Studie Warum Eltern ihren Kindern nicht vorlesen

Für Bildungsbürger undenkbar: Rund ein Drittel aller Eltern lesen ihren Kindern nur selten oder gar nicht vor. Keine Zeit oder keine Lust? Manche Eltern trauen ihren Fähigkeiten nicht, zeigt eine Studie.
Mit Kindern über einem Buch hängen: Manche Eltern trauen sich das nicht zu (Symbolbild)

Mit Kindern über einem Buch hängen: Manche Eltern trauen sich das nicht zu (Symbolbild)

Foto: Julian Stratenschulte/ DPA

Die meisten Eltern müssen nicht mehr überzeugt werden: Sie lesen ihren Kindern ohnehin regelmäßig vor - und fördern damit nicht nur deren Spaß an Büchern, sondern auch den Schulerfolg, wie die Stiftung Lesen geradezu unermüdlich bei der Vorstellung ihrer jährlichen Vorlesestudie betont. Zu den wiederkehrenden Ergebnissen gehört allerdings auch, dass rund ein Drittel der befragten Mütter und Väter ihren Kindern nie oder selten vorliest.

Warum nicht? Und wie ließe sich dies ändern? Das wollten die Stiftung Lesen und ihre Unterstützer von der "Zeit" und der "Deutschen Bahn" dieses Mal genauer wissen. 526 Eltern von Kindern im Alter von einem bis sechs Jahren, die zuvor angegeben hatten, dass sie ihren Kindern nur ein Mal pro Woche, seltener oder nie vorlesen, wurden persönlich befragt. So wollten die Forscher herausfinden, ob es den Müttern und Vätern an Lesestoff fehlt, am guten Willen oder schlicht an den Möglichkeiten, ihren Kindern vorzulesen. Die Ergebnisse:

Mehr als jedes zehnte Kind besitzt kein Buch

  • Die befragten Eltern hatten im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung etwas öfter eine formal niedrigere Bildung, etwas häufiger einen Migrationshintergrund und waren öfter alleinerziehend. Dass Eltern nicht oder selten vorlesen, kommt aber auch bei Akademikern, zusammenlebenden Elternpaaren und ohne ausländische Wurzeln vor.

  • In den befragten Familien gab es deutlich weniger Bücher: 68 Prozent der Kinder besaßen höchstens zehn Bücher, während dies im Durchschnitt der Bevölkerung nur für 13 Prozent gilt. Die meisten Kinder haben mehr Bücher. 13 Prozent der Kinder aus den befragten Familien besaßen überhaupt kein Buch.

  • Ausschlaggebend für das Nicht-Vorlesen scheint das fehlende Material jedoch nicht zu sein. Die deutliche Mehrheit der Eltern sieht keine größeren Schwierigkeiten darin, passende Bücher zum Vorlesen zu beschaffen, und zwar auch dann nicht, wenn es Bücher in einer anderen Muttersprache als Deutsch sein sollen, geht aus der Studie hervor.

Trotzdem, wenn es niedrigschwellige Buchangebote gibt, greifen Eltern der Befragung zufolge mit ihren Kindern öfter zum Buch, als wenn dies nicht der Fall ist. Das erste Fazit der Stiftung Lesen lautet deshalb: "Die Geschichten müssen zu den Familien kommen." Die Stiftung verweist auf Buchgeschenke, aber auch Vorlesegeschichten zum Mitnehmen etwa in Kitas, Arztpraxen, Apotheken und ähnlichen Orten, im Idealfall in verschiedenen Sprachen.

Eltern sind "zu müde zum Vorlesen"

Weniger als am Lesestoff scheint das Vorlesen häufiger an der nötigen Energie der befragten Eltern zu scheitern. Das Vorlesen passt demnach nicht mehr in ihren stressigen Alltag. Fast die Hälfte stimmt mindestens einer der folgenden Aussagen zu:

"Ich bin zu erschöpft und müde zum Vorlesen."

"Wenn ich mal zu Hause bin, habe ich anderes zu tun."

"Ich habe keine Zeit dafür."

Viele Eltern fühlen sich nicht fürs Vorlesen zuständig, sondern sehen die Aufgabe anderweitig erfüllt: "Mein Kind bekommt woanders schon genug vorgelesen, zum Beispiel in der Kita", sagen 48 Prozent. Dass gerade sie als Eltern wichtig sind, sei ihnen nicht bewusst, heißt es in der Studie. Manche Eltern glauben demnach auch, dass sie selbst nicht über die nötigen Fähigkeiten zum Vorlesen verfügen:

"Ich kann nicht so gut vorlesen", sagen 28 Prozent.

"Ich kann nicht so gut lesen", geben 15 Prozent an.

