Debatte über Kita-Öffnungen Welche Kinder dürfen zuerst wieder rein?

An diesem Mittwoch beraten Bund und Länder über schrittweise Kita-Öffnungen. Schon vorab ist klar: Selbst bei einer Ausweitung der Notbetreuung sind die Plätze sehr begrenzt. Wie sollen sie in der Praxis verteilt werden?
Kita Moorwisch in Hamburg: Die Notbetreuung wurde hier bereits ausgeweitet

Kita Moorwisch in Hamburg: Die Notbetreuung wurde hier bereits ausgeweitet

Foto: Silke Fokken/ DER SPIEGEL

Ein Kameraschwenk über die leere Sandkiste, die bunten Stühle, auf denen niemand sitzt, und das Spielhaus, aus dem kein Kind herausguckt: So beginnt eine Videobotschaft von Ulrike Kloiber, Chefin der Hamburger Kindertagesstätte Moorwisch, an die Eltern. "Die spannende Frage, die sich viele stellen, ist ja: 'Wann darf mein Kind wieder in die Kita?'", sagt Kloiber in die Kamera und gibt, filmisch aufbereitet, Antworten.

Eltern dürften ihr Kind zum Beispiel bringen, wenn sie zum Arzt gehen müssten, sagt Kloiber, während eine Playmobil-Ärztin ins Bild guckt. Oder wenn sie ohne Kinder im Supermarkt einkaufen wollten. Oder, sagt Kloiber, wenn es zu Hause nur noch Streit gebe, sollten Eltern ihr Kind ruhig mal für zwei bis drei Stunden in die Kita bringen. Dazu hält sie ein Comicbild in die Kamera, auf dem Homer Simpson seinem Sohn Bart an die Gurgel geht.

Schwenk zu Kloibers Mitarbeiter Norbert Gantenberg: Wenn Eltern arbeiten müssten oder aber Kinder gar nicht mehr von Handy, Spielkonsole oder Fernseher wegzubekommen seien, dann dürften sie die Kleinen ebenfalls in die Notbetreuung bringen, sagt er.

Ulrike Kloiber, Leiterin des Luruper Bildungshauses in der Trägerschaft der Ev. Stiftung Alsterdorf

Ulrike Kloiber, Leiterin des Luruper Bildungshauses in der Trägerschaft der Ev. Stiftung Alsterdorf

Foto: Silke Fokken/ DER SPIEGEL

Auf den ersten Blick scheinen dies ganz eigene Regeln zu sein. Regeln, die mit den Empfehlungen der Familienminister zur Frage der schrittweisen Kita-Öffnungen in Deutschland wenig zu tun haben. Die Politiker hatten ein 18-seitiges Papier für die Beratungen von Kanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten an diesem Mittwoch vorgelegt.

Die Prioritätenliste der Minister

Fest steht schon vorab: Solange die Einrichtungen wegen der Corona-Pandemie nur im Sinne einer erweiterten Notbetreuung öffnen, ist das Angebot an Betreuungsplätzen begrenzt. Die Minister listen deshalb auf, für welche Kinder sie den Kita-Besuch mit Blick auf ihre Entwicklung für besonders dringlich halten. Dazu gehören:

  • Kinder aus sozial benachteiligten Familien, die etwa armutsgefährdet sind. Als "anspruchsberechtigt" könnten zum Beispiel Kinder gelten, deren Eltern Arbeitslosengeld II beziehen, heißt es in dem Papier.

  • Kinder von Eltern mit psychischen oder körperlichen Erkrankungen,

  • Kinder, die nicht gut Deutsch sprechen und Förderbedarf haben,

  • Kinder im Vorschulalter, die auf die Schule vorbereitet werden sollen.

Den Empfehlungen zufolge soll nicht nur der Betreuungsbedarf von Familien besonders berücksichtigt werden, die in "systemrelevanten Bereichen" arbeiten, sondern auch von Alleinerziehenden und Eltern, die beide berufstätig sind. Elternteile, die neben der Kinderbetreuung noch einen Angehörigen pflegen, bräuchten ebenfalls Entlastung.

Wenn all diese Menschen in die Notbetreuung drängen, könnte es allerdings eng werden. Welche Eltern dürfen also ihr Kind bringen, mit welcher Legitimation und wer entscheidet darüber? Den Familienministern zufolge sollen letztlich die Länder die Regeln dafür aufstellen. Das sieht auch eine Beschlussvorlage vor, die vor der Merkel-Schalte bekannt wurde.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Länder haben teilweise schon Fakten geschaffen

Stigmatisierung, dazu sollte es bei der Vergabe der Plätze in der Notbetreuung nicht kommen, da sind sich Fachleute und Politiker einig. Aber wer am Ende über die Platzvergabe entscheidet und nach welchen Kriterien, ist noch nicht überall in Deutschland geklärt, wie Björn Köhler von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) dem SPIEGEL sagt.

