Silke Fokken

Schulen in der Corona-Pandemie Wir brauchen eine andere "neue Normalität"

Silke Fokken
Ein Kommentar von Silke Fokken
Die Pandemie habe schonungslos die Schwächen des deutschen Schulsystems offenbart, hieß es unisono in der Coronakrise. Nach den Ferien scheint das weitgehend vergessen. Der Maskenstreit lenkt ab - und ist doch symptomatisch.
Schüler in Rheinland-Pfalz

Schüler in Rheinland-Pfalz

Foto: Andreas Arnold / DPA

Mehr Flüssigseife, mehr Papierhandtücher, und in keinem Ranzen darf die Maske fehlen: In Deutschlands Schulen ist in diesem Schuljahr einiges anders als vor Corona, es herrscht die "neue Normalität" mit besonderen Hygieneregeln. Diese allerdings polarisieren: Den einen sind sie zu lasch, den anderen zu strikt. Das liegt auch daran, dass die Regeln weder einheitlich noch logisch sind - und Bildungspolitiker gerade die Chance verpassen, die eigentliche Lehre aus der Pandemie zu ziehen: Sie müssten das Schulsystem mit vereinten Kräften radikal umbauen. 

Stattdessen haben 16 Kultusministerien 16 verschiedene Hygienepläne erstellt, 16 Regularien zum Lüften, zu Erkältungssymptomen und zur Maskenpflicht. In Nordrhein-Westfalen galt Letztere zunächst auch im Unterricht. Maskenpausen sind jedoch etwa auf dem Schulhof erlaubt. In Hamburg ist es umgekehrt. Im Klassenraum besteht keine Maskenpflicht, wohl aber auf dem Schulhof. Wenn Sachsen an diesem Montag ins neue Schuljahr startet, darf jede Schule selbst entscheiden. 

Regeln können sich zudem schnell ändern. Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Schleswig-Holstein wollten zunächst keine Maskenpflicht, dann aber doch. Kultusministerin Karin Prien findet: "Der englische Begriff 'Hammer and Dance' trifft es gut. Die Schulschließungen waren der Hammer. Jetzt sind wir im Tanz und bewegen uns einen Schritt vor, einen Schritt zur Seite und auch mal einen Schritt zurück, um möglichst viel Präsenzunterricht umzusetzen."  

Blöd nur, wenn Schulakteure da nicht mehr mitkommen, sondern hinterherstolpern. Zumal Schulleiter von einer "Laborsituation" an Schulen sprechen, deren Hygieneregeln kaum zu den Vorgaben außerhalb passen: Kinder können sich mancherorts zwar nachmittags beliebig mit Freunden im Hallenbad treffen, sollen vormittags aber nur in ihrer "Kohorte" zum Schulschwimmen gehen. Einige Grundschüler dürfen nicht mal gemeinsam in die Umkleide, etwa zum Haare föhnen, wie von Eltern zu hören ist. Ach ja, das Kind bitte nicht mit Husten in die Schule schicken.

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Kein Wunder, dass Eltern und Lehrer eine klare Linie vermissen. Heinz Hilgers, Vorsitzender des Deutschen Kinderschutzbundes, kritisiert, "dass bei Kindern fast mehr Infektionsschutz betrieben wird als bei Erwachsenen". Ihre Rechte würden bis heute mehr eingeschränkt als etwa das Recht auf Gewerbefreiheit. Oder auf Feiern. 

Den Kultusministern sei zugestanden, dass sie die Quadratur des Kreises bewältigen müssen: Einerseits Ängsten vor Ansteckung Rechnung tragen, andererseits möglichst normalen Unterricht anbieten. Nicht nachvollziehbar ist jedoch, dass sie keinen einheitlichen Kurs fahren - und bisher keine konzertierte Aktion gestartet haben, um die in der Pandemie offenbarten Schwächen des Schulsystems gemeinsam anzugehen.

Verschleppte Digitalisierung, akuter Lehrermangel, große Klassen, enge Räume, marode Gebäude, riesige Schulzentren und viele Schüler, die im Bus zum Unterricht zuckeln: Diese Strukturen sind nicht gerade pandemiegeeignet, vor allem aber auch pädagogisch fragwürdig. Manche Lehrkraft freute sich vor den Ferien über den Lernerfolg von Kindern in Kleingruppen.

Unisono hieß es, die Schule sei zentraler Ort für soziales Miteinander. Hat die Politik aus dieser Erkenntnis gelernt? Gehört zur "neuen Normalität" eine bundesweite Großoffensive, um bessere räumliche und pädagogische Bedingungen zu schaffen? Wurden flächendeckend Konzepte für Chancengerechtigkeit entwickelt? Hat jetzt - sechs Monate nach den Schulschließungen - jeder Schüler einen Laptop, einen Drucker, passende Lernsoftware, digital versierte Lehrer und eine Schule mit WLAN? 

Leider nicht. 

Es gibt gute Gründe für den Bildungsföderalismus, der regionalen Unterschieden Rechnung trägt, aber es darf nicht vom Wohnort abhängen, ob bestimmte Standards erfüllt sind und Kinder eine "gute" oder "schlechte" Schule besuchen. In der Corona-Zeit fiel besonders auf, wie gravierend die Unterschiede sind. Sie lassen sich nicht sofort beheben. Aber es ist nötig, sofort damit anzufangen. 

Die verschleppte Digitalisierung ist immerhin so peinlich, dass sich hier am ehesten etwas tut. Zuletzt gab es einen "Schulgipfel" im Kanzleramt und der Koalitionsausschuss beschloss diese Woche, es solle eine digitale Bildungsoffensive gestartet werden. Geplant ist der Aufbau einer bundesweiten Bildungsplattform, zudem sollen aus dem Corona-Hilfsprogramm der EU 500 Millionen Euro für Laptops für Lehrer fließen. Es ist ein kleiner Anfang ohne den Blick fürs große Ganze. Eine Absichtserklärung, mehr erst mal nicht.

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