Studie zu frühkindlicher Bildung 1,7 Millionen Kinder in Kitas "nicht kindgerecht" betreut

Immer mehr Kinder in Deutschland besuchen eine Kita. Viele verbringen fast den ganzen Tag dort. Aber wie ist es um die Qualität der Betreuung bestellt? Eine Studie zeigt: Das hängt stark vom Wohnort ab.
Kinder in der Kita: Forscher bemängeln Bedingungen für pädagogische Arbeit

Kinder in der Kita: Forscher bemängeln Bedingungen für pädagogische Arbeit

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Christian Charisius/ DPA

Zu große Gruppen, zu wenig Erzieher: Die Bedingungen zur Betreuung sind in deutschen Kindertagesstätten mehrheitlich "nicht kindgerecht", viele Kitas könnten ihren Bildungsauftrag nicht oder nur eingeschränkt umsetzen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, die an diesem Dienstag vorgestellt wird.

In dem "Ländermonitoring Frühkindliche Bildung" werden die Umstände der pädagogischen Arbeit nach drei Kriterien bewertet: Personalschlüssel, Gruppengröße und Qualifikation des Personals. Der Studie zufolge steht Deutschland dabei insgesamt längst nicht so gut da, wie dies nötig wäre, um eine gute Betreuung zu gewähren. Zudem sind die Unterschiede zwischen den Bundesländern teils immens.

Der Personalschlüssel

  • Im Schnitt betreut eine Fachkraft in Deutschland rein rechnerisch 4,2 Krippenkinder. Bei den Größeren im Alter von drei bis sechs Jahren kommen auf eine Fachkraft im Schnitt 8,8 Kindergartenkinder. Im Vergleich zu 2013 hat sich der Personalschlüssel damit zwar leicht verbessert, ist nach den Maßstäben der Bertelsmann Stiftung jedoch immer noch zu hoch.

  • Wie hoch der Personalschlüssel in Kitas sein sollte, ist wissenschaftlich umstritten. Die Fachleute der Bertelsmann Stiftung halten bei Kleinkindern eine Relation von 1:3 für nötig, bei Kindergartenkindern von 1:7,5. Das gelte zumal Erzieherinnen und Erzieher im Alltag oft viel mehr Kinder betreuen müssten als formal vorgesehen, etwa weil Kollegen krank, im Urlaub oder Stellen nicht besetzt seien, heißt es in einer Mitteilung.

  • Bundesweit war der Personalschlüssel nach diesen Maßstäben für rund 1,7 Millionen Kitakinder bundesweit "nicht kindgerecht". Für 74 Prozent der Kinder gab es in ihren Gruppen nicht genügend Fachpersonal.

Regional gibt es jedoch große Unterschiede. In Ostdeutschland betraf dies der Bewertung von Bertelsmann zufolge 93 Prozent der Kinder, in Westdeutschland 69 Prozent.

Um wie viele Kinder sich ein Erzieher oder eine Erzieherin rechnerisch kümmern muss, variiert auch stark von Bundesland zu Bundesland.

  • So betreut eine Fachkraft in Bremen die wenigsten Krippenkinder, nämlich drei, in Mecklenburg-Vorpommern mit sechs dagegen die meisten.

  • Bei den älteren Kindern in Kindergartengruppen ist die Kluft zwischen Baden-Württemberg (1:6,9) und Mecklenburg-Vorpommern (1:12,9) am größten. Den Forschern zufolge sind die Unterschiede hier ebenso wie in den Krippen im Laufe der vergangenen Jahre etwas kleiner geworden.

Die Gruppengröße

Auch die Gruppengröße entspricht in vielen Kitas nicht den Empfehlungen von Fachleuten der Bertelsmann Stiftung. In Krippen sollten demnach nicht mehr als zwölf Kinder in einer Gruppe sein, im Kindergarten nicht mehr als 18.

  • Der Studie zufolge sind mehr als die Hälfte der untersuchten Kitagruppen in Deutschland größer.

