Corona-Pandemie Kultusminister wollen Schulen offen halten - "oberste Priorität"

Anders als im Frühjahr sollen Schulen möglichst nicht wieder geschlossen werden, bekräftigen die Kultusminister in einem gemeinsamen Beschluss. Lehrerverbände sprechen von einem "weichgespülten Kompromiss".
Unterricht im Klassenraum: Daran will die KMK so lange wie möglich festhalten (Symbobild)

Unterricht im Klassenraum: Daran will die KMK so lange wie möglich festhalten (Symbobild)

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Angelika Warmuth / DPA

Devise "Weiter so": Deutschlands Kultusminister halten auch angesichts steigender Coronazahlen an ihrer Position fest. Die Schulen sollen möglichst offen bleiben. "Das Recht auf Bildung von Kindern und Jugendlichen kann am besten im Präsenzunterricht in der Schule verwirklicht werden", heißt es in einem gemeinsamen Beschluss  der 16 Bildungsminister, der am Dienstag veröffentlicht wurde - einen Tag vor erneuten Beratungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und den Ministerpäsidenten der Länder zu weiteren Pandemie-Maßnahmen.

Schulen seien zudem als Orte des sozialen Miteinanders von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, schreibt die Kultusministerkonferenz (KMK). "Dies muss oberste Priorität bei allen Entscheidungen über einschränkende Maßnahmen haben, die aufgrund steigender Infektionszahlen zu ergreifen sind."

KMK-Präsidentin Stefanie Hubig betonte, die bundesweiten Infektionszahlen an Schulen bewegten sich derzeit im Promillebereich und seien damit auf einem vergleichsweise geringen Niveau. Laut Robert Koch-Institut (RKI) und der Situation vor Ort zeichne sich ab, dass Kinder und jüngere Jugendliche seltener betroffen und nicht Treiber der Pandemie seien. Hubig erklärte: "Wir alle müssen uns im Privaten einschränken, müssen auf Feiern, Treffen mit Freunden und vielleicht auch Hobbys verzichten, damit unsere Kinder und Jugendlichen die Bildung erhalten können, die ihnen zusteht."

DER SPIEGEL

"Wir alle müssen uns im Privaten einschränken"

Beim bundesweiten Lockdown im Frühjahr waren alle Schulen in Deutschland über Wochen geschlossen worden. Erst nach und nach kehrten sie zum Unterricht im Schichtsystem zurück, im Wechselmodell. Eltern- und Lehrerverbände sind sich mit etlichen Fachleuten und Politikern, inklusive Merkel, einig, dass dies nun möglichst vermieden werden soll. Kurz vor der Kanzler-Schalte mit den Ministerpräsidenten bekräftigte etwa Sachsens Länderchef Michael Kretschmer, Kitas und Schulen würden auch nach den Beratungen am Mittwoch offen bleiben.

In einzelnen Corona-Hotspots, etwa in Bayern, wurden in den vergangenen Tagen allerdings die ersten Schulen wieder geschlossen, oder der Unterricht läuft im Schichtsystem. Stark umstritten ist zudem, ob die bisherigen Hygienemaßnahmen an Schulen ausreichen oder flächendeckend überhaupt umsetzbar sind. Einige Eltern- und Lehrerverbände fordern seit Wochen eindringlich mehr Infektionsschutz - und verbindliche Vorgaben von der KMK.

Sie kritisieren unter anderem, dass die Minister sich bisher nicht auf eine gemeinsame Linie zur Umsetzung der RKI-Empfehlungen  für Schulen geeinigt haben. Diese sehen etwa ab 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen eine Rückkehr zum Wechselmodell vor.

Auf ein bundesweit einheitliches Vorgehen und strengere Hygieneregeln abhängig von Fallzahlen wollten sich die Kultusminister jedoch offenbar weiterhin nicht festlegen. In dem Beschlusspapier heißt es: Auch weiterhin erfordere die Situation, "auf das Infektionsgeschehen lokal, regional und landesweit sensibel zu reagieren". Hubig erklärte, die Minister hätten sich darauf verständigt, die Infektionslage "weiter sorgfältig zu beobachten sowie regelmäßig alle Zahlen zu erheben".

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"Weichgespülter Kompromiss"

Scharfe Kritik kam vom Deutschen Lehrerverband. Präsident Heinz-Peter Meidinger nannte die KMK-Erklärung "weitgehend inhalts- und substanzlos". "Sie gibt keinerlei Antworten auf die drängenden Fragen, wie an den Schulen auf das stark anwachsende Infektionsgeschehen in Deutschland zu reagieren ist", teilte Meidinger, selbst Leiter eines Gymnasiums in Bayern, mit.

Als "weichgespülten Kompromiss" bezeichnete der Verband Bildung und Erziehung (VBE) den KMK-Beschluss. Es sei "abenteuerlich", dass in allen gesellschaftlichen Bereichen auf die bedrohliche Situation reagiert werde, aber der länderübergreifende Konsens der KMK keine Neuigkeiten biete. "Das öffnet Tür und Tor für das Vorgehen, das wir vielerorts sehen: Ohne Blick auf die Infektionslage wird der Unterricht weitergeführt", mahnte der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann.

Bei aller Unterstützung des Rechts auf Bildung bräuchten diejenigen, die in Risikogebieten lehren und lernen wollen, "mehr Infektionsschutz als einmal mehr Lüften pro Stunde". Beckmann forderte erneut eine Rückkehr zum Unterricht in Kleingruppen: "Denn auch wir wollen, dass die Schulen offen bleiben können."

Viele Eltern und Fachleute wollen jedoch auch das Wechselmodell so lange wie möglich vermeiden, weil Kinder und Jugendliche dabei im Zweifel nur tage- oder wochenweise beschult werden. Eltern-Initiativen warnen, vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familiend drohten dann weiter abgehängt zu werden.

Auch vom Deutschen Kinderschutzbund hieß es am Dienstag, die Schließung von Kitas und Schulen müsse anders als im ersten Lockdown die ultima ratio sein. Eine erneute Schließung von Kitas und Schulen würde Eltern, insbesondere Mütter, erheblich belasten, sagte Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers. "Die Rechte der Kinder auf Bildung und Förderung sind dann nicht mehr garantiert."

fok
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