Vor Bund-Länder-Beratungen Kultusminister schlagen neue Regeln für Schulen in Hotspots vor

Schulen dürften das zentrale Thema in der Bund-Länder-Schalte am Mittwoch sein. Jetzt zeigen sich die Bildungspolitiker offen für Konzepte wie Wechselunterricht – aber nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen.
Regeln einer Grundschule in Dresden: Corona-Regeln an Schulen könnten strenger werden

Regeln einer Grundschule in Dresden: Corona-Regeln an Schulen könnten strenger werden

Foto: Robert Michael/ dpa

Zurück zum Homeschooling, zurück zum Unterricht im Schichtsystem, oder soll es bei dem massiv kritisierten Weiter-so bleiben? Bei den Beratungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpräsidenten der Länder an diesem Mittwoch werden strengere Corona-Regeln an Deutschlands Schulen ein zentraler Punkt sein. Wie diese im Detail aussehen könnten, dazu gibt es verschiedene, teils weitreichende Forderungen. Selbst bei den Kultusministern der Länder bröckelt unter dem stetig steigenden Druck der Widerstand gegen ein Wechselmodell – zumindest ein wenig.

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek hat sich für eine teilweise Rückkehr zum Homeschooling ausgesprochen. »Wechselunterricht sollte insbesondere in den höheren Klassen ins Auge gefasst werden, wenn in der jeweiligen Region die Infektionsbelastung sehr hoch ist«, sagte die CDU-Politikerin den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Wechselunterricht heißt, dass Schülerinnen und Schüler etwa in einem rollierenden System in Kleingruppen nur tage- oder wochenweise im Präsenzunterricht an den Schulen lernen. Der Rest wird zu Hause erledigt, im besten Fall digital.

Selbst das Kanzleramt drängt

Mehrere Eltern- und Lehrerverbände wie der Verband Bildung und Erziehung (VBE) fordern seit Monaten eindringlich, dass die Kultusminister auf dieses Modell umschwenken. Nur in Kleingruppen könne der Mindestabstand im Klassenraum und so der nötige Infektionsschutz eingehalten werden. Alles andere sei »abenteuerlich«. Um Kontakte zu reduzieren, drängte zuletzt auch das Kanzleramt darauf, einen größeren Teil des Unterrichts nach Hause zu verlegen. Sonst habe man nach der ernüchternden Entwicklung der Corona-Neuinfektionen trotz der Schließung von Gastronomie, Freizeit- und Kultureinrichtungen keine Chance, dass die zweite Corona-Welle abebbe, mahnte Kanzleramtschef Helge Braun.

Die 16 Kultusminister der Länder dagegen hatten bis zuletzt daran festgehalten, dass die Schulen – anders als im Frühjahr – trotz Pandemie so lange wie irgend möglich offen bleiben und Kinder vor Ort beschult werden sollten, und zwar bei voller Stundentafel. So könne das Recht auf Bildung am besten umgesetzt werden. Dies wiederholen die Politiker seit dem Ende der Sommerferien geradezu mantrahaft, nicht zuletzt im Sinne der Chancengerechtigkeit. Kinder aus sozial benachteiligten Familien drohten sonst abgehängt zu werden.

Es fehlt an Personal und Räumen

Mehrere Länderchefs hatten zudem gemahnt, Unterricht im Wechselmodell mit halben Klassen scheitere allein an der Umsetzung, wenn nicht ein Teil des Stundenplans gestrichen werden solle. Es fehle an Personal und Räumen. Zudem wird allgemein beklagt, dass viele Schulen längst nicht darauf eingestellt sind, digital zu unterrichten. So bleiben die Kultusminister auch nach einer Schalte am Freitag beharrlich dabei, die Schulen grundsätzlich offen zu halten – zeigen sich jedoch kompromissbereit. Für Schulen, die in sogenannten Hotspots liegen, sollen folgende Maßnahmen möglich sein, wie aus Kreisen der Kultusministerkonferenz (KMK) am Montag verlautet wurde:

  • Vom Infektionsgeschehen besonders betroffene Schulen sollen ab der 11. Klasse auf einen rollierenden Präsenzunterricht in verkleinerten Lerngruppen umstellen können. Dabei muss gesichert sein, dass alle Schülerinnen und Schüler erreichbar sind. Abschlussklassen sollen so weit wie möglich im Präsenzunterricht verbleiben.