  • Auch hier sind die Unterschiede von Bundesland zu Bundesland teils immens: In Bayern beispielsweise sind im Schnitt 24 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren in einer Kindergartengruppe, in Nordrhein-Westfalen und im Saarland 23, in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern nur 15.

  • Mit jeweils 13 Kleinkindern im Schnitt sind die Gruppengrößen im Krippenbereich in Hamburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt am größten, in Bremen mit neun sowie Hessen oder Rheinland-Pfalz mit zehn Kindern am kleinsten.

Die Forscher fürchten, Kinder und Erzieher seien in großen Gruppen übermäßigem Stress, etwa durch Lautstärke, ausgesetzt. Spiele und Aktivitäten, die für die Entwicklung der Kinder wichtig sind, könnten dadurch nicht im nötigen Umfang stattfinden.

Wie viel Zeit Kinder aus pädagogischen Gründen im Idealfall in der Kita verbringen sollten, wird nicht beschrieben. Die Unterschiede sind auch hier regional sehr verschieden. Mehr als 45 Stunden pro Woche werden rund Dreiviertel der unter Dreijährigen in Mecklenburg-Vorpommern, dem Saarland, Sachsen und Thüringen betreut.

In Bayern und Niedersachsen gilt dies nur für rund jedes zehnte Kleinkind. In Niedersachsen geht im Schnitt jedes fünfte Kind unter drei bis zu 25 Stunden pro Woche in die Kita, in Bayern jedes vierte.

Das Kita-Personal

Um die Qualität der Kinderbetreuung zu beurteilen, ist aus Sicht der Forscher auch entscheidend, wie gut die Betreuerinnen und Betreuer in den Kitas ausgebildet sind. Ob diese etwa an einer Uni oder Fachschule gelernt, ob sie eine Berufsfachschule besucht oder gar keine Ausbildung absolviert haben.

Den Ergebnissen zufolge ist der Anteil der ausgebildeten Erzieherinnen und Erzieher in den ostdeutschen Bundesländern mit 82 Prozent deutlich höher als in Westdeutschland mit 66 Prozent. Hier arbeitet demnach mehr Personal auf Assistenzniveau, beispielsweise als Kinderpfleger oder Sozialassistent.

Die ostdeutschen Länder könnten für die westdeutschen in diesem Punkt Vorbild sein, heißt es von der Bertelsmann Stiftung. Vorstand Jörg Dräger mahnt mit Blick auf den bundesweit an pädagogischen Fachkräften stark leer gefegten Arbeitsmarkt: Insbesondere bei Personalmangel steige das Risiko einer niedrigeren Bildungsqualität. Dräger kritisiert: "Es gibt keine bundeseinheitlichen Qualifikationsstandards für das Personal." Kitas könnten deshalb ihren Bildungsauftrag teilweise nicht wahrnehmen.

"Auch wenn in den vergangenen Jahren schon viel für die Kitas gemacht wurde", sagt Dräger, "es reicht noch nicht." Gute pädagogische Arbeit für die Kleinsten gehe nur mit zusätzlichen Mitteln und brauche auch die angemessene und dauerhafte Finanzierungsbeteiligung des Bundes.

In Deutschland wurde zuerst ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab drei Jahren eingeführt, seit dem Jahr 2013 gilt dieser für Kinder ab dem Alter von einem Jahr. Bund und Länder treiben seit einigen Jahren den Ausbau von Kitaplätzen voran. Das Angebot hinkt der Nachfrage jedoch stark hinterher. Kritiker monieren zudem seit langer Zeit, dass zwar in Quantität aber zu wenig in die Qualität der Betreuung investiert wurde.

In den vergangenen Jahren ist der Anteil der Kinder, die in Kitas betreut werden, stetig gestiegen. Zuletzt lag die Betreuungsquote der unter Dreijährigen bei 34 Prozent. Damit wurden knapp 820.000 Kleinkinder außer Haus betreut. Bei den Kindern im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt waren es 2,4 Millionen. In dieser Altersgruppe besucht fast jedes Kind eine Kita.

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