Lehrer in der Coronakrise "Ich kenne meine Schüler jetzt im Schlafanzug"

Lehrerinnen und Lehrer entwickeln ausgefallene Ideen, um mit ihren Schülern Kontakt zu halten, bis hin zu einer Late-Night-Show. Vier von ihnen erzählen, was gut läuft und was auf der Strecke bleibt.
Homeschooling: Zusammen ist man weniger allein

Homeschooling: Zusammen ist man weniger allein

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ERIC BARADAT/ AFP

Die Schule ist leer, der Pausenhof auch: Traurig stupst Schulleiter Björn Lengwenus eine Schaukel an. "Eine Schule ohne Schüler – das ist schrecklich", sagt er. So ist es in einem der YouTube-Videos zu sehen, mit denen der Schulleiter in der Coronakrise für Furore sorgt. In rund 15-minütigen Clips tritt er als Gastgeber einer "Late-Night-Show" auf. Zielgruppe: die Schüler seiner Hamburger Grund- und Stadtteilschule.

In den Videos ist zu sehen, wie Lengwenus mit einzelnen Schülern per Skype chattet, Lehrer zu Wort kommen lässt, Nachrichten aus einzelnen Klassen vorliest. Die Idee: "Schule ist so viel mehr als blankes Lernen", sagt der Schulleiter in dem ersten YouTube-Clip.

Mit seiner "Late-Night-Show" will er eine Art "digitalen Pausenhof" schaffen, wie er sagt, die Schulgemeinschaft in den schwierigen Zeiten zusammenhalten, und zwar weit über Arbeitsblätter und Lernplattformen hinaus.

SPIEGEL: Wie kam es zu dieser "Late-Night-Show"?

Björn Lengwenus: Ich habe in der ersten Woche der Schulschließungen gemerkt, dass das digitale Lernen zu Hause eigentlich gut funktioniert. Die Lehrer haben sich sehr in dieses Abenteuer reingehängt, die Schülerinnen und Schüler wurden mit Aufgaben versorgt und haben die gut bearbeitet. Aber Schule ist viel mehr als dieses Lernen an sich. Wenn wir uns mal erinnern, warum wir gern zur Schule gegangen sind: Wir wollten unsere Freunde treffen, Teil einer Gemeinschaft sein. All das fehlt, wenn jeder allein für sich zu Hause sitzt.

SPIEGEL: Und das fangen Sie nun als Showmaster auf?

Lengwenus: Die Idee ist entstanden, weil wir jedes Jahr am letzten Schultag vor den Sommerferien eine Finish-Show machen. Wir laden dazu in ein großes Hamburger Kino ein, zeigen Einspieler und Bilder, um auf das vergangene Schuljahr zu blicken. Ich moderiere die Show zusammen mit einigen Schülern. Es war klar, dass diese Aktion dieses Jahr wegen der Coronakrise ausfällt. Gleichzeitig wollte ich mich in dieser Zeit gern irgendwie an meine Schüler wenden. So entstand die Idee zu der Late-Night-Show.

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SPIEGEL: Sie treten als Showmaster auf. Wer arbeitet hinter den Kulissen?

Lengwenus: Wir hatten für dieses Schuljahr ohnehin mehrere Künstler gebucht, darunter zwei freischaffende Profi-Filmemacher, die mit Schülern an Projekten arbeiten wollten. Die saßen wegen der Schulschließungen nun alle ohne Arbeit zu Hause. Wir haben gefragt, ob sie Lust haben, bei einer verrückten Sache mitzumachen – und alle haben sofort Ja gesagt.

SPIEGEL: Wo kommt das Fernsehstudio her?

Lengwenus: Einer der Filmemacher, Ole Schwarz, hat es übers Wochenende in der Aula aufgebaut. Sehr beeindruckend. Und nun drehen wir jeden Tag ungefähr anderthalb Stunden im Studio oder auch auf dem Schulgelände und strahlen abends die Sendung aus, die immer weiter wächst, länger wird und sich entwickelt.

SPIEGEL: Wie reagieren Ihre Schülerinnen und Schüler?

Lengwenus: Ich bekomme sehr viele Rückmeldungen, viele Nachrichten, Fotos und selbstgedrehte Videos. Viele sind sehr stolz auf ihre Schule. Lehrer ebenso wie Schüler zeigen sich total berührt. Wir sind in dieser Zeit zwar alle getrennt, kommen aber doch irgendwie zusammen.