  • In einem zweiten Schritt sollen diese Ausnahmen auf untere Klassenstufen der weiterführenden Schulen ausgeweitet werden können. Eine feste Zahlengröße, ab welcher Infektionszahl das gelten soll, legten die Minister jedoch nicht fest.

  • Zur Eindämmung des Infektionsgeschehens schlagen die Schulpolitiker zudem eine Maskenpflicht im Unterricht vor, wie sie bereits in einigen Bundesländern gilt – zunächst für die gymnasiale Oberstufe und berufsbildenden Schulen, gegebenenfalls auch für die unteren Jahrgänge an weiterführenden Schulen.

  • An Schulen, in denen es Corona-Fälle gibt, soll es vermehrte, zeitnahe Testungen geben.

  • Der Unterrichtsbeginn kann gestaffelt erfolgen, um die Infektionsgefahr im Nahverkehr zu reduzieren. Kommunen sollen demnach spezielle Schülertransporte mithilfe privater Unternehmen anbieten.

Hotelzimmer und Reisebusse sollen helfen

Den Schulweg hatte zuletzt auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in den Blick genommen. Neben einer Aufteilung in Präsenz- und Digitalunterricht müsse hier die Ansteckungsgefahr vermindert werden, sagte er der »Rheinischen Post«. »Es ist paradox, dass überfüllte Schulbusse und Straßenbahnen die Infektionszahlen anheizen und gleichzeitig viele Reisebusunternehmen um ihre Existenz fürchten. Sie sollten jetzt sofort einspringen und mit Reisebussen den öffentlichen Nahverkehr zu den Schulen und zurück entlasten.«

Der Kandidat für den CDU-Vorsitz Friedrich Merz schlug vor, den Unterricht kurzerhand in Hotelzimmer zu verlegen. »Man könnte in Hotels ausweichen oder in sonstige große Räumlichkeiten, und die Schulen könnten zeitversetzten Unterricht anbieten«, sagte Merz dem »Tagesspiegel«. Entscheidend sei, den Unterrichtsausfall so gering wie möglich zu halten, so Merz. »Die Schäden, die sonst entstehen, kann man mit Geld nicht beheben.« Die Verantwortlichen müssten mehr Fantasie entwickeln, wie der Unterricht aufrechterhalten werden könne.

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) plädierte dafür, beim Auftreten eines Infektionsfalls die ganze Klasse in häusliche Isolation zu schicken – statt wie bisher oftmals nur die Sitznachbarn. Um zu verhindern, dass dann immer mehr Schüler in Quarantäne seien, so Spahn, solle die Isolation nach einem negativen Schnelltest am fünften Tag aufgehoben werden.

Komplette Schulschließungen gelten als unwahrscheinlich

Bei den Beratungen am vergangenen Montag hatte sich die Bund-Länder-Runde noch nicht auf neue Regeln für Schulen einigen können. In ihrer Beschlussvorlage für die Beratungen am Mittwoch plädieren die Ministerpräsidenten nun dafür, dass ab Klasse 7 eine Maskenpflicht eingeführt wird, allerdings nicht bundesweit, sondern nur in den Regionen, in denen die Zahl der Neuinfektionen den Wert von 50 je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen »deutlich« übersteigt. Infektionsfreie Schulen sollen aber davon ausgenommen werden können.

Über Homeschooling sollen die Länder nach dem Willen der Ministerpräsidenten selbst entscheiden. Dies würde der Tatsache Rechnung tragen, dass Maßnahmen auf das regional sehr unterschiedliche Infektionsgeschehen abgestimmt werden können.

Denkbar ist nun, dass die Runde am Mittwoch der KMK folgt und den Präsenzunterricht für die Oberstufen und Berufsschulen verringert. Der Vorteil: Bei den älteren Schülern ist nicht erforderlich, dass Eltern zur Betreuung zu Hause bleiben müssen. Mögliche andere Schritte seien, die Weihnachtsferien nach vorn oder hinten zu verlängern, heißt es in Länderkreisen. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise machen die Schulen schon zwei Tage früher zu.

