Miriam Olbrisch

Schulbetrieb in der Pandemie Nichts gelernt?

Miriam Olbrisch
Ein Kommentar von Miriam Olbrisch
Ein Kommentar von Miriam Olbrisch
Das laufende Schuljahr ist verloren. Wenn Politik und Verwaltung die Sommerferien diesmal wieder nicht nutzen, können wir auch das kommende abschreiben. Leidtragende sind die Kinder.
Wegen der Coronapandemie bleiben viele Klassenzimmer in Deutschland leer (Symbolbild).

Wegen der Coronapandemie bleiben viele Klassenzimmer in Deutschland leer (Symbolbild).

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Seit gut vier Monaten sitzen Schülerinnen und Schüler in vielen Städten und Landkreisen ganz oder phasenweise zu Hause. Es gibt Kinder, die haben in diesem Jahr ihre Schule noch kein einziges Mal von innen gesehen.

Und das wird vielerorts wohl auch vorerst so bleiben. Der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD) sagte in einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt , er glaube nicht, dass die Kinder seiner Stadt in den verbleibenden Monaten bis zu den Sommerferien noch vollständig in ihre Klassenzimmer zurückkehren werden. »Unter den jetzigen Rahmenbedingungen müssen wir damit rechnen, dass es beim Wechselunterricht bleibt.«

Man könnte es auch so formulieren: Das laufende Schuljahr ist verloren.

Gerade die Kleinsten brauchen Präsenzunterricht

Natürlich geben sich die allermeisten große Mühe, das Lernen zwischen Küchentisch und Wohnzimmercouch irgendwie hinzubekommen: Eltern, Lehrkräfte und die Kinder und Jugendlichen selbst müssen Woche für Woche Improvisationstalent, Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz unter Beweis stellen, um im Pandemiealltag irgendwie zu bestehen. Sogar die Technik ruckelt längst nicht mehr so sehr wie noch vor einem Jahr.

Trotzdem sind sich Experten einig: Präsenzunterricht ist auf der Langstrecke nicht zu ersetzen, vor allem nicht bei jüngeren Schülerinnen und Schülern. Viel zu oft sitzen die Kinder vor schwarzen Bildschirmen, weil die Server zusammenbrechen, sobald alle die Kamera anschalten. Gut möglich, dass unter den Kleinsten mittlerweile einige das Lernen verlernt haben – haben manche von ihnen doch mittlerweile mehr Zeit im Heimunterricht als in der Schule verbracht. Aber auch bei den Älteren wird die Pandemiezeit Spuren hinterlassen.

Die Motivation schwindet

Da ist, einerseits, die Lernmotivation. Nach einer aktuellen Umfrage des Münchner ifo-Instituts unter rund 2000 Eltern haben Schulkinder im zweiten Lockdown durchschnittlich 4,3 Stunden pro Tag mit schulischen Tätigkeiten verbracht.

Das ist zwar eine knappe Dreiviertelstunde mehr als während der ersten Schulschließung vor rund einem Jahr – aber immer noch drei Stunden weniger als an einem üblichen Schultag vor Beginn der Pandemie. Zum Vergleich: Mit Computerspielen, Fernsehen und dem Handy beschäftigten sich die Kinder im Schnitt 4,6 Stunden am Tag.

Nachhilfeprogramm des Bundes kommt später

Da sind, zweitens, die Lernlücken. Das milliardenschwere Nachhilfeprogramm, das Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) so eilig anschieben wollte, damit Kinder den verpassten Stoff nachholen können, verschiebt sich auf den Herbst. Die Familien seien aktuell zu belastet, »deswegen sollten wir ihnen jetzt nicht noch zusätzliche Aufgaben geben«, sagte die Ministerin letzte Woche im Bundestag.

Außerdem wisse man ja nicht, wie groß die Lernrückstände bei den Kindern tatsächlich seien. Das sollten die Länder doch bitte erst mal erheben, so die Ministerin.

Und, schwups, ziehen weitere Monate ins Land. Dabei haben wir keine Zeit mehr zu verlieren, das betonen Bildungsfachleute, Länderchefinnen und -chefs und auch die Bundeskanzlerin nahezu täglich.

Jetzt ans kommende Schuljahr denken – und die Sommerferien nutzen

Wenn dieses Schuljahr schon nicht mehr zu retten ist, dann wird es höchste Zeit, an das kommende zu denken – und zwar jetzt.

Schon im vergangenen Jahr hagelte es Kritik, Politik und Verwaltung hätten es versäumt, die Sommerferien zu nutzen, um die Schulen für die folgenden Wochen und Monate im Zeichen der Pandemie fit zu machen.

Bis heute mangelt es in vielen Schulen an Lüftungsanlagen, an einer ausreichenden Anzahl von Waschbecken (mit Seife und Handtüchern!), an Desinfektionsmitteln, an einem verlässlichen Testkonzept. Die deutsche Bildungsinfrastruktur ist noch immer nicht coronaresistent.

Schulen ausstatten, Lernlücken schließen

Die Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen sollten die kommenden Sommerferien dazu nutzen, endlich die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen: die Klassenräume auszustatten und umzubauen, ein Konzept entwickeln, wie sich das Testen verlässlich in den Schulalltag integrieren lässt – und einen Fahrplan aufstellen, wie Kinder und Jugendliche den verpassten Schulstoff aufholen können.

Ideen dafür gibt es zuhauf: Eine Berliner Schule öffnet samstags und lädt Kinder ein, auf freiwilliger Basis zu pauken. Hamburg möchte Lehramtsstudierende nachmittags in die Schulen schicken, die als Mentoren mit schwächeren Schülerinnen und Schülern arbeiten sollen. Mehrere Bundesländer bieten sogenannte »Lernferien« an: Kinder und Jugendliche arbeiten hier in kleinen Gruppen versäumten Stoff nach.

Die Verantwortlichen sollten auch die Lehrkräfte in den Blick nehmen. Denn noch immer klafft eine große Lücke zwischen denen, die sich im Pandemiebetrieb über die Maßen engagieren und deshalb langsam ausbrennen, und solchen, die sich eher weniger bemühen.

Während die einen rund um die Uhr für ihre Schüler erreichbar sind, Online-Unterricht stemmen, Aufgaben korrigieren und auch bei Kummer ein offenes Ohr haben, schicken andere im schlimmsten Fall einmal pro Woche kommentarlos ein Arbeitsblatt. In der ifo-Studie gaben 39 Prozent der Eltern an, ihr Kind habe höchstens einmal wöchentlich Online-Unterricht gemeinsam mit Klassenkameraden gehabt.

Sommerferien dürfen keine Verschnaufpause sein

Schulleitungen und Kultusministerien sollten zum neuen Schuljahr endlich verbindliche Mindeststandards für den Heimunterricht erarbeiten. Auch für die Lehrkräfte dürfte es hilfreich sein zu wissen, was von ihnen erwartet wird – und was nicht.

Die Sommerferien dürfen für die schulischen Entscheidungsträger keine Verschnaufpause werden. Denn, machen wir uns nichts vor: Auch wenn immer mehr Menschen geimpft sind, wird Corona am Ende der Sommerferien vermutlich noch nicht Geschichte sein.