SPIEGEL: Hilft Ihnen selbst das Format auch?

Lengwenus: Absolut. Schulleiter ist für mich ein Traumjob. Ich liebe es normalerweise, durch die Gänge zu gehen, das Gewusel mitzubekommen. Meine Tür steht immer offen und ich freue mich, wenn Schüler hereinkommen. Ich vermisse das! Dies ist eine freudlose Zeit, ich sitze den ganzen Tag in Telefonkonferenzen und allein in meinem Büro. Die "Late-Night-Show" ist für mich das Highlight des Tages, die mir ein bisschen von der verrückten Normalität zurückgibt.

Lehrer-Protokolle: "Ich kenne meine Schüler jetzt im Schlafanzug"

Wie andere Lehrkräfte derzeit Kontakt zu ihren Schülern halten und digitales Lernen gestalten, lesen Sie unten:

Unterricht per Smartphone: Manchmal ist Funkstille, weil das Datenvolumen aufgebraucht ist (Symbolbild)

Unterricht per Smartphone: Manchmal ist Funkstille, weil das Datenvolumen aufgebraucht ist (Symbolbild)

Foto: Armin Weigel/ dpa

Lehrerin an einer Stadtteilschule in Hamburg*:
"Wenn in dieser Zeit über Homeschooling geredet wird, dann haben viele Menschen leider falsche Vorstellungen. Es wird viel über Familien berichtet, in denen die Kinder in Ruhe vorm Computer sitzen und lernen, bestens unterstützt von ihren Eltern. Aber für viele Schülerinnen und Schüler sieht die Wirklichkeit ganz anders aus.

Ich bin Klassenlehrerin einer 10. Klasse an einer Stadtteilschule. Viele meiner Schülerinnen und Schüler haben keinen Computer zu Hause, geschweige denn einen Drucker. Etliche leben in Flüchtlingsunterkünften, da gibt es oft nicht einmal WLAN. Immerhin haben alle ein Smartphone, aber mitunter ist ihr Datenvolumen aufgebraucht.

Den Unterricht digital zu organisieren, ist unter diesen Umständen ein großes Problem. Ich fahre deshalb regelmäßig in die Schule, kopiere dort stapelweise Arbeitsblätter und schicke meinen Schülern Pakete mit dem Material. Sie bearbeiten dann die Aufgaben, machen mit ihrem Handy ein Foto davon und schicken mir das zu. Ich sehe mir die Bearbeitung an, aber in dem Format kann ich die Aufgaben nur schwer korrigieren und eine Rückmeldung dazu geben.

Manche wohnen mit acht Personen in zwei Containern

Für viele Schülerinnen und Schüler ist es außerdem schwierig, überhaupt einen ruhigen Ort zum Lernen zu finden. Manche wohnen mit acht Personen in zwei Containern einer Flüchtlingsunterkunft. Ich bin aber ganz froh, dass ich überhaupt mit meinen Schülerinnen und Schülern Kontakt halten kann.

Wir haben eine WhatsApp-Gruppe, auch wenn man die aus datenschutzrechtlichen Gründen ja eigentlich nicht haben soll. Als bekannt wurde, dass die Schulen geschlossen werden sollen, habe ich außerdem alle aufgefordert, sich eine E-Mail-Adresse und einen Skype-Account einzurichten.

Zweimal pro Woche skype ich mit meinen Schülern, einmal mit der ganzen Klasse, einmal noch mit Schülerinnen und Schülern in kleinen Gruppen. So sehen sie mich zweimal pro Woche – und ich sie. Dadurch kenne ich meine Schüler jetzt in ihren Schlafanzügen. Manchmal melden sich einige für zwei Tage nicht, weil ihr Datenvolumen aufgebraucht ist, aber dann sind sie wieder da.

Heute Morgen haben wir zum Beispiel eine mündliche Prüfung für den Mittleren Schulabschluss (MSA) simuliert, die Prüfungen stehen ja in den kommenden Wochen an.

Um ein Mädchen mache ich mir große Sorgen

Es gibt nur ein Mädchen, das ich nicht erreiche. Es leidet ohnehin unter Depressionen und hat sich jetzt in der Coronakrise ganz zurückgezogen. Ich stehe in Kontakt mit der Mutter, mache mir aber große Sorgen und fühle mich auch etwas hilflos. Ohne die Coronakrise hätte ich die Schülerin vielleicht so unterstützen können, dass sie ihren Mittleren Schulabschluss (MSA) schafft. Aber ich fürchte, so hat sie ihre letzte Motivation verloren und wird die Prüfungen nicht bestehen.

