»Corona-Aufholprogramm« für Kinder und Jugendliche »Absolut unzureichend«

Mit zwei Milliarden Euro will die Bundesregierung die Folgen der monatelangen Schulschließungen für Kinder und Jugendliche abfedern. Aus Sicht von Eltern, Lehrern und Schülern hat das Förderpaket diverse Haken.
Präsenzunterricht fiel oft aus: Aufholprogramm reicht aus Lehrersicht nicht (Symbolbild)

Präsenzunterricht fiel oft aus: Aufholprogramm reicht aus Lehrersicht nicht (Symbolbild)

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Rolf Vennenbernd/ picture alliance/ dpa

Nach der Verabschiedung des zwei Milliarden Euro schweren »Aufholprogramms« für Kinder und Jugendliche im Bundestag üben Eltern, Schüler und Lehrkräfte massive Kritik. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, hält das Maßnahmenpaket, das zur Hälfte für die Finanzierung von Nachhilfestunden gedacht ist, für »absolut unzureichend«.

»Ohne eine massive Aufstockung dieser Mittel durch zusätzliche Länderprogramme in mindestens gleicher, am besten aber dreifacher Höhe, werden die Fördermaßnahmen nicht wirklich greifen können«, sagte der Verbandschef der »Neuen Osnabrücker Zeitung«. Jetzt seien die Bundesländer in der Pflicht, sehr schnell ergänzende Maßnahmenpakete zu verabschieden.

Deutschlands Schulen wechseln seit mehr als einem Jahr immer wieder zwischen Präsenz-, Wechsel- und Distanzunterricht. Viele Kinder und Jugendliche hatten teils über Monate keinen regulären Unterricht. Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) geht davon aus, dass etwa ein Viertel der rund elf Millionen Schülerinnen und Schüler Lernrückstände hat, weil sie mit dem sogenannten Distanzunterricht nicht oder nur schlecht erreicht wurden. Sie fordert Lernstandserhebungen, um die Defizite zu ermitteln.

Das am Mittwoch vom Bundeskabinett beschlossene Aufholprogramm soll die Pandemiefolgen für Kinder und Jugendlichen abfedern. Es besteht aus zwei Teilen: Rund eine Milliarde Euro soll in Nachhilfe- und Förderprogramme fließen. Eine weitere Milliarde ist für die Aufstockung verschiedener sozialer Projekte vorgesehen, die Kinder, Jugendliche und Familien unterstützen, um auch in diesem Bereich Krisenfolgen abzumildern. Das Geld soll in diesem und im nächsten Jahr fließen, ist aus Meidingers Sicht jedoch viel zu knapp bemessen.

Zeit bis zu den Sommerferien läuft...

»Allein ein Land wie die Niederlande wendet trotz erheblich geringerer Einwohnerzahl im Vergleich zu Deutschland ein Mehrfaches der Finanzmittel für die Sicherung der Bildungschancen nach Corona auf«, sagte Meidinger und zeigte sich auch enttäuscht darüber, dass noch keine genaueren Informationen zur Ausgestaltung der Programme vorlägen. »Eltern und Kinder müssen ganz schnell erfahren, was an Fördermöglichkeiten im nächsten Jahr vorhanden ist, um beispielsweise entscheiden zu können, ob ein freiwilliges Zusatzjahr die bessere Alternative ist«, sagte Meidinger. Die Zeit dränge enorm, denn »in sechs Wochen fangen in einigen Bundesländern schon die Sommerferien an«.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) spricht bei dem Aufholprogramm von einem »Offenbarungseid verfehlter Personalpolitik«. Anstatt nachhaltige Perspektiven aufzumachen und förderndes Personal in die Schule einzubinden, würden insbesondere außerunterrichtliche Fördermöglichkeiten bezahlt. »Der private Nachhilfesektor dankt und profitiert so erneut von der dauerhaften Unterfinanzierung des Bildungssystems vergangener Jahre«, sagt der Bundesvorsitzende Udo Beckmann. Ein Beleg dafür seien die rund 1,5 Milliarden Euro, die Eltern bereits vor Corona jährlich für die Unterstützung ihrer Kinder durch Nachhilfe ausgegeben hätten.

Beckmann fordert, die Schulen bräuchten nun zumindest eine niedrigschwellige Möglichkeit, die Gelder abzurufen. Wenn nun Karliczek die Abrufung von Geldern mit Lernstandserhebungen verknüpfe, werde die Realität an Schulen verkannt. »Individuell zu erkennen, welches Kind was braucht, ist sicher notwendig und das gehört zur Profession der Lehrkräfte. Standardisierte Verfahren von außen sind in der aktuellen Situation aber nicht hilfreich.«

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Sorge, dass das Geld nicht ankommt

Nach einem Jahr Corona ist die Sorge auch bei vielen Schülern und Eltern groß, dass das politische Ziel zwar gut ist, die Umsetzung in der Realität aber scheitern könnte. »Durch Positionen im Haushalt ist kein einziger Lehrer zusätzlich eingestellt, keine Klarheit geschaffen, wer von solchen Programmen profitieren muss, was genau das Kind braucht, und wie solche Maßnahmen zum regulären Schulalltag passen sollen«, mahnt die Landeselternschaft der Gymnasien (LEG) in Nordrhein-Westfalen: »Geld allein macht nicht glücklich«

Die Mütter und Väter fürchten zudem, dass sich die guten Absichten unter Umständen erneut in einem Wirrwarr von Zuständigkeiten verhaken könnten: »Dass der Bund hier reagiert und Geld zur Verfügung stellt – richtig so, aber der Adressat sollten die Schulen sein und nicht die Schulträger«, teilt die LEG mit.

In der Pandemie hatten Bund und Länder etwa den sogenannten Digitalpakt um 500 Millionen Euro aufgestockt, um bedürftigen Schülern Leih-Laptops zur Verfügung zu stellen. Aber die Geräte kamen oft erst Monate später bei den Betroffenen an – oder gar nicht. Mit weiteren 500 Millionen Euro sollten Laptops für Lehrkräfte finanziert werden, aber bis eine entsprechende Bund-Länder-Vereinbarung unterzeichnet war, damit die Gelder fließen konnten, vergingen ebenfalls Monate.

So blickt nun etwa Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, auch mit Skepsis auf »dieses so lang ersehnte Signal vonseiten der Bundesregierung«. Man brauche »jetzt vor allem eine funktionierende Kommunikation von Bund, Ländern und Kommunen. Andernfalls erleben wir einen ›zweiten Digitalpakt‹: Viel Geld vom Bund aber wenig Abfluss in die Schulen.«

Schramm fordert, es brauche jetzt vor allem auch eine Unterstützung der Schulsozialarbeit. »Viele Schülerinnen und Schüler haben enormen Redebedarf und tragen aktuell ihr ganz eigenes Päckchen mit sich. Um diese Schüler mache ich mir große Sorgen, wir dürfen diese jetzt nicht im Stich lassen.«

fok/dpa/AFP
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