Debatte über Kita-Pflicht »Soll ich lachen oder weinen?«

Weil vielen Kindern in der Grundschule die Mindeststandards fehlen, fordern Politiker ein verpflichtendes Kita-Jahr. Doch wie immer bei Bildungsfragen: Die Länder sind sich uneins. Und das ist nur das kleinste Problem.
Kita-Kinder in Berlin: In der Hauptstadt sind Tests und Förderung längst Pflicht – mit mäßigem Erfolg

Kita-Kinder in Berlin: In der Hauptstadt sind Tests und Förderung längst Pflicht – mit mäßigem Erfolg

Foto: Omer Messinger / Getty Images

Das fatale Abschneiden der Viertklässlerinnen und Viertklässler beim IQB-Bildungstrend hat die alte Debatte über die Einführung verbindlicher Sprachtests und ein Pflichtjahr vor der Schule neu entfacht. So hatte der frühere SPD-Kultusminister von Sachsen-Anhalt, Stephan Dorgerloh, im SPIEGEL nachdrücklich für eine Kita-Pflicht bereits ab dem vierten Lebensjahr plädiert.

Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien befeuerte die Diskussion mit ihrer Autorität als KMK-Präsidentin Anfang vergangener Woche noch einmal, auch wenn ihre Forderung nicht ganz so weit ging. »Spätestens mit viereinhalb Jahren müssen wir den Sprachstand eines Kindes überprüfen, damit bis zu seiner Einschulung nötige Fördermaßnahmen ergriffen werden können«, sagte die CDU-Politikerin den »Kieler Nachrichten« . Wer dabei nicht gut abschneide, müsse zumindest das letzte Kita-Jahr absolvieren. Eine Verpflichtung sei für diese Kinder der richtige Weg, um die Bildungschancen zu verbessern.

Die Grundschulkinder ihres Bundeslandes hatten sich bei dem IQB-Test im Vergleich zur vorhergehenden Untersuchung 2016 verschlechtert – wie in fast allen Bundesländern. Nur noch die Hälfte aller Grundschulkinder in Deutschland erreichen die Regelstandards  in Lesen, Schreiben und Rechnen.

Priens Forderung fand ob dieses katastrophalen Ergebnisses auch Widerhall in ihrer Partei. Die CDU-Spitze sprach sich Mitte der Woche in einem Positionspapier ebenfalls für verbindliche Sprachstand-Tests ab einem Alter von drei Jahren aus und forderte, die Qualität der frühen Bildung weiter zu stärken. Am Freitag meldete dann der Deutsche Lehrerverband, er unterstütze Priens Vorstoß für eine verpflichtende Sprach-Frühförderung.

Koalitionsknatsch im Norden

Eine Allianz zeichnet sich in der Sache jedoch nicht ab: In Schleswig-Holstein führte der Vorstoß der Bildungsministerin bereits zu Koalitionsknatsch, da die für Kitas zuständigen Sozialministerin Aminata Touré (Grüne) nichts von der Idee hält. »Verpflichtende Kitabesuche sind bewusst nicht Teil der Koalitionsvereinbarung und damit auch nicht für diese Legislatur vorgesehen«, teilte sie laut »Hamburger Abendblatt«  mit.

Auch das SPD-geführte Kultusministerium in Niedersachsen lehnte ein verpflichtendes Kita-Jahr vor der Grundschule für Kinder mit Sprachdefiziten ab; ebenso in Sachsen, wo die CDU das Kultusministerium führt, werde ein Kita-Pflichtjahr nicht erwogen, teilte eine Sprecherin laut »Süddeutscher Zeitung«  mit.

In Hamburg und Berlin sind Sprachtests und verpflichtende Sprachförderung im Rahmen einer Vorschul- oder Kita-Pflicht hingegen längst Standard.

Denn die Debatte schwelt schon seit dem Pisa-Schock 2001. Damals kam die frühe Bildung in den Fokus und etwa in Berlin, Hamburg und Bayern wurden Forderungen nach einer Kita-Pflicht für Vorschulkinder laut.

Hamburg vorne

Die Erfolge sind indes in Hamburg und Berlin ganz unterschiedlich. Während Hamburgs Grundschulkinder sich in den vergangenen Jahren verbesserten und das auch auf die Sprachstandserhebungen und die verpflichtende Sprachförderung für Vorschulkinder  zurückgeführt wird, gehört Berlin noch immer zu den Schlusslichtern im Leistungstest.

In den Blick gehören deshalb auch die Rahmenbedingungen. Und eine führen sowohl die Befürworter als auch die Kritiker in der Debatte an: Der Deutsche Lehrerverband schreibt, wegen der »schwierigen Personallage« könne ein verpflichtendes Sprach-Frühförderprogramm »nicht von heute auf morgen erfolgen«. Ein Sprecher des niedersächsischen Kultusministers Grant Hendrik Tonne (SPD) teilte laut »Süddeutsche Zeitung«  mit, das der Schlüssel zur Stärkung der Sprachförderung nicht in einer Kita-Pflicht liege, sondern darin, »die Kitas ausreichend mit Fachkräften auszustatten«.

In den Kitas ist die Lage nämlich ebenfalls fatal. »Soll ich lachen oder weinen?«, schrieb eine Erzieherin dem SPIEGEL anlässlich der Debatte über die Kita-Pflicht und zählte die Baustellen im Stakkato auf: »Zu wenig Plätze, zu wenig Fachpersonal, zu hoher Schlüssel, immer mehr Herausforderungen.«

Neben Fachkräften fehlen Tausende Kita-Plätze, was bereits im Zusammenhang mit dem Rechtsanspruch auf Betreuung vielerorts ein Problem ist. Baden-Württemberg hat jüngst beschlossen, den Betreuungsschlüssel zu schleifen , um mehr Kinder bei gleichbleibendem Personal aufnehmen zu können. Kita-Leitungen und Erzieherinnen landauf, landab berichten von Überlastung – was den Beruf für den Nachwuchs weiter unattraktiv macht und das Problem auf lange Sicht verschärft.

Mit Material der dpa
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