All das, was wir sonst an sozialer und pädagogischer Arbeit leisten – Hausbesuche bei den Familien, Gespräche mit Eltern und Sozialarbeitern – kommt in diesen Wochen leider zu kurz. Ich versuche, das so gut wie möglich aufzufangen, stoße aber an Grenzen. Gleichzeitig finde ich auch ganz toll, was in meiner Klasse gerade alles läuft, wie die Schüler eine Gemeinschaft bilden, wie sie sich richtig freuen, sich bei Skype zu sehen.

Viele leben in schwierigen Verhältnissen, bekommen kaum Unterstützung von ihren Eltern, etwa weil diese die deutsche Sprache gar nicht beherrschen. Sie müssen sich nun unter sehr schwierigen Bedingungen auf ihre MSA-Prüfungen vorbereiten und entwickeln jetzt einen besonderen Ehrgeiz. Die geben nicht auf."

"Die wenigsten können sich sechs Stunden allein zu Hause konzentrieren"

Lernen zu Hause: "Der Inhalt von Fächern ist nur ein Teil von Schule"

Lernen zu Hause: "Der Inhalt von Fächern ist nur ein Teil von Schule"

Foto: VLADIMIR SIMICEK/ AFP

Lehrerin an einem Gymnasium in Niedersachsen*:
"An unserer Schule gibt es schon seit längerer Zeit eine digitale Lernplattform, von der wir jetzt sehr profitieren: iServ. Da haben alle Schülerinnen und Schüler einen Mailzugang, es gibt Klassenverteiler und Bereiche, wo ich Aufgaben hochladen kann, die von Schülern bearbeitet und mir dann wieder zugeschickt werden können. Wir alle sind im Umgang damit vertraut, und das macht das digitale Lernen vergleichsweise leicht.

Über diese Plattform habe ich bis zu den Osterferien, die gerade in Niedersachsen angefangen haben, mit meinen Schülerinnen und Schülern kommuniziert und sie mit Aufgaben versorgt. Die Sechstklässler sollten etwa ihr Lese-Tagebuch zu Ende bearbeiten.

Mir ist aber wichtig, dass ich die Schüler nicht mit Aufgaben überfrachte. Ich kann nicht erwarten, dass sie eins zu eins das, was wir sonst in der Schule gemacht hätten, nun eben zu Hause abarbeiten.

Es fehlt die Pause, um den Kopf freizubekommen

Die wenigsten Schülerinnen und Schüler sind in der Lage, sich sechs Stunden lang allein auf ihre Aufgaben zu konzentrieren. Das wird in der Schule auch nicht von ihnen erwartet. Da gibt es die Interaktion in der Klasse, das Gespräch im Unterricht, den Austausch mit dem Sitznachbarn und nicht zuletzt die Pause, um den Kopf wieder frei zubekommen. Das alles fehlt zu Hause.

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Mit selbst wiederum fehlt Feedback von den Schülerinnen und Schülern. Wenn ich sonst in die Klasse komme, merke ich gleich, wie die Stimmung ist und was die Kinder gerade beschäftigt. Ich erfahre auch, ob die Aufgaben, die ich stelle, zu schwierig oder zu umfangreich sind. Das alles bekomme ich jetzt nicht richtig mit. Der Inhalt von Fächern ist wirklich nur ein Teil von Schule - das hat sich wohl noch nie deutlicher gezeigt als jetzt.

Ich glaube, dass derzeit alle sehr bemüht sind, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber es ist nicht immer klar, was wirklich richtig ist. Das Kultusministerium in Niedersachsen hat uns Lehrkräfte zum Beispiel aufgefordert, bis zum 15. April Noten für unsere Schülerinnen und Schüler festzulegen. Der Hintergrund ist, dass bis Ende April mitgeteilt werden muss, ob ein Schüler versetzungsgefährdet ist.

Für einige Schüler ist das eine Katastrophe

Da ist es verständlich, dass wir Noten geben sollen, aber für einige Schüler ist das eine Katastrophe, weil wegen der Coronakrise viel regulärer Unterricht ausgefallen ist und sie manche Klausur gar nicht geschrieben haben. So konnten sie sich nicht mehr verbessern. Einige sind versetzungsgefährdet. Das würde ich natürlich gerne persönlich mit ihnen besprechen. Nun kann ich sie nur anrufen.