Bisher sei es meist unproblematisch für Eltern, ihre Kinder in die Notbetreuung zu bringen, auch wenn sie die Kriterien formal nicht erfüllten, weil nur wenige Familien von dem Angebot Gebrauch gemacht hätten. Das könnte sich nun aber ändern.

Viele Bundesländer haben noch vor der Merkel-Schalte Fakten geschaffen und die Notbetreuung ausgeweitet, unter anderem für Alleinerziehende und Eltern von Kindern mit hohem Förderbedarf. Teilweise schickt auch das Jugendamt Kinder in die Kita, wenn die Lage zu Hause zu eskalieren droht.

Köhler sagt, die Lage in den Bundesländern sei sehr unterschiedlich. Mancherorts sei das Angebot einer Notbetreuung größer als die Nachfrage. Andere Einrichtungen hätten den Betrieb schon auf 40 Prozent wieder hochgefahren. Köhler sagt, "die Bundesländer müssen Prioritäten setzen und beobachten, was das System Kita aushält." Der Gesundheitsschutz ist für den Gewerkschafter dabei maßgebend.

Desinfektionsmittel am Eingang der Kita Moorwisch: Hier wird sehr auf Infektionsschutz geachtet

Desinfektionsmittel am Eingang der Kita Moorwisch: Hier wird sehr auf Infektionsschutz geachtet

Foto: Silke Fokken/ DER SPIEGEL

Es müsse außerdem objektive Kriterien für die Platzvergabe in der Notbetreuung geben. "Das wird schwierig, weil immer die individuelle Situation einer Familie zu bewerten ist", räumt Köhler ein, "aber es darf nicht der Eindruck entstehen, dass eine Kita-Leitung eine persönliche Auswahl trifft und Eltern gegenüber scheinbar willkürlich entscheidet: 'Jenes Kind darf kommen, aber deins nicht.'"

"Ich gehe davon aus, dass alle Eltern ihr Bestes geben"

In der Hamburger Kindertagesstätte Moorwisch sieht Kita-Leiterin Ulrike Kloiber das genauso. Formale Kriterien findet sie jedoch schwierig, auch wenn sie in ihrer Einrichtung viele Familien anspricht, die in der Politik unter der Rubrik "sozial benachteiligt", "schlechte Deutschkenntnisse" oder "berufstätig" laufen. Bei Kloiber klingt das nur anders, nach viel Verständnis für Familien, die besonders belastet sind, egal warum.

"Ich gehe davon aus, dass alle Eltern ihr Bestes geben, um sich gut um ihre Kinder zu kümmern. Aber wenn jemand nicht mehr geben kann, braucht er oder sie Hilfe", sagt sie bei einem Rundgang durch die Kita, die zum Bildungshaus Lurup mit angegliederter Grundschule gehört. In normalen Zeiten werden allein in der Kita rund 150 Kinder im Alter von acht Wochen bis zu sechs Jahren betreut.

Gerade kommt ein Mitarbeiter mit einem kleinen Jungen vom "Matschen" im Garten wieder herein. 1:1-Betreuung, weil aus Infektionsschutzgründen nur die angestammten Erzieher auf "ihre" Kinder aufpassen. Rund 30 Kinder sind derzeit in der Notbetreuung, in der Woche zuvor waren es noch 10. Ein Zeichen dafür, dass die Not größer wird.

Rund 150 Kinder besuchen in normalen Zeiten die Kita Moorwisch: In der Notbetreuung sind nun 30 Kinder

Rund 150 Kinder besuchen in normalen Zeiten die Kita Moorwisch: In der Notbetreuung sind nun 30 Kinder

Foto: Silke Fokken/ DER SPIEGEL

"Masken-Memory" für Kinder zu Hause

Die Kita liegt in einem Viertel mit vielen Hochhäusern. In einem wohnt eine Familie mit sechs Kindern in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, wie Kloiber erzählt. Spielplätze waren über Wochen abgesperrt, Schule und Kita sind seit Mitte März geschlossen. Eltern und Kinder sind den ganzen Tag auf sich gestellt. Viele Familien leben von staatlicher Hilfe oder prekären Jobs. Dazu kommt oft eine Fluchtgeschichte, geringe Bildung, Armut.

Selbst für das Mittagessen, das viele Kinder sonst kostenlos in der Kita bekommen, fehlt oft das Geld. "Einige Eltern wissen keinen Rat und setzen ihre Kinder fast nur vor den Fernseher oder Computer", sagt Kloiber. "Aber die Kinder wollen toben. Sind Eltern irgendwann überlastet, droht eine Kindeswohlgefährdung."