Dass sich die Merkel-Runde darauf verständigen könnte, die Schulen in Deutschland komplett zu schließen, gilt als extrem unwahrscheinlich. Einen tragfähigen Kompromiss zu finden, ist jedoch aus verschiedenen Gründen schwierig. Einerseits stehen nach wie vor das Recht von Kindern auf Bildung sowie der Infektionsschutz der Schulakteure gegeneinander. Andererseits ist die Studienlage zur Rolle von Kindern und Jugendlichen sowie der Schulen in der Corona-Pandemie nicht ganz eindeutig. Auch die fachlichen Meinungen gehen da auseinander.

Der Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Düsseldorf, Jörg Timm, sagte der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung«, er halte die bisherige Haltung der Länder, wonach Schulen keine Treiber der Pandemie seien, »so für nicht mehr haltbar«. Auch die nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina, die auch das Kanzleramt berät, betonte in einem Schreiben an die Länderchefs: »Schülerinnen und Schüler sind ein wesentlicher Teil des Infektionsgeschehens.«

Kinderärzte: »Lasst die Schulen offen«

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin plädierte in einer Stellungnahme am Montag, kurz vor der Bund-Länder-Schalte, gar eindringlich: »Lasst die Schulen offen«. Die Datenlage zeige, dass Infektionen sehr viel häufiger von Erwachsenen auf Kinder übertragen würden als umgekehrt. Schulen seien »auch im aktuellen Stadium der zweiten Welle keine Hotspots der Pandemie«. Gleichzeitig hätten die Schulschließungen im Frühjahr schwere Folgen für Kinder gezeigt – von Bildungsdefiziten bis zur Gefährdung des Kindeswohls.

Auch Hamburgs Schulbehörde hatte eine Untersuchung vorgelegt, wonach die Ansteckungsgefahr für Kinder und Jugendliche in der Schule geringer ist als außerhalb. Auffällig sei dabei, dass sich Schülerinnen und Schüler unter zwölf Jahren nur halb so häufig infizierten wie ältere, diese aber auch nicht mehr als Erwachsene. Das passt zu einer groß angelegten Datenauswertung von Kinderärzten um den Chefarzt der Passauer Kinderklinik, Matthias Keller, aus der sich keine Hinweise auf eine hohe Corona-Dunkelziffer unter Kindern ergeben.

»Es steht außer Frage, dass Kinder und Jugendliche sich infizieren und auch das Virus weitergeben können«, heißt es in einer Stellungnahme, wie die »Passauer Neue Presse« am Montag berichtet. Es gebe jedoch »deutliche Hinweise, dass die Infektionsquellen in der Mehrzahl außerhalb des schulischen Bereiches liegen«. Die Mediziner schließen aus ihrer Untersuchung, »dass die Ansteckungsgefahr an Schulen eher überschätzt wird«. Darauf deuteten zugleich Studienergebnisse aus anderen Ländern hin, die nahelegten, dass Lehrerinnen und Lehrer keinem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt seien.

Die Kultusminister der Länder wollen künftig einmal pro Woche bundesweite Daten zur Corona-Lage an den Schulen bereitstellen, wie KMK-Präsidentin Stefanie Hubig (SPD) am Montag in einem Gespräch mit Journalisten ankündigte. Bisher war es schwierig, ein genaues Bild über die Anzahl geschlossener Schulen, Corona-Infektionen bei Lehrern, Schülern und Betroffenen in Quarantäne zu bekommen, weil die Daten in den Bundesländern unterschiedlich erhoben und nicht zentral erfasst wurden.

Die letzten bekannten Zahlen der KMK stammen vom 12. November. Zu dem Zeitpunkt befanden sich knapp 200.000 der rund elf Millionen Schülerinnen und Schüler und 13.000 der rund 800.000 Lehrkräfte in Quarantäne. 106 der mehr als 30.000 Schulen waren komplett geschlossen.

mit Material von dpa/AFP/Reuters
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