- und Jugendbericht  vorstellten. Schwerpunkt des alle drei bis vier Jahre erscheinenden Berichts ist diesmal die Förderung demokratischer Bildung. Hier bescheinigten die Autoren vor allem den Schulen ein Defizit.

"Wir fordern an Schulen pro Woche zwei Stunden 'politische Bildung' und mehr Mitbestimmung", sagte der Vorsitzende der Berichtskommission, Christian Palentien, Professor für Erziehungs- und Bildungswissenschaften der Universität Bremen. Grund für den höheren Bedarf seien die Herausforderungen durch Globalisierung und Klimawandel sowie die Gefährdung der Demokratie durch Populismus und Extremismus, mit denen Kinder und Jugendliche schon relativ früh konfrontiert würden.

Dabei sei es aber ein Missverständnis, dass sich Lehrkräfte in diesen Fragen neutral verhalten müssten, wie in der Vergangenheit etwa durch die Lehrerpranger der AfD suggeriert worden sei, stellt der Bericht klar. Lehrerinnen und Lehrer seien den demokratischen Werten und den Menschenrechten verpflichtet und müssten sich gegen Diskriminierung und Rassismus positionieren. 

Erziehung zur Mündigkeit

Ziel des Unterrichts sollte sein, die Schülerinnen und Schüler mündig zu machen, sodass sie sich ihr eigenes Urteil bilden und partizipieren können. Es gehe nicht vorrangig um die Vermittlung von messbaren Fakten. "In Zeiten von PISA diskutieren wir immer nur über Mathe und Deutsch", kritisierte Palentien. Politische Bildung habe den Ruf, nicht so wichtig zu sein. Das sei falsch und müsse bereits an den Grundschulen korrigiert werden. Dort werde im Sachunterricht ebenfalls mit Blick auf die Schultests eher Naturwissenschaftliches als Soziales behandelt. Zudem forderte die Kommission, auch die praktische politische Bildung etwa durch die Schülermitbestimmung an den Schulen zu stärken.

Dass die politische Bildung an Schulen so zentral sei in ihrer Kritik, begründete die Kommission mit dem Feedback, das sie von Jugendlichen selbst bekommen habe. Die Sachverständigenkommission setzt sich zwar vorrangig aus Vertretern der Wissenschaft zusammen. Vertreten waren für diese Ausgabe aber auch Verbände, die für die Jugendarbeit relevant sind. Und in Gesprächen und Workshops wurden die Einschätzungen und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen erfragt. Dabei sei herausgekommen, dass die Schule als Ort für politische Bildung besonders wichtig sei.

Darüber hinaus spiele sich politische Bildung aber bei der Zielgruppe der 0- bis 27-Jährigen natürlich auch in allen Lebensbereichen ab: angefangen bei der Familie über Kita, Schule, Ausbildung oder Hochschule bis hin zu Jugend- und Parteienarbeit, Freiwilligendiensten und der Bundeswehr sowie sozialer Bewegung und digitalen Medien.

Zentrale Kritikpunkte dabei:

  • In Bezug auf die Rolle der Familien schließt sich der Bericht der Kritik daran an, dass Bildungschancen in Deutschland nach wie vor zu stark an die familiären Lebensumstände der Kinder gekoppelt seien. Das wirke sich auch darauf aus, welche für die eigene politische Haltung wichtigen Erfahrungen Kinder und Jugendliche in ihren Familien machen können.

  • In den Kitas sollten schon die Kleinsten die Erfahrung machen, ernst genommen zu werden und Gehör zu finden. Das lege den Grundstein für ein demokratisches Verständnis.

  • Bei der beruflichen Bildung sollten demokratiepraktische Fragen wie Steuern und soziale Sicherung stärker fokussiert werden; Gewerkschaften sollten auch Azubis und junge Arbeitnehmer mehr in den Blick nehmen.

  • Für die Hochschulen empfiehlt die Kommission, mehr Freiräume für vorhandene Beteiligungsformate wie die Studierendenvertretung vorzusehen und politische Bildung in die Curricula aller Studiengänge aufzunehmen.

  • An die politischen Parteien gerichtet, kritisiert die Kommission, sie hätten die Bildung zu wenig im Blick und setzen vor allem auf Nachwuchsgewinnung. Besser sei dies bei den parteinahen Stiftungen. Hier fordert die Kommission allerdings eine stärkere Kooperation mit anderen Bereichen der Jugendbildung.  

  • Bei Freiwilligendiensten müsse noch mehr dafür getan werden, dass diese Angebote von jungen Menschen unabhängig von ihrer Herkunfts- oder Bildungsbiografie angenommen würden.  

  • In Bezug auf die Bundeswehr sei es wichtig, dass sie jungen Menschen etwa an Schulen vorgestellt werde, allerdings müsse dabei streng auf Rekrutierung verzichtet werden. In der Organisation selbst müssten extremistische Einstellungen zudem systematisch beobachtet werden.

  • Und angesichts der Bedeutung sozialer Medien für die politische Bildung forderte die Kommission die Vermittlung von mehr Medienkompetenz.

Protesten und sozialen Bewegungen, wie etwa Fridays for Future, bescheinigt der Bericht hingegen ein großes Potenzial für die politische Bildung. Das Engagement sollte noch mehr unterstützt werden, etwa durch die Bereitstellung von Räumen.

Außerdem forderten die Kommissionsmitglieder, das Wahlalter auf 16 Jahre abzusenken. Dem schloss sich auch Familienministerin Franziska Giffey an, deren Ministerium die Kinder- und Jugendberichte in Auftrag gibt. Sie versprach, dass sich die Politik mit den Empfehlungen auseinandersetze. Die Kritik solle nicht verpuffen.

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