Leistungsdruck an Bayerns Schulen »Da hilft kein Appell, sondern nur eine Anweisung vom Dienstherrn«

Der bayerische Kultusminister bat Lehrerinnen und Lehrer um Augenmaß bei der Verteilung von Schulaufgaben. Laut Elternverband reicht das nicht: Viele Lehrkräfte seien nach den Lockdowns übereifrig.
Ein Interview von Swantje Unterberg
Unterricht unter Pandemiebedingungen

Unterricht unter Pandemiebedingungen

Foto: Matthias Balk / picture alliance/dpa
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Jan Roeder / BLLV

Martin Löwe, Jahrgang 1967, ist seit 2014 Landesvorsitzender des Bayerischen Elternverbands BEV.

SPIEGEL: Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) mahnt seine Lehrkräfte zu mehr Augenmaß bei den Schulaufgaben. Was ist da los?

Löwe: Viele Lehrkräfte machen nach den Schulschließungen weiter, als wäre nichts gewesen. Sie wollen die entstandenen Lücken mit Übereifer schließen.

SPIEGEL: Woran machen Sie das fest?

Löwe: Wir kriegen jede Menge Meldungen von Eltern, dass bei den Kindern jetzt wieder großer Druck aufgebaut wird. Dabei sollte doch nach Schulschließungen oder quarantänebedingten Unterrichtausfällen den Kindern das Ankommen wieder ermöglicht werden. Dazu braucht es Erleichterungen, aber das ist bei vielen Schulen leider nicht angekommen. Wir bekommen natürlich nur zu hören, wenn etwas nicht klappt. Es gibt bestimmt Schulen, die das besser handhaben.

SPIEGEL: Lehrerinnen und Lehrer sehen wahrscheinlich die Omikron-Wand aufziehen und wollen vor den Halbjahreszeugnissen noch schnell ein paar Noten festklopfen.

Löwe: Das Verhalten kennen wir von vor gut einem Jahr, als vor Weihnachten 2021 Schulschließungen drohten. Da wurden massiv Noten auf Vorrat gesammelt. Soweit wir das beurteilen können, ist das aktuell nicht der Fall. Es hagelt keine Probearbeiten. Aber eben Aufgaben, um den Schulstoff nachzuholen.

»Das Bildungssystem ist ein schwerfälliger Tanker«

SPIEGEL: Muss man die verpasste Leistung nicht aufholen?

Löwe: Es ist nicht die Schuld der Kinder, dass das Schuljahr nicht normal verläuft. Auch wir sind dafür, dass Abschlussleistungen nicht verwässert werden, ein gewisses Niveau muss gegeben sein. Die Lehrpläne wurden aber schon zu Beginn des letzten Schuljahres überarbeitet. Es gibt eine Menge nicht prüfungsrelevante Füllmasse, hier haben die Lehrkräfte Spielraum, entsprechend auszuwählen. Das klappt aber seit nun eineinhalb Jahren nicht.

SPIEGEL: Der Appell von Kultusminister Piazolo kommt also gerade recht?

Löwe: Wir kennen solche Appelle schon. Das Bildungssystem ist ein schwerfälliger Tanker und die Beteiligten verfahren so, wie sie es immer getan haben, statt nach Unterrichtsausfällen umzuschwenken. Da hilft kein Appell, sondern nur eine Anweisung, die auch umgesetzt wird. Die könnte man von einem Dienstherrn eigentlich erwarten.