Das zweite Fazit der Stiftung Lesen lautet vor diesem Hintergrund: Vorlesen müsse sich möglichst einfach in die Zeit integrieren lassen, die Eltern ohnehin bereits gemeinsam mit ihren Kindern verbringen. "Es lässt sich zum Beispiel gut mit Filmen und Serien verbinden – immerhin schauen 49 Prozent der Eltern mit ihren Kindern regelmäßig Videos", heißt es in der Studie.

Die Figuren dieser Filme und Serien tauchten in zahlreichen Büchern und Geschichten auf, die sich gut zum Vorlesen und Betrachten eignen. Zudem sollte das Vorlesen etwa mit Aktivitäten wie Basteln verknüpft werden, weil dies viele Eltern bereits mit ihren Kindern täten: "Es muss ja nicht lange dauern. Fünf Minuten Vorlesen zwischendurch sind besser als nichts!"

Informationen zur Vorlesestudie 2020

Für die Studie wurden 528 Eltern von 1- bis 6-jährigen Kindern befrgt, davon 358 Mütter und 170 Väter. Sie wurden nach ihrem Vorleseverhalten und quotierten soziodemografische Merkmalen nach Erkenntnissen früherer Vorlesestudien ausgewählt. Die Studie ist nach Angaben der Autoren repräsentativ für die Gruppe der selten und nie vorlesenden Eltern bundesweit.

Die Mütter und Väter wurden persönlich-mündlich in Haushalten bundesweit mittels standardisiertem Fragebögen vom 26. Mai bis 25. Juni 2020 von dem Umfrageinstitut iconkids & youth München befragt.

"Vorlesen ist altmodisch"

Wenn Eltern ihren Kindern nie oder nur selten vorlesen, liegt das der Befragung zufolge oft auch daran, dass es ihnen selbst wenig Freude bereitet oder sie dies gar nicht für sinnvoll halten:

"Vorlesen macht mir nicht so viel Spaß", geben 49 Prozent zu.

"Mein Kind ist dafür zu unruhig und hört nicht wirklich zu." Dieser Aussage stimmen 44 Prozent der befragten Mütter und Väter zu.

"Mein Kind will gar nicht vorgelesen bekommen", sagen 31 Prozent.

"Ich finde Vorlesen nicht so wichtig", sagen 27 Prozent.

"Vorlesen ist altmodisch, heutzutage kann man Kinder mit modernen Medien beschäftigen", finden 25 Prozent.

Viele Eltern glauben, dass andere Mütter und Väter ihren Kindern nur deshalb vorlesen, weil diese sonst nicht einschlafen oder sich nicht anderweitig selbst beschäftigen könnten. Die Hälfte der Eltern dagegen kann nicht recht benennen, woran das Vorlesen bei ihnen scheitert: "Ich würde gerne mehr vorlesen, aber irgendwie wird da nichts draus."

"Mir wurde in meiner Kindheit auch nicht vorgelesen", erklären 21 Prozent.

Viele der befragten Eltern stünden dem Vorlesen kritisch gegenüber, etwa weil sie darin Anforderungen sähen, denen sie sich nicht gewachsen fühlten, etwa dass sie ihre Stimme verstellen oder besonders gut vorlesen müssten, heißt es in der Studie. Vielen Eltern sei als Kind selbst nicht vorgelesen worden. "Ihnen fehlt die Erfahrung, dass Vorlesen im Alltag aller Familien möglich ist – ohne Vorkenntnisse und ganz anders als gedacht."

Das dritte Fazit der Stiftung lautet deshalb: "Wir wollen Hemmschwellen abbauen und konkret zeigen, dass Vorlesen viel leichter ist, als viele denken." Simone Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung bei der Stiftung Lesen, sagt, an der Studie habe sie überrascht, dass sich viele der befragten Mütter und Väter so klar von vorlesenden Eltern abgrenzten. Hier komme es nun darauf an, Vorbehalte abzubauen, und zwar keinesfalls mit erhobenem Zeigefinger. Dann wirke das Vorlesen unter Umständen wie eine zusätzliche Belastung.

"Eltern, die nicht vorlesen, sind häufig stark im Alltag gefordert", sagt Ehmig, etwa weil sie schwer arbeiten müssten. "Umso wichtiger ist, dass sie in der knappen Zeit mit ihrem Kind erleben, dass Vorlesen ihnen selbst und ihren Kindern einfach guttut - und Spaß macht."

Werbung für das Vorlesen soll unter anderem der bundesweite Vorlesetag am 20. November machen. Da gingen in den vergangenen Jahren viele Freiwillige, darunter etliche Prominente, in Kitas und Schulen, um vorzulesen. Zudem gibt es an vielen Schulen verschiedenste Aktionen, um Kindern den Spaß an Büchern nahezubringen, etwa über ehrenamtliche Lesepaten, die Schülerinnen und Schülern regelmäßig vorlesen.