Ich müsste eigentlich auch wissen, wann die Schule wieder aufmacht und welche Klassenarbeiten noch geschrieben werden sollen. Ich müsste das Schuljahr durchplanen, aber das geht überhaupt nicht."

"Unsere Schüler sind selbstständiges Lernen gewöhnt"

Schülerin mit Tablet in Baden-Württemberg: Längst nicht alle Kinder sind so gut für digitales Lernen ausgerüstet

Schülerin mit Tablet in Baden-Württemberg: Längst nicht alle Kinder sind so gut für digitales Lernen ausgerüstet

Foto: Sebastian Gollnow/ dpa

Ines Hesselmann, Lehrerin an der Münsterlandschule Tilbeck in Nordrhein-Westfalen:
"Unsere Schule hat ein besonderes Konzept: Es geht nicht darum, Kindern und Jugendlichen Fachwissen zu vermitteln, sondern ihre Persönlichkeit zu stärken – und ihnen selbstständiges Lernen beizubringen. Damit sind Schüler bei uns vertraut, egal ob mit fünf oder 19 Jahren. Das nützt uns in diesen Zeiten sehr.

Jedes Grundschulkind zum Beispiel legt jeweils mit uns Lehrkräften regelmäßig einen individuellen Lernplan fest. Darin stehen die individuellen Aufgaben: Was will ich diese Woche machen und schaffen? Als klar war, dass die Schulen geschlossen werden, habe ich jedes Kind zu einer Art Sprechstunde eingeladen und mit ihm gemeinsam besprochen, was zu tun ist.

Die Kinder erarbeiten bei uns auch sogenannte Experten-Vorträge. Da forschen sie zu einem selbst gewählten Thema und erstellen eine kleine Präsentation. Da haben wir auch gemeinsam Themen vereinbart. Meine Tochter, die auch auf die Schule geht, wollte zum Beispiel mehr über Corona wissen. Wer Fragen hat, kann sich an die Eltern wenden oder auch mich kontaktieren.

Das Lernen kann vielleicht Halt geben

Die Älteren bei uns können sich Aufgaben bei digitalen Lernplattformen zusammenstellen. Sie bekommen eine Checkliste, was zu tun ist, können diese abarbeiten und sich danach von ihren Lehrern testen lassen. Wir haben für jeden Schüler und jede Schülerin einen Laptop, zu dem sie immer Zugang haben.

Ich finde aber wichtig, dass das Lernen vom Umfang nicht zu viel wird: Weniger ist mehr. Das Lernen kann jedoch vielleicht Halt geben und von der schwierigen Situation etwas ablenken. Ich schreibe meinen Grundschülern außerdem jede Woche einen Brief mit persönlichen Fragen und bekomme wunderbare Briefe, Bilder und Fotos zurück. Zum Beispiel ein Rezept für einen Regenbogen-Kuchen, der gute Laune verbreiten soll.

#MeinLehrerIstSeltsam
Foto: Julian Stratenschulte/ picture alliance/dpa

Welche skurrilen Dinge tun oder sagen Ihre Lehrer und Lehrerinnen? Und welche Begegnungen mit liebenswert nerdigen oder exzentrischen Lehrkräften haben Ihre Schulzeit unvergesslich gemacht? Oder ist Ihnen vielleicht selbst einmal etwas Peinliches im Klassenzimmer passiert?

Schicken Sie uns hier Ihre Erinnerungen.  (Mit einer Einsendung erklären Sie sich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL.de und in sämtlichen anderen Medien und Produkten der SPIEGEL-Gruppe einverstanden; zudem versichern Sie dadurch, dass sich das Ereignis wie beschrieben zugetragen hat.)

Die Schulen sind jetzt erst mal für drei Wochen zu, die lassen sich leicht überbrücken. Aber Kinder lernen über Beziehung, und die kommt trotz solcher Briefe nun zu kurz. Ich war gestern mit einer Schülerin über einen Videochat in Kontakt, um sie so zum Lernen zu Hause in Zeiten von Corona zu beraten.

Wenn die Schulen weiter zu bleiben, werde ich das mit anderen Kindern fortführen und zumindest per Videoschalte mit Einzelnen persönlich Kontakt halten."

*aus Datenschutzgründen bleiben diese Lehrkräfte anonym