Kloiber hat über Jahre ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Familien aufgebaut, wie sie sagt. Das kommt ihr jetzt zugute. Alle ein bis zwei Wochen touren sie und ihre Kollegen mit Bollerwagen durchs Viertel und verteilen Päckchen an ihre Kita-Kinder mit Materialien, die Langeweile vertreiben und das Lernen fördern sollen. Für die nächste Tour haben Mitarbeiter etwa ein "Masken-Memory" gebastelt. Ein Erzieher ist jeweils auf zwei Kärtchen abgebildet, einmal mit, einmal ohne Maske.

Tour durchs Viertel: Die Pädagogen versuchen die Kinder, auch zu Hause mit Materialien zu versorgen

Tour durchs Viertel: Die Pädagogen versuchen die Kinder, auch zu Hause mit Materialien zu versorgen

Foto: Ev. Stiftung Alsterdorf

Helfen, ohne Eltern zu beschämen

"Wir wollen den Familien zeigen, dass wir sie für sie da sind", sagt der Sozialpädagoge Norbert Ganter. Kloiber nutzt die Tour auch, um zu sehen, wie es den Familien geht. "Wenn Eltern sehr erschöpft wirken, nehme ich mir die Freiheit und biete an, dass sie ihr Kind für ein paar Stunden in die Kita bringen können."

Helfen, ohne Eltern zu beschämen. Das ist Kloiber wichtig. "Es darf nicht nach außen der Eindruck entstehen: 'Die bringen ihr Kind, weil sie als Eltern scheitern' oder weil sie 'sozial benachteiligt' sind. Es ist keine Schande, Hilfe anzunehmen."

Zu Stigmatisierung sollte es bei der Vergabe der Plätze in der Notbetreuung nicht kommen, da sind sich Fachleute und Politiker einig. Aber nicht alle Kita-Leitungen gehen mit der Frage so sensibel um wie in der Kita Moorwisch - und auf die Frage, wo der Leidensdruck am größten ist, gibt es auch keine einfachen Antworten.

Sozialpädagoge Norbert Ganter

Sozialpädagoge Norbert Ganter

Foto: Silke Fokken/ DER SPIEGEL

"Gefahr eines Backlashs"

Forscher am Deutschen Institut für Wirtschaft (DIW) mahnen: Für rund 900.000 Alleinerziehende, davon zwei Drittel erwerbstätig, sowie Millionen Paare, die Kinder im Alter von unter zwölf Jahren haben und beide berufstätig sind, ist die Kita oftmals existenzsichernd.

Viele Eltern reiben sich derzeit zwischen Beruf und Kinderbetreuung zu Hause auf, riskieren teils ihren Job oder reduzieren notgedrungen ihre Arbeitszeit, und zwar oftmals die Mütter. DIW-Forscherin Katharina Wrohlich sieht die "Gefahr eines Backlashs in der Geschlechtergerechtigkeit ", wenn gerade Frauen in der Corona-Pandemie beruflich vermehrt zurückstecken.

Gleichzeitig mahnen die DIW-Forscher: Die Chancenungerechtigkeit für Kinder aus sozial benachteiligten Familien verschärfe sich, weil sich Versäumnisse in der frühen Kindheit nicht so einfach aufholen ließen. Die Bildungsschere gehe immer weiter auf. Das ist nicht nur unfair gegenüber den Betroffenen. Bildungsökonom Matthias Hübner warnt langfristig vor höheren Arbeitslosenquoten und Kosten für das Sozialsystem.

"Wir sollten uns gegenseitig helfen"

Die DIW-Forscher wollen die Probleme nicht gegeneinander abwägen, sondern fordern: Der Kita-Besuch müsse umgehend allen Kindern, also unabhängig etwa vom Beruf der Eltern, zumindest zeitweise wieder ermöglicht werden. Das sehen auch viele Fachleute so, die betonen, wie wichtig Kontakte zu Gleichaltrigen  und das Miteinander in der Gruppe für alle Kinder sind - unabhängig vom familiären Hintergrund.

Kita-Leiterin Kloiber hat schon mal ein mögliches Szenario entworfen, wie sie die Kleinen alle wieder ins Haus holen kann, zumindest für ein paar Stunden: Die Kinder werden im Schichtsystem betreut, zum Beispiel von 8 bis 11 Uhr, von 11.30 Uhr bis 14.30 Uhr und von 15 bis 18 Uhr. In den Pausen soll gründlich geputzt werden.

Selbst gefertigte Masken: Kita-Betrieb im Corona-Modus

Selbst gefertigte Masken: Kita-Betrieb im Corona-Modus

Foto: Ev. Stiftung Alsterdorf

Räume habe sie in ihrer Kita genug, nur beim Personal könnte es eng werden. "Könnten nicht Kitas aus Stadtteilen, wo Kinder zu Hause gut gefördert werden und die Notbetreuung wenig genutzt wird, Erzieher ausleihen?", schlägt Kloiber vor. "In diesen Zeiten sollten wir uns gegenseitig helfen."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.